Galerien : Kunst im Treibhaus

Welche Krise? Mit finanzieller Ungewissheit ist die Szene vertraut. In Berlin eröffnen verblüffend viele Galerien für Malerei, Fotografie und Klangkunst.

Christiane Meixner

Es gibt diesen Punkt im Raum, an dem man die wunderbare Arbeit von Zadok Ben-David aus zwei konträren Blickwinkeln sieht: nachtschwarz die eine Seite, ein Feuerwerk aus Farben die andere. Der israelische Künstler hat in der Galerie Albrecht einen Teppich aus Sand gestreut und darauf tausende Blumen arrangiert. Zarte Pflänzchen aus dünnem Metall, deren Silhouetten stolz in die Luft ragen. Wer die neuen Räume der Galerie in der Charlottenstraße 78 betritt, der sieht erst einmal dunkle Scherenschnitte, bevor er sich von ihren leuchtenden Rückansichten beeindrucken lässt.

Ein wenig spiegelt diese Kunst auch die Situation der Galerie wider. Nach über zwei Jahrzehnten hat Susanne Albrecht München verlassen. Mitsamt ihrem künstlerischen Programm, das Namen wie Jonathan Borofsky, Peter Halley oder Tom Wood nach Berlin bringt. Und Ben-David, den sie 1999 zum letzten Mal in ihrer Galerie nahe der Maximilianstraße gezeigt hat. Dass er nun den Auftakt in den frischen Räumen macht, markiert zugleich die feine Neujustierung, die Susanne Albrecht hier vornimmt – hin zu Positionen, die sich in München schwerer als andere vermitteln ließen.

„Ach was, nach Berlin gehen Sie? Da sind doch schon alle!“ Den Satz hat die Galeristin in den vergangenen Monaten häufig gehört und dennoch nicht gezögert. Ungern denkt sie an Eröffnungen zurück, zu denen trotz namhafter Künstler gerade eine Handvoll Gäste kam. Das waren die schwarzen Momente. Zu ihrer persönlichen Blütezeit erklärt sie die Gegenwart: „Berlin bringt Veränderungen mit sich und mehr Anreiz, sich zu präsentieren.“ Was spielt es da für eine Rolle, wenn schon ein paar hundert Kollegen am selben Ort sind?

Ganz ähnlich sieht das Luis Campaña. Auch er hat lange gewartet und auf die „Möglichkeit eines pluralistischen Modells“ gehofft. Darauf, dass Köln ein starker, historischer Standort für das Kunstgeschehen bleibt und Berlin der zusätzliche Faktor wird. Das ist nicht geschehen. Der Diskurs, glaubt Campaña, findet in der Hauptstadt statt, und wer ihn mitgestalten will, der muss seine Künstler hier präsentieren. So hat auch Campaña als einer der zentralen Vermittler für Künstler wie Dirk Skreber, Monika Baer oder Björn Dahlem seine Sachen im Rheinland gepackt, weil „man sich für die Zukunft entscheiden muss.“ Für den 43-Jährigen liegt sie in der Axel-Springer-Straße 43, wo er heute Abend mit einer Ausstellung von Seb Koberstädt eröffnet (ab 18 Uhr). Dessen harsche Skulpturen aus Holz, Beton und Wildschweinfell erinnern zwar entfernt an Möbel, stellen aber sämtliche formalen und inhaltlichen Bezüge der sie umgebenden Architektur auf den Kopf.

Der Berliner Galeristin Sassa Trülzsch gelingt das auch ohne Zutun ihrer Künstler. Einen Steinwurf vom ehemaligen Ausstellungsraum entfernt, richtet sie in der Schöneberger Blumenthalstraße derzeit ein altes Ladenlokal zur neuen Galerie her. Mit der Erweiterung von 20 auf 80 Quadratmeter erfolgt zugleich eine Konzentration: Sechs Künstler prägen künftig das Programm der jungen Galeristin, die eine schier unstillbare Neugier auf die Unmittelbarkeit künstlerischer Intervention antreibt.

Mit der Ungewissheit finanzieller Erfolge sind Künstler wie Galeristen seit jeher vertraut, und vielleicht ist dies ein Grund für die allgemeine Zuversicht, mit der sie auf die momentane Situation reagieren. Schließungen wie die von Julius Werner, der vorerst keine Ausstellungen mehr zeigt und noch nicht entschieden hat, was mit der großen Galerie in Kreuzberg passiert, sind die Ausnahme. Wo man hinschaut, ziehen etablierte Galeristen wie Torsten Reiter hinzu, der Anfang des Jahres eine Dependance seiner Leipziger Maerzgalerie in den Sophie-Gips-Höfen aufgemacht hat. Andere entscheiden sich für größere Räume und jemand wie Stefan Westphal, überhaupt erst richtig anzufangen: 17 Jahre lang hat er in der Galerie Brusberg gearbeitet, seit letzter Woche zeigt Westphal nun Malerei von Carsten Kaufhold in eigenen Räumen (Paul-Robeson-Straße 42). Wonkyung Byun war von Ghana Art mit der Suche nach einem neuen Ausstellungsort in Berlin betraut. Als sich die Seouler Großgalerie aus finanziellen Gründen zurückzog, entschied sich der ehemalige Leiter der Pariser Dependance für eine eigene Galerie und übernahm kurzfristig die alten Räume der Wohnmaschine. In die ehemalige Galerie von Anna Augstein (Fasanenstraße 68) ist Johanna Breede gezogen: Sieben Jahre war die Fotoexpertin für die Villa Grisebach tätig, seit dem 3. April stellt sie in eigener Regie aus. Als Erstes Fotografien von Hannes Kilian, einem der erfolgreichsten Bildjournalisten des vergangenen Jahrhunderts.

Einen programmatischen Schwerpunkt setzt auch Mario Mazzoli mit seiner Galerie in der Zimmerstraße 13. Der Italiener hat sich auf Klangkunst spezialisiert und zeigt in seiner ersten Ausstellung das Potenzial des Mediums – vom ästhetischen Arrangement eines Douglas Henderson, der Skulpturen aus Schall und Wasser schafft, bis zur laborhaften Situation, der Agostino Di Scipio fragile Töne entlockt. Weil jede Arbeit Raum zum Klingen braucht, teilt sich die Galerie in mehrere Kabinette, die man fast wie eine Privatwohnung durchwandert.

Das Gegenteil wird die Galerie von Patrice Vuillard sein. Der Franzose zieht in das Hilton-Hotel am Gendarmenmarkt und eröffnet am 22. April repräsentative Räume im ersten Stock. Ende des Monats folgt die renommierte New Yorker Galerie Moeller Fine Art, die sich mit einer Dependance am Tempelhofer Ufer niederlässt und zum Einstieg das Frühwerk von Lyonel Feininger präsentiert. Das können nicht alles Hasardeure sein, denen die aktuelle Krise egal ist. Sicher wurden zahlreiche Entscheidungen schon vor dem September getroffen und ein Rückzug wäre fatal gewesen. Dennoch offenbaren die Zuzüge, dass Berlin sich als Kunstmarkt weiterentwickelt. Und dass möglichst viele daran teilhaben möchten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben