Gallery Weekend Berlin : Kleine Kraftpakete im großen Glücksspiel

Das Gallery Weekend steht vor der Tür: 51 Berliner Galerien präsentieren ab Freitag internationale Kunst, zum Teil an ungewöhnlichen Orten. Ein erster Überblick.

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"Being There ,Je de Paume" heißt das Werk des Designers Jerszy Seymour aus dem Jahr 2009. In seiner Ausstellung „The Universe Wants to Play“ verwischt er die Grenzen der Disziplinen. Zu sehen ist sie beim Gallery Weekend in der Galerie Crone n der Kreuzberger Rudi-Dutschke-Str. 26, die Vernissage findet am Freitag, den 26.4., um 19 Uhr statt. Die Ausstellung geht bis zum 8. Juni.
"Being There ,Je de Paume" heißt das Werk des Designers Jerszy Seymour aus dem Jahr 2009. In seiner Ausstellung „The Universe...Foto: Courtesy Jerszy Seymour, Villa Noailles and Galerie Crone

Galerien sind so old school, dass eigentlich keiner kommen dürfte. Schon gar nicht aus New York, denn dort sieht der renommierte Kunstkritiker Jerry Saltz die Galerienszene in der Agonie. Immer weniger Besucher, immer dünner der Diskurs. Kunstmessen und Auktionen seien die aktuellen Treffpunkte. Was Saltz bedauert: Er sieht das intensive Erlebnis Kunst zur Anlage und Geschmacksfrage degradiert.

Aus dieser Perspektive wirkt der Mangel von Berlin fast wie ein Glück. Wer keine Messe hat, der konzentriert sich auf Alternativen. Und die Galerie, diese Kraftzelle für immer neue Künstlerkarrieren und Ideen, ist nun einmal der Ort, für den ihr Inhaber aus den verschiedensten Gründen die größten Sympathien hegt.

Highlights vom Gallery Weekend
"Being There ,Je de Paume" heißt das Werk des Designers Jerszy Seymour aus dem Jahr 2009. In seiner Ausstellung „The Universe Wants to Play“ verwischt er die Grenzen der Disziplinen. Zu sehen ist sie beim Gallery Weekend in der Galerie Crone n der Kreuzberger Rudi-Dutschke-Str. 26, die Vernissage findet am Freitag, den 26.4., um 19 Uhr statt. Die Ausstellung geht bis zum 8. Juni.Alle Bilder anzeigen
1 von 8Foto: Courtesy Jerszy Seymour, Villa Noailles and Galerie Crone
24.04.2013 17:31"Being There ,Je de Paume" heißt das Werk des Designers Jerszy Seymour aus dem Jahr 2009. In seiner Ausstellung „The Universe...

Die Gründe dafür begreift man während des Berliner Gallery Weekend (26. – 28. April) sofort. Weshalb etwa sollte Johann König die neuen Arbeiten von Monica Bonvicini in eine Koje sperren, wenn sie in seiner Galerie-Halle ungleich besser wirken? Dasselbe gilt für St. Agnes, jene spröde Kirche in der Alexandrinenstraße, die Königs künftiges Quartier wird und die nun temporär Werke der Künstlerin Alicja Kwade aufnimmt. Ein Messeauftritt hält da nicht mit. Auch wenn er Sammlern einen schnellen und dichten Überblick ermöglicht. Es fehlt: das sinnliche, ästhetische Abenteuer.

In Berlin beweisen an diesem Wochenende allein 51 Galerien, dass beides möglich ist: viel sehen und intensives Erleben. Ein Vip-Shuttle bringt eilige Weekend-Besucher von Kreuzberg nach Mitte, wo Contemporary Fine Arts die dissonanten Metallskulpturen von Thomas Kiesewetter in ähnlich großen Räumen zeigen. Die anderen mäandern mit der BVG, im Auto oder per Fahrrad durch die Stadt und werden entdecken, dass sich in den vergangenen Monaten schon wieder einiges ereignet hat.

Die Galerie September zum Beispiel ist erneut umgezogen und hat neben Sassa Trülzsch Platz genommen. Ein Paradebeispiel guter Beziehungen: Die Galerie Trülzsch nimmt mit Vintage Prints von Roswitha Hecke, die 1978 parallel zum Fotobuch über die Künstlermuse und Prostituierte aus Zürich entstanden sind, ganz offiziell am Gallery Weekend teil. Und September? Nutzt wie andere spannende Räume die erweiterten Öffnungszeiten, lässt Carsten Fock die Schau „Was ich gut finde“ mit anderen in Berlin lebenden Künstlern kuratieren – und teilt sich mit der Nachbarin den Garten, um Getränke zu servieren.

Am selben Ort seit zwanzig Jahren und doch völlig anders präsentiert sich die Galerie Eigen + Art in Mitte. Die alten, verschachtelten Räume sind einem white cube gewichen und demonstrieren, dass Judy Lybke weiter seinem eigenen Kopf gehorcht – wo doch der klinisch weiße Raum gerade an Attraktivität verliert. Die erste Einzelausstellung nach dem Umbau absolviert Carsten Nicolai mit einer Verbeugung vor dem Video-Pionier Nam June Paik.

Neue Räume haben die Galerien Peres Projects (Karl-Marx-Allee 82), wo Alex Israel verschiedenfarbige „Self-Portraits“ ausstellt, und PSM bezogen. Hier beschäftigt sich Ariel Reichmann in einer minimalistischen Raumarbeit mit der Aufmerksamkeit des Betrachters. Ein ebenso leiser wie lohnender Maler ist Dirk Stewen in der Galerie Gerhardsen Gerner, der allen Umzügen zum Trotz in den S-Bahn-Bögen am Holzmarkt geblieben ist. Mit Jerszy Seymour in der Galerie Crone und Oscar Murillo bei Isabella Bortolozzi offenbart sich die ganze Spannbreite des Wochenendes. Der eine ist eigentlich Designer und verwischt in seiner Ausstellung „The Universe Wants to Play“ die Grenzen der Disziplinen gründlich. Der andere wird, gerade einmal 26-jährig, als kommendes Talent gefeiert. Seine textilen Arbeiten sind zeitgleich in der Galerie zu sehen, außerdem in Bortolozzis neuem Projektraum (Bülowstr. 74) und in einem ehemaligen Luftschutzbunker in der Lützowstraße.

51 Galerien öffnen an diesem Wochenende ihre Pforten und zeigen insgesamt 66 Ausstellungen, mit Malerei, Videos, Installationen und Fotografie. In unserer Bildergalerie findet sich eine Auswahl einiger Highlights vom Gallery Weekend. VIPs nehmen Shuttle-Busse, aber auch das Rad und die BVG tun es. Sämtliche Projekte werden am Freitag, den 26.4., zwischen 18 und 21 Uhr eröffnet. Am Samstag und Sonntag, den 27. und 28. 4. haben alle offiziellen Teilnehmer und zahlreiche weitere Berliner Galerien geöffnet, von 11 bis 19 Uhr. Die vollständige Liste der Galerien und ihrer Künstler findet sich auf: www.gallery-weekend-berlin.de.
51 Galerien öffnen an diesem Wochenende ihre Pforten und zeigen insgesamt 66 Ausstellungen, mit Malerei, Videos, Installationen...Grafik: Tagesspiegel/Pieper-Meyer

Konkurrenz scheint dem Gallery Weekend allein aus dem Kunsthaus Lempertz zu erwachsen. Hier findet vom 26.4. bis zum 4.5. (tgl. 11–17) Uhr eine Vorbesichtigung von Highlights aus den Sammlungen Rau und Teutloff statt, die Ende Mai in Köln versteigert werden. Am 27.4. diskutieren um 12 Uhr unter anderem Judy Lybke und der Sammler Christian Schwarm darüber, wie die digitale Revolution den Sammler verändert. Konkurrenz? Wer genauer hinschaut, erkennt in dem Auktionshaus in der Poststraße 21 einen jungen Partner für Berlins Galerien, der seine Räume immer wieder für Projekte zur Verfügung stellt.

Die Liste aller am Weekend beteiligten Galerien: www.gallery-weekend-berlin.de

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