Gallery Weekend – Tipps zum Wochenende : Papier und Porzellan

Lempertz lädt zur Vorbesichtigung, das Galerienhaus lockt mit Talks - und es gibt mit der "Paper Positions" eine neue Messe.

Die Davis Klemm Gallery zeigt Werner Berges’ „Die Beiden“ von 1967 auf der „Paper Positions“.
Die Davis Klemm Gallery zeigt Werner Berges’ „Die Beiden“ von 1967 auf der „Paper Positions“.Foto: Paper Positions

Das Gallery Weekend Berlin: Erfunden hat es eine Gruppe von Galeristen, um internationale Sammler im Frühjahr geballt in die Stadt zu holen. Inzwischen ist das erfolgreiche Modell zum Synonym für ein langes Wochenende geworden, an dem sich ganz Berlin von seiner besten Kunst-Seite zeigt. Was die 47 offiziellen Teilnehmer bieten, steht auf der Website www.gallery-weekend-berlin.com. Aber es gibt viel mehr.

Paper Positions - eine Messe für Kunst mit Papier

Erinnert sich vielleicht noch jemand an die erste Kunsthalle der Stadt im Westen? Heinrich Carstens, Direktor der neuen Messe „Paper Positions“, hat sich dort in den achtziger Jahren diverse Ausstellungen angeschaut – am selben Ort im Bikini-Haus, wo er jetzt steht und über jene 30 Galerien spricht, die mitmachen bei dem jungen Format. 2016 gab es von ihm und dem Berliner Galeristen Kristian Jarmuschek im Bikini eine kuratierte Ausstellung zum Thema Papier. Mit der Messe ist das Angebot weit internationaler geworden: Die Bewerbungen kamen von überall und waren so zahlreich, dass das Duo auf hohem Niveau auswählen konnte.

Was nichts über die Preise sagt. Sie beginnen bei 250 Euro für einen kleinen, unbetitelten Kopf von Aline Eras, den die niederländische Galerie Bart in einer Soloschau der Künstlerin mit zarten Vögeln (380–508 Euro) oder surrealen Landschaften (400–506 Euro) zu einem Überblick verdichtet. Wie differenziert sich mit Blatt und Bleistift arbeiten lässt, führt die auf eine Wand reduzierte Schaufläche der Galerie eindrücklich vor.

Kojen sind dagegen kein Thema, die Arbeiten von Michael Schuster (Mianki Gallery), Laura Bruce (Alexander Ochs Private) oder Swätopluk Mikyta (Emanuel Walderdorff Galerie) wandern fließend wie in einer Ausstellung am Betrachter vorbei. Natürlich kosten Künstler vom Kaliber eines Markus Lüpertz (Kunsthandlung Opser) oder Hermann Meffert (Ralph R. Hauwitz) einiges mehr. Doch Carstens macht darauf aufmerksam, dass sich die „Paper Positions“ mit ihrem Fokus ein Medium ausgeguckt hat, das generell im preiswerte(re)n Segment siedelt.

Die Künstler ihrerseits stellen mit immer neuen Techniken und Ideen die Vielseitigkeit ihres Materials unter Beweis. Es kommt gerissen (Angela Glajcar), gefaltet (Sabine Finkenauer), collagiert (Michael Merkel) oder als Überraschung daher. So hat die Nasui Collection & Gallery aus Rumänien Zeichnungen aus dem Frühwerk von Hedda Sterne dabei, die zu Preisen zwischen 2500 und 12 000 Euro zu haben sind (Bikini Berlin, Budapester Str. 38–50; bis 30.4.).

Aus der Serie "Blinds" von Matan Mittwoch
Aus der Serie "Blinds" von Matan MittwochFoto: Galerie Grundemark Nilsson

Das geheime Leben des iPads

In der Galerie Grundemark Nilsson steht Ory Dessau vor den großen Kegeln von Royden Rabinowitch. Dessau, in Berlin lebender Kurator, bringt für die Ausstellung „Free of Immediacy“ das präzise Werk des 1943 geborenen Bildhauers mit den Prints von Matan Mittwoch zusammen. Beide Künstler beschäftigen sich mit der Visualisierung von Phänomenen, die dem menschlichen Auge für gewöhnlich verborgen bleiben.

Rabinowitch vertieft sich in mathematische Formeln, der weit jüngere Mittwoch hat mehr aus Zufall jenes farbige Gitter auf dem Display seines iPads entdeckt, das unter der grauen Oberfläche permanent leuchtet – wirklich off ist man nie. Diese Strukturen fügen sich auf seinen Monumental-Formaten zu abstrakten, ästhetischen Bildern mit rätselhaftem Ursprung. Für Dessau machen beider Arbeiten anschaulich, wie Künstler wissenschaftlich präzise und dennoch kreativ arbeiten (Lindenstr. 34, bis 24.6.).

Talks und eine Führung im Galeriehaus

Ein ganzes Haus unter einen kuratorischen Hut zu bekommen, ist sicher nicht einfach. Erno Vroonen wird es trotzdem versuchen, wenn er am Samstag um 12 Uhr im Galerienhaus Berlin durch die Ausstellungen von Martin Kobe (Galerie Jochen Hempel), Ariel Schlesinger (Galerija Gregor Podnar) oder Jia und Oona Lochner (Taubert Contemporary) führt. Alle drei sind Mieter im Kreuzberger Galerienhaus, das sich mit dem gemeinsamen Projekt auch ein neues Image verpasst: Man wirkt nicht länger allein vor sich hin, sondern agiert als Gruppe.

Kommunkation ist das neue Motto, zu dem die „Artist Talks“ auf allen Stockwerken passen. Um 14.15 Uhr spricht der britische Konzeptkünstler Jonathan Monk mit Schlesinger, eine Dreiviertelstunde später unterhält sich der Direktor des Moderna Museet in Stockholm, Daniel Birnbaum, mit Spencer Finch, der seine wunderbaren zeichnerischen wie fotografischen Experimente um Staub, Licht und Farben in der Galerie Nordenhake zeigt (Lindenstr. 34/35).

Porzellan von KPM

Nur wenig wertvoller sind die Zutaten des Materials, um das einst in Europa die Mächtigen rangen. Aus dem Wettstreit um die Rezeptur, mit der sich Porzellan brennen ließ, ging 1763 jene Manufaktur hervor, deren Produkte das Auktionshaus Lempertz am 3. Mai in seiner Berliner Dependance versteigert. Bis dahin ist ausgiebig Zeit, sich das Porzellan von KPM in aller Ruhe anzuschauen. Nicht jedes Stück muss man besitzen wollen und kann dennoch die Münchner Vasen mit ihren Goldbäuchen und zauberhaften Architekturen en miniture bewundern. Oder die „große ovale Terrine mit Unterschale aus dem 2. Potsdamschen Service“ mit Emaildekor, Vergoldung und Reliefzierat, die auf mindestens 20 000 Euro taxiert ist.

Zu jedem der Objekte, deren Entstehungszeit bis ins späte 18. Jahrhundert zurückreicht, gibt es eine Geschichte – und mit jedem Detail wächst die Faszination für die teils eigenwilligen, oft genug singulären Stücke. Ein ganzer Teil davon stammt aus der Sammlung des Berliner Kunsthändlers Ulrich Gronert, die für ihre KPM-Stücke aus der Zeit der zwanziger bis sechziger Jahre bekannt ist (Poststr. 22, Vorbesichtigung bis 1.5. von 11–17 Uhr, 2.5. von 10–13 Uhr).

Kunst aus Erde und Blättern

Der aus den Niederlanden stammende Herman de Vries mag als kauziger Protagonist der Kunstszene gelten. Als einer, der den ganzen Wald zu seinem Atelier erklärt und Journalisten früher nur empfing, wenn sie im Adamskostüm zu ihm kamen. Seine Arbeit aber ist so konsequent wie seine Haltung. De Vries, Jahrgang 1931, sammelt Erden und vermalt sie mit den Fingern zu seinen abstrakten Bildern. Er arrangiert Blätter, die farblich changieren, zu hochpoetischen Arbeiten oder stellt Steine und Baumstämme auf Sockel.

Erst vor zwei Jahren war de Vries als Spätberufener im Niederländischen Pavillon auf der Biennale von Venedig vertreten. Nun zeigt ihn Kurator und Kunstvermittler Florian Schmid in seinen Berliner Räumen FS Art. „From Zero to Zero“ heißt die Ausstellung, die zum Gallery Weekend am Samstag und Sonntag jeweils von 11 bis 18 Uhr offen steht. Danach sind die Arbeiten noch bis zum 30. Juni nach Vereinbarung zu sehen (Potsdamer Str. 102). cmx

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