Kultur : Ganz normal irre

Die Tragödie eines lächerlichen Mannes: „About Schmidt“ mit Jack Nicholson – nach Louis Begley

Jan Schulz-Ojala

Doch, es gibt komische, ja, sehr lustige Stellen in diesem Film. Die Wasserbettszene ziemlich gegen Schluss zum Beispiel: Wer da immer noch nicht lachen kann, muss dringend zum Therapeuten. Oder der Augenblick, in dem der 42 Ehejahre lang geknechtete Sitzpinkler, zu voller Größe und Breite erhoben, seinen (Lebens-)Radius neu vermisst: zum Totlachen, das. Oder Jack Nicholsons Blick unter dem Einfluss gewisser sedierender Medikamente: Für ganz kurz blitzt da dieser brüllend komische Jack-Blick Nr. 125 auf, Sie wissen schon, welchen ich meine. Oder, oder, oder: Nein wirklich, der Film gibt sich mit seinem selbstgewählten Schubfach „Komödie“ alle Mühe.

Andererseits. Dieser vertikale Sarg namens Woodmen-Versicherungsgesellschaft, dieses einzige Hochhaus in einem durchweg finsteren Omaha/Nebraska, dieser Lebenslangknast, aus dem das kleine Angestelltlein namens Warren Schmidt rauspurzelt mit Mitte sechzig, entsorgt in den Ruhestand wie seine Akten in den Müllcontainer: irre traurig, traurig irre, ganz normal verrückt. Oder die Hexe von patenter Ehefrau, hingerafft vom Gehirnschlag beim Staubsaugen, und die totale Abwesenheit von Trauer im Witwergesicht, überhaupt die Abwesenheit von allem in diesem Gesicht, diese Wegerzogenheit jeglicher Regung: kaum auszuhalten. Oder sein Haus, das ihr Haus war, sein gigantisches Wohnmobil, das ihre Idee für den Ruhestand war, noch so ein Sarg, nur auf Rädern diesmal: oder, oder, oder. „About Schmidt“ ist die Tragödie eines lächerlichen Mannes und sonst gar nichts, tragischer, als die alten Griechen und neueren Amerikaner sich das je hätten träumen lassen.

Man hätte dieses unauflösliche Nebeneinander von Komödie und Tragödie als Satire aufziehen können, als Farce. Den Helden noch ein bisschen mehr zum dummbeuteligen Spießer-Prototypen hochschminken, ihm eine beweisführungstaugliche Überdeutlichkeit geben können – dann wäre dieser Schmidt irgendwie erträglich geworden. Wir hätten ihn einsortiert, wegsortiert wie Schmidt seine Versicherungsfälle und Restlebenszeitprognosen („die Wahrscheinlichkeit, dass ich innerhalb der nächsten neun Jahre sterbe, liegt bei 73 Prozent, vorausgesetzt, ich heirate nicht nochmal“). Aber der Film weigert sich, der Film verzichtet, und das macht ihn groß. Das Komische und das Tragische stehen einander unversöhnlich gegenüber, ja, sie führen Krieg gegeneinander, und die Front führt mitten durch eine Allerweltsperson namens Schmidt. So viel Leben ist selten auf der Leinwand, und das heißt zugleich und allein: so wenig Leben.

Der zweitbilligste Sarg

Warren Schmidt also. Grässliche Verabschiedung durch die Kollegen in einem Steakhaus am Stadtrand. Erste Rentnertage. Langeweile, Langeweile neben einer fremdgewordenen – oder immer fremd gewesenen – Frau, und beim Zappen abends in der Hölle der Serien und der Informercials dieser Spot einer Kinderhilfsorganisation: Werden Sie Pate für 22 Dollar im Monat, schreiben Sie persönliche Briefe an Ihr Patenkind! Und wahrscheinlich ist es auch in erster Linie Todeslangeweile, die Schmidt dazu bringt, sich eines gewissen sechsjährigen Ndugu in Tansania anzunehmen.

Dann stirbt die Frau. Die irgendwie immer noch verzweifelt geliebte, schon arg erwachsene Tochter namens Jeannie reist zur Beerdigung an und wirft dem Vater vor, den billigsten Sarg gekauft zu haben (dabei war es der zweitbilligste). Und dann ist da noch der Nichtsnutz von Randall, Wasserbettenverkäufer mit Vokuhila-Haarschnitt, den Jeannie heiraten will. Nein, Jeannie soll Randall nicht heiraten, nicht Randall. Schmidt wird ihr das sagen müssen, einmal, zweimal. Und zur Hochzeit anreisen und eine Rede halten, seine Rede, eine feinsäuberlich grässliche Rede, eine wie man sie zum Beispiel in Steakhäusern am Stadtrand hält.

Das ist so etwa die Handlung, wenn das Wort erlaubt ist (die größten Szenen, sie sind übrigens ziemlich klein und eher peinlich, beiseite gelassen). Das Wenigleben von Schmidt geht nach der Verrentung einfach weiter. Dass man sich neu erfindet danach: sowieso eine Erfindung. Niemand könnte das besser spielen als Jack Nicholson, ein aufs schmerzhaft Äußerste heruntergedimmter Nicholson: alles Leben in so wenig Leben. Sein Schmidt ist ein verschwindend kleiner Mensch in einem massigen Körpergehäuse, mit kurzen Armen, kleinen Schritten, extrem niedrig angesetztem Seitenscheitel und quer über die Glatze gekämmtem Haar. Sein Schmidt ist einer, der sich tief in sich selbst verborgen und dabei verloren hat; unsichtbar geworden für sich selbst.

Ja, er könnte lachen über das alles, zu dem er doch irgendwie gehört: zu diesen Serien-Sätzen, mit denen die Menschen sich und andere lächelnd peinigen, ja, lachen über diese ganze Heuchelei. Aber dann macht er zu allem doch lieber ein Gesicht, in dem man nichts lesen kann. Und schreibt Briefe an diesen fernen Ndugu, in denen man die Wahrheit am allerwenigsten lesen kann, jedenfalls eine Zeitlang. Niemand macht sich gerne die Rechnung auf, schon gar nicht vor einem Fremden, eine Rechnung mit lauter Nullen.

„About Schmidt“ ist eine Literaturverfilmung – aber Alexander Payne hat Louis Begleys Roman für seine eigenen Zwecke bis zur Kenntlichkeit entkernt: Vom frisch verwitweten New Yorker Anwalt, der im Kampf gegen die Tochter zeitweise Frieden bei einer puertoricanischen Kellnerin findet, ist nur die Witwerschaft und eine Art Fürsorgekrieg geblieben. Payne hat das Material mit einem eigenen alten Drehbuch (es hieß „The Coward“, der Feigling) verknüpft und in den Mittleren Westen versetzt, den er kennt, und das ist der Sache gut bekommen. Alles stimmt. Nicholson stimmt, in dieser eisern zurückgenommenen Energie, seine Frau (June Squibb) und Tochter (Hope Davis) stimmen, sein alter Freund (Len Cariou), der nicht wirklich sein alter Freund ist, die Nullfamilie von Schwiegerfamilie, ja, sogar Kathy Bates als Uralt-Hippie, alles stimmt auf gespenstische Weise. Ja, in jenem Segment vorsichtiger Wirklichkeitserforschung, das nicht gerade zu den Stärken des amerikanischen Kinos gehört, ist „About Schmidt“ der beste Film seit „American Beauty“. Was ihm fehlen mag, sind dessen Schauwerte, dessen Pathos auch; doch ist er ihm gerade in diesen Mängeln schon wieder voraus.

Es gibt übrigens, dies zur Beruhigung, eine Art Happy End. Ein rührendes zumal. Aber Vorsicht, auch die Rührung, liest man sie nur genau genug, steht schon im Kleingedruckten. Wie alles in „About Schmidt“.

Babylon Kreuzberg (OmU), Broadway, Cinemaxx Potsdamer Platz, Cinestar Sony Center (OV), Filmkunst 66, FT Friedrichshain, Yorck

0 Kommentare

Neuester Kommentar