Kultur : Gefährlich leben hinterm Heinrichplatz

Neco Celik war Mitglied der berüchtigten Jugendgang „Die 36er“. Nun hat er seinen ersten Film gedreht

Stefanie Flamm

Wie oft hat er hier gestanden und sehnsüchtig den Zügen nachgeschaut? Wie oft ist er schließlich eingestiegen, um doch wieder zurückzukehren in die vermaledeite Reinigung in der Kreuzberger Mariannenstraße, die sein Vater ihm und seinen Geschwistern mitsamt einer riesigen Hypothek vermacht hatte? Doch in dieser Nacht ist er fest entschlossen zu fahren und nie mehr zurückzukehren. Veit Bischoff hat das Mädchen seiner Träume dabei, einen Bruder voller guter Vorsätze und einen Freund mit einem Koffer voller Geld. Zum ersten Mal scheint es in seinem Leben, das jetzt schon mehr als zwanzig bleierne Jahre zwischen Mariannen- und Naunynstrasse auf der Stelle tritt, so etwas wie Zukunft zu geben. Aber es scheint nur so. Denn auch in dieser Nacht fährt ihm die letzte Bahn davon, und er bekommt nicht einmal richtig mit, dass der U-Bahnhof Kottbusser Tor für ihn endgültig zur Sackgasse wird. Anstatt einzusteigen und in die Freiheit zu fahren, drischt er besinnungslos auf seinen Rivalen Jabbar ein.

Er ist der Freund oder Exfreund seiner neuen Freundin Aliya und der frisch ernannte Chef des Wettbüros, das Veits Kumpel Kida den Jackpot unterschlagen wollte. Doch wie bei den meisten Kino-Schlägereien geht es hier nicht nur um Liebe, Geld und gekränkte Eitelkeit. Es geht um viel mehr. Veit (Florian Panzner), der Held aus Neco Celik Regiedebüt „Alltag“ schlägt sich in den letzten Minuten des Films die ganze Wut auf sein verpfuschtes Leben aus dem Hirn. Er schlägt Jabbar (Erhan Emre), weil seine Mutter wegen chronischen Irrsinns beim Bingo im Ballhaus Hausverbot erhalten, weil sein Vater die Familie verlassen, weil sein unzuverlässiger Bruder Utz im Heroin einen Ausweg aus der Langweile gefunden hat und weil er sich immer noch nicht ganz sicher ist, dass die schöne und außerdem von einem anderen schwangere Aliya (Neelesha Bavora) bei ihm bleiben wird.

Doch sein blindwütiger Exorzismus zerhaut am Ende auch die Traumwelt, in die er vor einer halben Stunde noch fliehen wollte, seine sinnlose Gewalt denunziert die Vision vom guten Leben. Veit Bischoff stirbt als ein Schwächling, der den Verhältnissen nicht standhalten konnte. Neco Celik lässt ihn auf dem Bahnsteig verbluten wie ein angeschossenes Tier. „Veit wird am Ende zur Bestie“, sagt der Regisseur. Er meint damit nicht, dass sein Held diesen jämmerlichen Tod verdient hat, wohl aber dass der Tod etwas ist, mit dem man in dem archaischen Universum des Gangsterfilms nun einmal rechnen muss – auch wenn dieser Gangsterfilm nicht in der Bronx von New York spielt, sondern im Kreuzberger Ghetto, um dessen Zivilisierung „Kiezmanagement“ und Sozialarbeiter seit Jahren kämpfen. Und wäre es nach Neco Celik gegangen, wäre es am Ende sogar zu einem vollständigen Sympathietransfer von Veit zu Jabbar gekommen, von dem armen Jungen, der sein Leben lang um sich selbst gekreist ist wie eine kaputte Spielmaus, zu dem angepassten Kleinkarrieristen, der anders als Veit nie weg wollte aus Kreuzberg, nur ein kleines Stückchen weiter nach oben in der sozialen Hierarchie des „Ghettos“. „Jabbar ist so wie wir waren“, sagt Neco Celik. Er wisse wie man sich den Respekt der Straße verschaffe. Jabbar verlässt das Haus nie ungebügelt und hat immer ein Messer dabei.

Neco Celik trägt heute kein Messer mehr. Er ist 30 Jahre alt, verheiratet und Vater von drei Kindern. Die Gäste in der „Roten Harfe“ grüßen den hübschen jungen Mann, an dem ein H & M-Anzug aussieht als wäre er von Helmut Lang. Freunde schütteln ihm, sofern sie türkischer Abstammung sind, sehr mannhaft die Hand. Und obwohl er sich heute Vormittag nicht einmal einen Kaffee bestellt, kommt die ebenfalls türkische Kellnerin regelmäßig auf einen Flirt an seinen Tisch. „Ich bin eine lokale Berühmtheit“, sagt er. Nicht erst, seitdem er letzten Sommer für drei Wochen die Kreuzung wegen Dreharbeiten sperren ließ. Neco Celik war Mitglied jener berüchtigten Kreuzberger Jugendgang, die es Anfang der Neunzigerjahre bis auf die Dritten Seiten der überregionalen Zeitungen schaffte. Sie waren zehn, nannten sich die „36er“ und auch sie wussten sich auf eine Weise „Respekt“ zu verschaffen, die die Anwohner Angst und Bange werden ließ.

Sozialarbeiter und Journalisten eilten herbei und fragten sich laut, was hier schief gelaufen war bei der Integration der türkischen Gastarbeiterkinder. Soziologen, vor allem die konservativen, gaben schnell dem orientalischen Machismo die Schuld und übersahen, dass diese postmodernen orientalischen Männer, weniger im andalusischen Sittenkodex nach Maßstäben suchten als in der amerikanischen Gangsterballade der Achtzigerjahre. Brian de Palmas Neuverfilmung von „Scarface“ ist der Film, Al Pacino alias Tony Montana der einzige Held von Neco Celiks Jugend. Die „36er“ berauschten sich an dem gefährlichen Leben des Exilkubaners in Miami. Sie genossen die Vorstellung, dass auch in ihrem kleinen Leben alles immer Spitz auf Kopf stehen könnte. „Wer ein Risiko eingeht, kann tief fallen und sehr hoch aufsteigen“, sagt Celik.

Manche seiner Freunde fielen eher tief. Sie gerieten zuerst an Drogen, dann auf die schiefe Bahn. Heute warten sie am Kottbusser Tor auf Stoff. Celik selbst hat irgendwann seinen Schulabschluss nachgeholt, eine Ausbildung als Schleiermaler gemacht. Seit ein paar Jahren arbeitet er als Erzieher im Jugendzentrum „Naunynritze“. Wenn man so will, hat er die Seiten gewechselt. Doch seine Weltanschauung ist immer noch der gnadenlose Thatcherismus der Straße, der keine Opfer kennt, nur Weicheier. „Du hast selbst in der Hand, was du aus deinem Leben machst. Keiner bekommt etwas geschenkt“, sagt er. So sollte ursprünglich auch die Quintessenz seines Filmes lauten. Doch seine Geldgeber, der Bayrische Rundfunk und Teamworx, fanden das keine so gute Idee. Sie wünschten sich für das Fernsehdebüt des jungen Türken, das sie mit anderthalb Millionen Mark unterstützen, etwas mehr Sozialromantik und Empathie für Veits verzweifelte Erlösungsvisionen.

Auf ihr Drängen bleibt in der Version von „Alltag“, die ab Mitte dieser Woche im Kreuzberger Eiszeit Kino zu sehen sein wird, einiges im Vagen. Die Ganovenwelt, die Celik so gerne aus den großen amerikanischen Filmen in die kleine Kreuzberger Wirklichkeit verlegt hätte, musste im Subtext verschlüsselt werden. Identifizierbar ist dann leider nur das bekannte Tarantino-Personal, das sich zwischen Jabbars Wettbüro und Veits Reinigung das Leben zur Hölle macht. Betrüger, Fälscher, Drogendealer, Waffenschmuggler, schöne Bräute und närrische Diebe, deren widerstrebende Ambitionen eine irrationale Kettenreaktion auslösen, die nach 90 Minuten zum Showdown am Kottbusser Tor führt und Celiks heimlichen Helden Jabbar auf die Intensivstation im Urbankrankenhaus befördert.

Aus dem Gangsterfilm ist eine existenzialistische Kiezballade geworden. Die Stimme aus dem Off spricht am Ende von Schicksal.

„Alltag“ von Neco Celik läuft ab Donnerstag zwei Mal täglich im Eiszeitkino. Genaue Anfangszeiten unter Tel. 611 60 16.

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