Gefängnisarchitektur : Die neue Menschlichkeit

Wie baut man Gefängnisse? Berlins neue Haftanstalt Heidering steht für einen Wandel in der Architektur des Strafvollzugs. Ziel ist nicht mehr die gebrochene Kreatur. Sondern die Sozialisierung derer, die noch nie sozialisiert waren.

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Keine Mauer. Die Haftanstalt Heidering ist nur von einem Zaun umgeben - um den Häftlingen Aussicht zu gewähren.
Keine Mauer. Die Haftanstalt Heidering ist nur von einem Zaun umgeben - um den Häftlingen Aussicht zu gewähren.Foto: DAVIDS

Die fensterlose Zelle war nur 1,80 Meter hoch, der Insasse war sieben Zentimeter größer. Frischluft gab es nur durch ein kleines Gitter in der Tür, im Sommer herrschten unter dem Bleidach unerträgliche Temperaturen. Vier Stockwerke tiefer, in den häufig überschwemmten Kellerverliesen des Dogenpalastes, waren die Verhältnisse nicht besser. Was Giacomo Casanova, der berühmteste Gefangene des venezianischen Palasts, nach seiner geglückten Flucht 1787 zu Papier brachte, sind Haftbedingungen, die einzig der sicheren Verwahrung der Gefangenen dienten. Sie sollten ihre Missetaten durch alle erdenklichen Strafen büßen, durch Entzug der Bewegungsfreiheit und der Würde, Verweigerung sozialer Kontakte, Psychoterror und körperliche Züchtigung.

Nicht selten endete der dem Racheprinzip folgende Strafvollzug in früheren Zeiten mit dem Tod der Häftlinge durch lebensfeindliche Haftbedingungen. Und wer frei kam, sollte als gebrochene, durch den Schrecken des Erlebten geängstigte Kreatur künftig ein fügsames Leben führen. In vielen Ländern der Welt wird diese Methode bis heute praktiziert.

Die neue Haftanstalt Heidering
Auf der 15 Hektar großen Anlage ist ausreichend Platz für die sportliche Betätigung der Insassen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 17Foto: dpa
21.03.2013 17:07Auf der 15 Hektar großen Anlage ist ausreichend Platz für die sportliche Betätigung der Insassen.

Erst mit den Reformbewegungen im 19. Jahrhundert wurde der Strafvollzug nach rechtlichen Normen geregelt und systematisiert, mit Abstrichen auch humanisiert. In dieser Zeit entstanden auch neue Typen des Gefängnisbaus. In den USA benötigte man für das solitary system der strengen Isolation und das silent system mit absolutem Kommunikationsverbot eigens entwickelte Architekturen. Das Panoptikum etwa, ein mehrgeschossiger Rundbau mit nach innen nur vergitterten Zellen ringsum. Entworfen hat es der englische Philosoph Jeremy Bentham – wie Michel Foucault in „Überwachen und Strafen“ beschrieben hat. Die Gefangenen mussten jederzeit damit rechen, von der zentralen Warte im Lichthof überwacht zu werden, konnten aber nie wissen, wann.

Ähnlich effektiv: der strahlenförmig angeordnete Bau, bei dem man vom Mittelpunkt aus alle Flure der radialen Zellentrakte kontrolliert. In Moabit zum Beispiel ist dieses Organisationsprinzip 1848 realisiert worden, nachdem Friedrich Wilhelm IV. es in London Pentonville gesehen hatte.

Gefängnis des 19. Jahrhunderts: Die JVA Moabit
Gefängnis des 19. Jahrhunderts: Die JVA MoabitFoto: Kitty Kleist-Heinrich

Die Gefängnisarchitektur des 20. Jahrhunderts ist geprägt durch pragmatische, Personal sparende Bauweisen und das Streben nach maximaler Ausbruchsicherheit. Gitterfenster, überhohe Mauern mit Stacheldrahtkrone, Flutlicht- und Kameramasten bestimmen das Bild. In „Hochsicherheitsgefängnissen“ wie dem RAF-Gefängnis in Stuttgart-Stammheim kulminierte eine Entwicklung, die Sicherheit auch nach außen gewährleisten musste – und in aller Hässlichkeit demonstrierte. Gefängnisse wurden zu architektonischen Unorten, wie Kernkraftwerke und Müllsortieranlagen. Dabei wird repressive Architektur immer als Teil der Strafe verstanden. Das ist schon daran ersichtlich, dass man bei Einrichtungen zur Sicherheitsverwahrung, die nicht der Bestrafung dienen, das Gefängnisgefühl möglichst vermeidet. Die Forensische Psychiatrie der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik in Reinickendorf zum Beispiel, 1987 von Ganz und Rolfes erbaut, sieht nicht aus wie ein Gefängnis. Sie ist ausbruchssicher, bietet den Insassen aber ein wohnliches Ambiente. Dort werden Menschen zum Teil lebenslänglich „weggesperrt“, die nicht strafmündig sind, aber als gemeingefährlich gelten. Ähnlich die Vollzugsanstalt für Freigänger in Zehlendorf-Düppel, ein Backsteinbau, der nicht unbedingt als Gefängnis zu erkennen ist.

Erst der moderne Strafvollzug, bei dem die Resozialisierung der Straftäter gegenüber dem Sicherheitsbedürfnis der Allgemeinheit den Vorrang hat, rückt Begriffe wie „human“ und „menschenwürdig“ in den Vordergrund. So kommt es, dass die neue Berliner Justizvollzugsanstalt in Heidering, einer Eisenbahn-Wendeschleife bei Großbeeren, als freundlich und lichtdurchflutet beschrieben wird. Mancher wähnt gar zu viel Luxus. „Wären nicht die Gitter, die verschiedenfarbigen Häuser könnte ein Studentenwohnheim sein“, so ein typischer Kommentar.

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