"Gegen die Zeit" von Sascha Reh : Kontrolle im Namen des Volkes

Als das Internet noch sozialistisch war und Chile voller politischer Hoffnungen: Sascha Rehs Roman „Gegen die Zeit“ ist ein authentisches Porträt der Zeit rund um den Pinochet-Putsch.

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"Gegen die Zeit" von Sascha Reh spielt im Chile der 70er Jahre.
"Gegen die Zeit" von Sascha Reh spielt im Chile der 70er Jahre.Foto: promo

Wenn vom 11. September und den Folgen die Rede ist, weiß jeder, um was es geht: die Terroranschläge von 2001. In Chile jedoch ist der 11. September ein noch bedeutsameres Datum, welches das lateinamerikanische Land zudem intensiver beschäftigt als die Zerstörung des World Trade Centers 2001: An diesem Tag des Jahres 1973 putschte sich in Santiago de Chile der General Pinochet an die Macht und setzte der sozialistisch-demokratischen Revolution unter dem gewählten Präsidenten Salvador Allende ein brutales Ende.

Dass der 1974 in Duisburg geborene Sascha Reh seinen neuen, inzwischen dritten Roman „Gegen die Zeit“, der im Chile vor und nach dem Pinochet-Putsch angesiedelt ist, genau mit den Ereignissen dieses Tages beginnt, versteht sich also fast von selbst: „Während draußen geschossen wurde“, hebt sein Ich-Erzähler an, „blieb ich in meinem Zimmer, hungrig, in dumpfer Sorge vor einer Infektion, in Gedanken bei Ana. Ich tat nichts als darauf zu warten, dass sie mich holten.“

Visionäres im Jahr 1973

Hans Everding, so heißt Rehs aus Deutschland stammender Erzähler, ist Industriedesigner und seit zwei Jahren im Land, um eine Gruppe Studenten an der Universidad de Chile anzuleiten und Produkte zu entwerfen. Er landet dann in einem internationalen Team, das im Auftrag von Allende und unter Leitung des britischen Wissenschaftlers Stanley Baud alle Fabriken Chiles vernetzen und von einem zentralen Rechner aus steuern will, ein frühes Cybernetprojekt, im Roman „CORFO“ genannt, so wie in Chile eine Behörde zur Wirtschaftsförderung heißt. Hans ist zuständig für die Zentrale dieses Projektes, für Design und Einrichtung des Operationsraums, in dem alle Datenfäden verbunden werden sollen.

Was visionär klingt, hat es 1973 wirklich gegeben, unter den Namen „Cybersyn“ als Abkürzung für „sinergia cibernética“ oder auch „Synco“, kurz für „sistema de información y control“. Auch viele von Sascha Rehs Figuren haben reale Vorbilder. Der britische Wissenschaftler und Kybernetiker heißt eigentlich Stafford Beer; und in der Hauptfigur lässt sich der deutsche Gestalter und Designtheoretiker Gui Bonsiepe erkennen. Bonsiepe war von 1970 bis 1973 in Chile und entwickelte federführend den Cybersin-Operationsraum, von dem es im Internet noch tolle Bilder zu sehen gibt.

Der Putsch, von dem jeder wusste

Nach dem Putsch war Schluss. Pinochets Schergen zerstörten das Kontrollzentrum und versuchten, an die Daten heranzukommen, um beteiligte Fabrikdirektoren und -arbeiter und Allende-Anhänger verfolgen zu können. Von alldem erzählt Reh. Davon, was alles passiert, als „sie“ Hans Everding tatsächlich holen, und zwar in Person des deutschstämmigen Offiziers Brauer, der ihn mehrmals verhört und auch foltern lässt. Und in Rückblenden schildert Everding, wie er zu Bauds Team stößt, was dem Kybernetiker alles so vorschwebt. Oder wie er bei einem Bootsbauer vorstellig wird, damit dieser ihm die geschwungenen, ohne Ecken und Kanten geplanten Stühle für den Operationsraum entwirft. „Gegen die Zeit“ lebt von der Atmosphäre, die gerade zur Zeit Allendes herrscht, von den Hoffnungen seiner Anhänger, den gemäßigten wie radikalen. Und von den Ereignissen jener Tage, die hier geschickt in die Geschichte miteingewoben sind: der Staatsbesuch von Fidel Castro Ende 1971, dessen Rede Everding ausrufen lässt: „Das hier, das ist Geschichte“; der große, von den Transportgesellschaften ausgehende und gegen Allende gerichtete Generalstreik 1972, der tatsächlich mithilfe von Cybersyn und 400 Fernschreibern etwas abgemildert werden konnte. Und natürlich der Putsch 1973, „von dem jeder wusste“, so Everding, „dass er alles verschlingen würde (...): unsere Arbeit, die Hoffnung, letztlich alles, was uns verband.“

Geflecht aus Lügen und Misstrauen

Obwohl er gezielt in die Gegenwart verweist mit seiner Geschichte des „sozialistischen Internets“, ist „Gegen die Zeit“ zuvorderst ein genauso historischer wie politischer Roman, der die mit Allende und seiner Politik verbundenen Hoffnungen schön transportiert. Nicht zuletzt in den Dialogen seiner Figuren. So zum Beispiel in den Reden Emilios, des Ehemanns von Hans Everdings Geliebter Ana, dem Allende viel zu wenig radikal ist. Oder in den Gesprächen Brauers mit dem jungen Deutschen: „Egal, was Sie von uns halten, aber das Volk braucht Hilfe“, appelliert Brauer: „Ist es nicht das, weswegen Sie hergekommen sind? Nach Chile?“

Sascha Reh demonstriert, wie souverän er seine literarischen Mittel beherrscht, etwa wenn er die Brauer-Everding-Dialoge in Everdings Gespräche mit Baud und anderen Cybersin-Beteiligten übergehen lässt. Schön stellt er auch das englisch-spanisch-deutsche Sprachenwirrwar dar, und Reh versteht es auch, seinen Roman einigermaßen spannend voranzutreiben, gerade in dem Geflecht aus Lügen und Misstrauen nach dem Putsch. Wer ist Freund, Feind, Verräter?

Es fällt allerdings schwer, sich mit vielen Romanfiguren zu identifizieren, Empathie für sie aufzubringen. Rehs Held ist ein Mann ohne Eigenschaften: ein sich nach Gefühlen sehnender, aber primär technisch-politisch denkender Mensch, der überdies eine problematische Familiengeschichte hat und noch die Ausläufer der 68er-Bewegung kennt. Und der so gar nicht weiß, was seine Interessen sind, was ihn motiviert. Hans Everding wird von den Ereignissen vor sich hergetrieben, von der Zeitgeschichte, wie alle Figuren des Romans. Und war es in den siebziger Jahren nicht gang und gäbe, politisch engagiert zu sein, bis hin zu gewissen Exaltiertheiten? Ja, „Gegen die Zeit“ ist in jedweder Hinsicht authentisch.

Sascha Reh: Gegen die Zeit. Roman. Verlag Schöffling & Co, Frankfurt/Main 2015, 360 Seiten, 21,95 €.

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