Geistiges Eigentum, geistiger Diebstahl : Was ich denke, was mich denkt

Wider die Datensammler: In seinem brillanten Essay „Literarisches Eigentum – Zur Ethik geistiger Arbeit im digitalen Zeitalter" kämpft Philipp Theisohn gegen literarische und wissenschaftliche Plagiate - und für ein tieferes Verständnis von geistigem Eigentum.

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Tizian "Verkündigung an Maria", 1540
Tizian "Verkündigung an Maria", 1540Foto: akg-images / Cameraphoto

Woher die Seuche kommt, dafür gibt es vor allem eine landläufige Erklärung. Der österreichische Medienwissenschaftler Stefan Weber, Betreiber der Website plagiatsgutachten.de, hat sie in dem Wort vom „Google-Copy-Paste-Syndrom“ zusammengefasst. Gelegenheit macht Diebe, heißt das, und nachdem die Gelegenheit so etwas wie der Normalfall geworden ist, gilt der Dieb als ihr lästiges Nebenprodukt.

Zugleich hat es sich als Volkssport etabliert, ihn mit seinen eigenen Mitteln dingfest zu machen. Auf jede wissenschaftliche Wildsau, so scheint es, kommen mindestens zwei Jäger – im anonymen Schwarm bei VroniPlag oder bei Weber in der Abfolge von „Dreischritt-Plagiatsdetektion“ und giftiger Begutachtung auf dem Boulevard-Pranger als nächstem Schritt. Nina Haferkamp, eine 29-jährige Juniorprofessorin, die erst vor anderthalb Jahren per Stiftungsprofessur Emerging Communications and Media zum Wunderkind der Dresdner TU ausgerufen wurde, hat es mit ihrer zumindest teilweise abgekupferten Dissertation über soziale Netzwerke jetzt jedenfalls auch in „Bild“ geschafft.

Mitleid haben die Wenigsten verdient. Aber Sympathie für die Jäger fällt einem auch oft schwer. Es kann zum Beispiel passieren, dass man Post von einem ehrgeizigen Germanisten erhält, der einen darum bittet, doch einmal einen Blick in den Debütroman einer jungen Autorin zu werfen, die sich beim großen Heimito von Doderer bedient habe: Stellen siehe Attachment. Tatsächlich finden sich einige auffällige Parallelen, die angesichts der erklärten Verehrung der Autorin für Doderer aber eher für literarische Schmuggelware als für einen Mangel an Fantasie sprechen. Wäre der ehrgeizige Germanist weniger denunziatorisch veranlagt, er hätte den angeblichen Skandal in einem Aufsatz gründlich untersucht, statt ihn republikweit per Mail zu insinuieren und darüber zu klagen, dass sich der Verlag auf seine Anfragen hin in Schweigen gehüllt habe.

Zwei Dinge folgen daraus: Erstens ist Google nicht immer der Textlieferant; es ist oft genug die klassische Lektüre. Zweitens hat es seine Schwierigkeiten, Wissenschaftsplagiate und literarische Übernahmen in einem Aufwasch abzuhandeln. Wenn sich Philipp Theisohn in seinem Essay „Literarisches Eigentum – Zur Ethik geistiger Arbeit im digitalen Zeitalter" (Kröner Verlag, 137 Seiten, 11,90 €) dennoch daran versucht, so rechtfertigt dies zumindest seine Hauptthese. Der 1974 geborene Zürcher Literatur- und Kulturwissenschaftler, der schon mit einer umfangreichen Literaturgeschichte des Plagiats hervortrat, bezweifelt nämlich, „dass die Durchlässigkeit der digitalen Medien hauptverantwortlich für die Misere des literarischen Eigentums ist“. Eine Annahme, von der er vor drei Jahren noch selbst ausgegangen war.

Philipp Theisohns Essay ist eine scharfsinnige Polemik gegen den rein quantifizierenden Strichcode, der bei VroniPlag die Größe der Schuld am Prozentsatz der Übereinstimmungen bemessen will. Und er ist ein Plädoyer für ein verstehendes, Sprache und Gedanklichkeit synthetisierendes Schreiben in den Geistes- und Sozialwissenschaften, das sich gar nicht erst in Textblöcke zerlegen lässt. Die Crux der Gegenwart, so Theisohn, bestehe darin, dass an die Stelle des „literarischen Körpers“ mehr und mehr „nackte Daten“ getreten seien. Das habe sowohl zur „Entpersönlichung der Literatur“ wie zur „Entliterarisierung der Persönlichkeit“ beigetragen.

Das Grau in Grau, das Karl-Theodor zu Guttenbergs Dissertation „Verfassung und Verfassungsvertrag – Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU“ schon vor ihrer Identifikation als plagiarische Spitzenleistung eignete, hat für ihn sein Pendant in der übercharismatischen Art und Weise, mit der er als Politiker Informationen grundsätzlich einzufärben pflegte. Denn was sind Informationen? „Sätze, die ihren Urheber verloren haben.“ Wer nichts zu sagen hat, muss dies wenigstens mit Emphase tun.

Theisohns „Literarisches Eigentum“ ist das Anregendste, was man derzeit zum Thema lesen kann: klar gedacht, konzis verarbeitet, mit literarischem Glanz geschrieben. Ein Vorbild an geschliffener Wissenschaftsprosa, die sich schon durch ihre äußere Gestalt von der rein informationellen Verwurstung abhebt, der er eben damit entgegen tritt.

So erfrischend schafft das weder die von Thomas Rommel herausgegebene internationale Bestandsaufnahme „Plagiate – Gefahr für die Wissenschaft?" (LIT Verlag, Münster 2012, 267 Seiten, 29,90 €) geschweige denn VroniPlag-Gründer Martin Heidingsfelder im druckfrischen Heft der „Zeitschrift für Kultur- und Medienforschung“ (Felix Meiner, 1/2012). Heidingsfelders dräuende Frage „Wird die Wissenschaft aus den Plagiatsfällen lernen?“ erstickt an einem Moralismus, der das Problem mit einem Appell an die Verantwortlichen lösen zu können meint.

Sein Koreferent Georg Stanitzek hat vermutlich ohnehin recht, wenn er schreibt: „Die Bedeutung des Plagiatsproblems für die wissenschaftliche Forschung wird leicht überschätzt. Es scheint sich viel eher um ein Problem des Grenzverkehrs zu handeln. Nicht zufällig wurde die weltverbessernde Erfindung an einem Personal durchexerziert, das sich seinerseits außerhalb der Wissenschaft mit akademischen Meriten eine Art Zusatzreputation erwirtschaften wollte.“ Das betrifft zu Guttenberg und seine traurigen Brüder und Schwestern im Geiste, Silvana Koch-Mehrin oder Jorgo Chatzimarkakis. Wie aber verhält es sich mit der erzählenden Literatur?

Auch für sie lässt sich unschwer in Anspruch nehmen, dass die plagiarischen Flurschäden überschaubar sind. Umso mehr Erregung musste 2010 Helene Hegemanns Roman „Axolotl Roadkill“ provozieren: ein Buch, an dem Theisohn ähnlich wie bei zu Guttenberg nicht zuletzt demonstrieren will, wie das „Delikt an einer literarischen Ordnung, das Recht am Text, in einem Raum verhandelt wird, der substanziell illiterat ist.“ Theisohn erklärt treffend, dass es Plagiate nicht einfach gibt – es gehört ein Narrativ zu ihnen. In diesem Fall gesellte sich zu der Empörung über eine Reihe von Passagen, die Hegemann von dem Blogger Airen übernommen hatte, die Enttäuschung, dass dies nicht der authentische Text über eine nichtauthentische Jugend war, sondern sogar ein Teil dieser falschen Authentizität (ein Bericht aus dem Berghain) geklaut war.

Theisohn hält dem „Markt“ unter anderem vor, dass er Hegemann mit dem Hinweis auf die ästhetische Praxis intertextuellen Schreibens einerseits habe entschuldigen wollen, andererseits am Urheberrecht habe festhalten wollen. Beides zugleich sei nicht zu haben. Aber stimmt das als systematisches Argument? Hat jemand, wie Theisohn glaubt, ernsthaft behauptet, „dass aus dem Inszenierungscharakter der literarischen Persönlichkeit notwendig auf die grundsätzliche Inexistenz einer personalen Verantwortung für die Literatur geschlossen werden müsse“?

Es ist schon ein Missverständnis, wenn Theisohn den Amerikaner David Shields und dessen Manifest „Reality Hunger“ (Tagesspiegel vom 17. Mai 2011) des „Raubbaus aus unausgewiesenem Fremdtext“ bezichtigt. Nicht nur, dass Shields, wie sogar Theisohn zugeben muss, seine Referenzen, wenn auch vage und widerwillig, nennt. Shields wollte ausdrücklich mit so viel Zitaten wie möglich und so wenig Eigentext wie nötig das unvermeidliche Ineinander von Fakten und Fiktionen, Sehnsucht nach dem Authentischen und deren Unmöglichkeit zu einem großen Essay zusammen montieren.

Ins Positive gewendet: „Reality Hunger“ ist sehr wohl ein Buch von David Shields, wohingegen Karl-Theodor zu Guttenberg seine Dissertation schlicht abgeschrieben hat. Die alleinige Konzentration auf das Plagiat – als das moralisch wie juristisch zu Verurteilende – verstellt Theisohn also den Blick auf Verwandtes wie die Collage, die Montage oder den Remix: Formen, die ihrerseits problematisch sein mögen, aber zu einer künstlerischen Praxis gehören, die andere Fragen aufwirft. Was ist Originalität? Und wo rangiert Epigonentum? Taugt ein gut erfundener Max Ernst aus dem Pinsel von Wolfgang Beltracchi womöglich mehr als der hundertste Georg Baselitz nach Schema F?

Worauf nimmt man also Bezug? Auf das einem Autor, Maler oder Musiker eigene oder eben nicht eigene Unrechtsbewusstsein? Auf die Gesetzesübertretung oder die Dichte des entstandenen Werks?

Theisohn versucht, eine Autonomie menschlichen Schreibens und Denkens zurückzugewinnen, die sich nicht einfach der normativen Kraft des digital Faktischen beugt, wie sie viele Piraten im Auge haben. Dieser Impuls ist lobenswert, trägt aber nur ein Stück weit. In der ewigen und unaufhebbaren Spannung zwischen der Einflussangst, die Harold Bloom als Hauptantrieb künstlerischer Größe ansah, und der Einflusslust, die Jonathan Lethem in seinem von A bis Z aus fremden Texten montierten Essay „The Ecstasy of Influence“ (Harper’s Magazine, 2007) mit virtuoser Selbstbezüglichkeit propagierte, schlägt er sich vorschnell ausschließlich auf die Seite der „Anxiety of Influence“. Er hält Politikern zu Recht vor, in ihren Reden unverstandene Wissenspartikel lediglich charismatisch einzufärben – eine Gewohnheit, die sie auch fürs Schreiben verdorben habe. Doch in der Literatur macht bekanntlich gerade der Ton die Musik. In diesem Sinne hat Helene Hegemann sogar den eindeutig charismatischeren Sound als ein Remixer wie Thomas Meinecke.

„Literarisches Eigentum“ ist eine humanistische Kampfschrift wider die Logik der Prozessoren. Vieles spricht dafür, dass dies tatsächlich die große Auseinandersetzung der nächsten Jahre wird. Philipp Theisohns Essay ist dabei eine wertvolle Hilfe – solange man sich nicht allein auf die geradezu rührend altmodische Empfehlung verlässt, „Nischen der Entschleunigung“ zu schaffen.

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