Gelbe Musik - ein Laden schließt : Die geliebte Nische

Laden, Galerie, Archiv: Die „Gelbe Musik“ von Ursula Block ist eine Klangkunst-Institution. Jetzt schließt sie. Ein Abschiedsbesuch.

von
Alles muss raus. Ursula Block in ihrer Ladengalerie, die sie seit 1981 führt.
Alles muss raus. Ursula Block in ihrer Ladengalerie, die sie seit 1981 führt.Foto: Björn Kietzmann

Nur ein kleines Schild, auf dem „Musik“ steht, deutet darauf hin, dass man richtig ist. Hier in der Schaperstraße in Wilmersdorf befindet sich seit über 30 Jahren die Plattenladen-Galerie „Gelbe Musik“. Allerdings nur noch für ein paar Tage. Ausgerechnet jetzt, wo es zumindest in Berlin trotz Digitalisierung und Amazon wieder unüberschaubar viele Plattenläden gibt, macht diese Berliner Institution dicht.

„Ich denke, ich habe den Laden lange genug betrieben“, sagt Ursula Block, seit 1981 Besitzerin der „Gelben Musik“. Und zieht dann doch das etwas bittere Fazit: „Ich denke aber auch, das Bedürfnis nach so einem Laden ist einfach nicht mehr so da wie in den 80ern. Man kann davon nicht mehr leben, wenn man nebenher nicht auch noch etwas anderes macht.“ Viele ihrer Kunden würden sich bis zu drei Stunden in dem Laden aufhalten, sich durch ungewöhnliche Klänge hören, ausgiebig beraten lassen und ganz glücklich sein, am Ende aber maximal eine CD mitnehmen. „Das alles macht auch Spaß“, so Ursula Block, „aber der finanzielle Ausgleich für all die Arbeit, die man sich mit manchen Kunden macht, ist einfach nicht da.“

Der Ausverkauf läuft bereits seit einer Weile, CDs und Platten sollen möglichst bis zum 10. April verkauft sein, wenn endgültig Schluss ist. Verramscht wird trotzdem nicht, Ursula Block kennt die Sammlerpreise und so kostet manche Schallplatte auch ermäßigt noch 50 Euro, allerdings erklärt sie, wenn man sich interessiert in dem kleinen Laden im Souterrain umschaut: „Alles ist Verhandlungssache.“

Avantgarde, Noise, Stockhausen: Dafür steht die Gelbe Musik

Die meisten kleinen Plattenläden in Berlin setzen auf Spezialisierung. Die Stadt ist groß genug, um in den unterschiedlichsten Nischen ein Publikum zu finden. Demnach könnte doch auch die „Gelbe Musik“ wieder florieren, möchte man meinen, der Laden ist schließlich außerordentlich nischig und das schon immer gewesen. Er hat sich deutschland- und sogar weltweit den Ruf erarbeitet, eine exzellente Auswahl an CDs in den Bereichen experimenteller und Neuer Musik zu haben. Avantgarde, Noise, John Zorn und Karheinz Stockhausen, dafür steht die „Gelbe Musik“ in Berlin genauso wie der berühmte Plattenladen „Other Music“ in New York.

Das Problem ist eher, dass das Geschäft mit den CDs nicht mehr läuft, weshalb kleine Plattenläden vor allem auf Vinyl setzen. Der größte Teil des Angebots bei „Gelbe Musik“ sind aber CDs. Der Laden müsste sich mit einem größeren Vinylangebot also nochmals neu erfinden und selbst dann wäre natürlich nicht garantiert, dass es besser laufen würde.

Aber auf veränderte Businesspläne hat Ursula Block, die 1962 nach eine Bühnenbild- und Designstudium von Köln nach Berlin kam, ohnehin keine Lust mehr. Sie will jetzt eine Zäsur. Wobei mit dem Laden zwar Schluss sein, ihre Arbeit aber dennoch weitergehen wird. „Ich freue mich darauf, mal so richtig aufzuräumen“, sagt die zierliche Frau mit dem Kurzhaarschnitt und den rot lackierten Fingernägeln, die wirkt wie etwas über 50, aber schon wesentlich älter sein muss. Aufräumen, das wird bei ihr gleichzeitig Sortieren bedeuten, denn die Räumlichkeiten der „Gelben Musik“ wird sie behalten und dort die Arbeit an ihrem ambitionierten „Broken Music“-Archiv fortführen, das mit den Jahren aus den besonderen Gegebenheiten der „Gelben Musik“ entstanden ist.

"Ich wollte mit der Galerie den Plattenladen finanzieren, das hat aber nie wirklich funktioniert"

Diese war ja von Anfang an nicht nur ein Plattenladen, sondern auch eine Galerie, die sich den Verbindungslinien zwischen Musik und bildender Kunst widmete – zu den typischen Galeriezeiten von 13 bis 18 Uhr und montags war geschlossen. In unzähligen Ausstellungen zeigte Ursula Block in über drei Jahrzehnten Arbeiten von Terry Fox, Nam June Paik, John Cage und vielen anderen. Ihr Spezialgebiet war weniger das, was man mittlerweile inflationär als „Soundart“ bezeichnet, also Klangskulpturen und Ähnliches, sondern visuell starke künstlerische Auseinandersetzungen mit Musik. „Ich dachte, mit der Galerie den Plattenladen finanzieren zu können, das hat aber auch nie wirklich funktioniert“, sagt sie.

Zur kuratorische Tätigkeit kam bei der umtriebigen zierlichen Frau irgendwann die archivarische hinzu – so selbstverständlich, wie in der „Gelben Musik“ überhaupt Musik, Kunst, Galerie, Laden und Archiv miteinander verzahnt sind. „Broken Music“ heißt das vielleicht bekannteste Ausstellungsprojekt der „Gelben Musik“, bei dem Ende der 80er Künstlerschallplatten und Arbeiten rund um das Objekt Schallplatte gezeigt wurden. Der Katalog zur Ausstellung ist nach über 20 Jahren immer noch maßgeblich, aber längst vergriffen und wahnsinnig gesucht.

Als Anlaufstelle für Künstler und Musiker wird die „Gelbe Musik“ fehlen. Das merkt man schon, wenn man sich nur für eine kurze Weile in dem Laden aufhält. Der bekannte, im Prenzlauer Berg wohnende Künstler Olaf Nicolai kommt irgendwann herein und Ursula Block will sofort wissen, welche aktuellen Kunstprojekte er verfolgt. Man selbst bekommt beim Durchwühlen der Ausverkaufswaren auch noch CD-Tipps von Olaf Nicolai und kann sicher sein, dass einem so was nicht in jedem Plattenladen passiert.

Ursula Block wirkt aufgeräumt und gelöst. Sie bringt alles auf die für sie typische und konzeptuell schlüssige Art zu Ende, indem sie dem tschechischen Künstler Milan Knížák – den Begriff „Broken Music“ hat sie von ihm entliehen – die letzte Ausstellung mit diversen Schallplattenarbeiten und -skulpturen in der „Gelben Musik“ widmet. Ein Kreis schließt sich. Zur Finissage gibt der Künstler ein Konzert im Hamburger Bahnhhof, und danach wird die „Gelbe Musik“ Geschichte sein.

Viele der Freunde, die sie über die Jahre in ihrem Laden gewonnen hat, wird sie aber auch danach noch sehen, ist sich Ursula Block sicher. „Sie können gerne weiter vorbeikommen, dann aber eben nach vorheriger Anmeldung.“ Einige werden auch vor allem vorbeischauen, um den eigentlichen Star des Ladens zu besuchen, Luzzi, den tauben und blinden Hund, der, so Ursula Block, sein ganzes Leben in dem Laden verbracht hat. Ein japanisches Ehepaar etwa komme regelmäßig vorbei mit einem Geschenk für den Hund. Und habe das auch in Zukunft vor.

Gelbe Musik, Schaperstr. 11, Ausstellung bis 10.4., Di–Fr 13–18 Uhr, Sa 11–14 Uhr. Konzert Milan Knížák, Hamburger Bahnhof, 10. April, 20 Uhr

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben