Kultur : Gemeinsam sind wir laut

Das Jazzkollektiv Berlin hat sich mit Musikern in ganz Europa vernetzt – jetzt laden sie sie zu einem Festival ein

Stefan Hentz
Die Masse macht’s. Das Jazzkollektiv Berlin mit Daniel Glatzel, Philipp Gropper, Marc Schmolling, Ronny Graupe, Wanja Slavin, Felix Wahnschaffe, Johannes Lauer und Gerhard Gschlößl (von links nach rechts). Foto: J. L. Diehl
Die Masse macht’s. Das Jazzkollektiv Berlin mit Daniel Glatzel, Philipp Gropper, Marc Schmolling, Ronny Graupe, Wanja Slavin,...

Ein Gespenst geht um in der europäischen Jazzszene – das Gespenst des Kollektivismus. Die Mächte der alten Musikindustrie haben sich als ungeeignet erwiesen. Und die lebendige Fraktion des Jazz, die sich nicht damit zufriedengeben will, ihre Musik als eine konservatorisch zu pflegende Museumsattraktion zu spielen, sucht nach neuen Wegen. Dabei wird der Kollektivismus bereits in vielen europäischen Ländern, in Italien und Frankreich, Belgien und Großbritannien, Norwegen und Schweden als eine Macht anerkannt. Auch in Deutschland haben sich solche Kollektive gegründet, vor einigen Wochen präsentierten die Musiker des KLAENG-Kollektivs im Rahmen eines kleinen Festivals in Köln ihre verschiedenen Arbeitsansätze, und das Jazzkollektiv Berlin veranstaltet an diesem Wochenende zum dritten Mal seine „Kollektiv Nights“.

Die Idee, sich zusammenzuschließen und gemeinsam größere Resonanz zu erzielen, als es unter den Spielregeln der Musikindustrie möglich wäre, ist unter Musikern nicht neu. Gerade im Jazz gibt es leuchtende Vorbilder wie Max Roach und Charles Mingus, die für ihre Musik ein eigenes Label gründeten, oder einige Jahre später die AACM in Chicago, die die Arbeit an der Musik mit Community-Arbeit in der materiell schlecht ausgestatteten South Side von Chicago verband. In Köln schlossen sich in den 80er Jahren Jazzmusiker zusammen, um für einen geeigneten Auftrittsraum und generell einen besseren Zugang zur Öffentlichkeit zu streiten.

„Gemeinsam sind wir stark“, sagt Pianist Marc Schmolling, einer der Gründer des Jazzkollektiv Berlin. Statt einzeln zu kämpfen und bei den großen Labels des Jazzbetriebs immer wieder auf Granit zu beißen, weil deren Ausrichtung deutlich von kommerziellen Überlegungen geprägt ist, nehmen sich Schmolling, Saxofonist Wanja Slavin und Posaunist Gerhard Gschlößl die Freiheit, „ernsthafte Musik“ zu machen. Kompromisslos, zugespitzt und unbeeinflusst von irgendwelchen Produzenten, die dem Ganzen immer wieder einen Dreh in Richtung Pop zu geben versuchen. Gschlößl hatte vor drei Jahren den Anstoß gegeben. Als Posaunist mit Münchner Vergangenheit hatte er häufiger an Projekten des italienischen Kollektivs El Gallo Rojo aus Ferrara mitgewirkt und war überzeugt von dieser Art der Selbstorganisation. Das Kollektiv verleiht Veranstaltungen automatisch einen größeren Rahmen und erhöht damit die Wahrscheinlichkeit, von Medien und Publikum bemerkt zu werden. El Gallo Rojo betreibt zudem ein eigenes Label, auf dem die Musik der Kollektivmitglieder veröffentlicht und in Umlauf gebracht werden kann. Selbst eine Wohnung in Berlin leistet sich der italienische Zusammenschluss.

So weit ist das Jazzkollektiv Berlin noch nicht, doch es hat sich prachtvoll entwickelt: Mittlerweile ist es durch die Saxofonisten Felix Wahnschaffe, Philipp Gropper und Daniel Glatzel, den Gitarristen Ronny Graupe und den Posaunisten Johannes Lauer auf acht Köpfe angewachsen. Viel größer sollte es nicht werden, will man nicht die schlanken Entscheidungsstrukturen des Kollektivs aufs Spiel setzen. Als „Kollektiv aus Bandleadern“, die ihre je eigenen musikalischen Baustellen in die Konzerte einbringen, repräsentieren sie einen großen Ausschnitt der Berliner Jazzszene, und die gemeinsamen Veranstaltungen stoßen auf gute Resonanz.

„Es hat sich schon gelohnt“, bilanziert Schmolling. „Wir haben eine feste Anhängerschaft in Berlin, und nun muss es in kleinen Schritten weiter vorwärtsgehen.“ Das große Ziel bleibt es, den Resonanzraum für ihre Musik so zu vergrößern, dass es irgendwann möglich sein wird, von dieser Musik zu leben, ohne sie mit Zugeständnissen an ihre Verkäuflichkeit zu kompromittieren. Mit den „Kollektiv Nights“ nähert sich das Jazzkollektiv diesem Ziel weiter an. Bei der Begegnung mit Vertretern von Partnerkollektiven aus ganz Europa zeigt sich die geballte Kraft der Netzwerke: Bis Sonntag sind neben den Projekten von fünf der acht Kollektivisten auch das Pablo-Held-Trio aus Köln, das Septett Anderskov Accident vom Kollektiv ILK aus Kopenhagen, El Gallo Rojo aus Ferrara, YOLK aus Nantes, Arthurs, Hoiby, Ritchie and The Gerdur Gunnarsdottir Quartet von F-IRE aus London und das norwegisch-schwedische Quintett Atomic zu hören.

Musikalisch gibt es bei aller Unterschiedlichkeit der Projekte der Musiker des Jazzkollektivs doch Gemeinsamkeiten: Eine Nähe zum Jazz ist schon in den Namen eingeschrieben, die Bereitschaft, sich zumindest hin und wieder auf dessen Grundgepflogenheiten einzulassen, auf die solistische Improvisation über definierte Harmoniefolgen und auf pulsierende Beats. Auch makelloses Handwerk bei der Umsetzung komponierter Teile ist gefragt. Professionelle Qualität ist eindeutig angesagt, auch wenn die Musik auf dieser Basis in die verschiedensten Richtungen ausschreiten kann: zum Punk oder zur Folklore, zu Neuer Musik oder musique d’ameublement. Der Jazz, der im Umfeld des Jazzkollektiv Berlin gedeiht, hält in viele Richtungen die Türen offen.

„Meistens klingt es schon etwas lauter und anstrengender“, sagt Schmolling und freut sich darüber, dass das Publikum des Jazzkollektivs deutlich jünger sei, als man es sonst in Jazzzusammenhängen kennt. „Die meisten im Publikum kennen sich aus in der Musik, aber für manche ist es einfach die Intensität des Moments, die sie mitreißt.“

„Kollektiv Nights“, bis So 12. 12., Babylon Mitte, Rosa-Luxemburg-Str. 30

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