Kultur : Genosse Techno

Es war nur ein Grücht. Jahrelang suchte Manfred Miersch nach einer Klangmaschine aus der DDR. Dann fand er in einer Kammer das Subharchord – und entlockt ihm hochmoderne Töne. Die Geschichte einer Obsession

Bodo Mrozek

Eines der größten Rätsel ist die Zukunft. Wie leben wir im Jahre 2005? Werden wir unter Glaskuppeln wohnen und in Raumgleitern fliegen? Und wie wird dann die Musik klingen? Sind nach Techno überhaupt noch modernere Klänge möglich? Trendforscher bekommen für solche Spekulationen viel Geld. Manchmal aber muss in die Vergangenheit reisen, wer die Zukunft kennen lernen will.

Manfred Miersch ist ein vielseitiger Mensch. Eigentlich arbeitet er als bildender Künstler, Musiker und Musikverleger. Aber weil er neugierig und extrem gründlich ist, manchmal als Historiker. Und wenn es sein muss, auch als Detektiv. Der hochgewachsene Künstler sitzt in seinem Atelier in einem Industriehof an der Schönhauser Allee, um ihn herum die seltsamsten Musikinstrumente und Installationen, vor sich einen Stapel mit technischen Zeichnungen und SchwarzWeiß-Fotos aus dem Archiv: die Dokumente einer erstaunlichen Recherche.

Die Suche des Manfred Miersch beginnt im Jahr 2000. Damals erdachte er für seine Band Atelier Theremin ein neues Konzept. Die Berliner Band führt eines der ersten elektronischen Musikinstrumente im Namen, das Miersch bereits eingehend erforscht und auf seinem Plattenlabel Krautopia wieder populär gemacht hatte. In der Experimentalmusik von Atelier Theremin mischen sich Psychedelic der Sechzigerjahre, Krautrockeinflüsse und neue Musik. Die Harmonie aus modernster Elektronik und der warmen Klangfarbe fossiler Technik gehört dabei zum ästhetischen Programm. Wie viele Elektromusiker war Miersch von den gleichförmigen digitalen Klängen aus dem Laptop gelangweilt. Für seine Band hatte der 1961 geborene Berliner deshalb eine elektrische Geige entwickelt, frei stehende Plattenteller zum Scratchen konstruiert und alte Röhrenradios zu Lautsprecherboxen umgebaut. Doch Miersch war nicht zufrieden. Irgendetwas fehlte.

Mit der Geschichte der elektronischen Musik kannte Miersch sich bereits aus. Er bewundert das von Friedrich Trautwein in den 1930er Jahren konstruierte Trautonium, eines der ersten elektronischen Instrumente. Oskar Sala hatte es weiterentwickelt und den merkwürdigen Klängen 1962 im Soundtrack zu Alfred Hitchcocks Film „Die Vögel“ zu Weltruhm verholfen. Mit Schaltplänen von 1931 versuchte Miersch ein Trautonium, einen frühen Synthesizer, nachzubauen. Doch die entscheidenden Komponenten waren nicht aufzutreiben. Da erwähnte der Verkäufer eines Elektronikladens in einem Nebensatz ein ominöses Gerät: „In der DDR gab es doch das Subharchord“. „Es war nur ein Gerücht“, sagt Miersch. „Doch ich war wie elektrisiert.“

Sollten DDR-Toningenieure schon in den Sechzigerjahren einen Apparat entwickelt haben, der Töne erzeugen konnte, die in der Natur gar nicht vorkommen? So genannte subharmonische Mixturen waren damals das Neueste, was es in der Klangforschung gab: Während traditionelle Musikinstrumente einen Klangkörper zum Schwingen bringen, erzeugt ein Synthesizer den Ton rein elektronisch und verändert ihn durch Steuerung der Spannung. Subharmonische Klänge sind bei akustischen Instrumenten nicht hörbar, sie müssen als genaues Spiegelbild der Obertonreihe isoliert werden. Und genau dafür wurde das Subharchord erfunden.

Miersch begann nach dem Gerät zu forschen, doch die Recherche verlief zunächst im Sande: In der umfangreichen zeitgenössischen Musikliteratur tauchte das Subharchord lediglich in zwei Randbemerkungen auf. Andere Quellen leugneten seine Existenz sogar. Ein Schreiben aus dem DDR-Kulturministerium behauptete, dass „der Begriff subharmonisch eine Fiktion“ sei, der man „mit Vorbehalten begegnen“ müsse.

Miersch begann deshalb mit eigenen Experimenten. Mit einem Synthesizer der Firma Doepfner und einem Frequenzteiler versuchte er, subharmonische Mixturen zu erzeugen. Noch während dieser Arbeit fand er eine Ausgabe der Zeitschrift „Radio Fernseh Elektronik“ aus dem VEB Verlag Technik von 1968, die das Subharchord erwähnte. Sollte in der gut erforschten Geschichte der elektronischen Musik eine Lücke klaffen?

Miersch nahm die Suche wieder auf – und fand ein Versuchsband des Fernsehtechnischen Zentralamtes der DDR. Darauf erklingt die nüchterne Stimme einer Sprecherin, die in technokratischer Sprache über Ringmodulatoren, Frequenzsteuerung und Hauptgeneratoren berichtet. Dann brummen Untertöne, die sich in einem dumpfen Knarren auflösen. Miersch wusste, was er da in der Hand hielt: den Beweis für die Existenz eines Gerätes, das es nach dem Stand der Musikhistoriografie gar nicht geben durfte.

Das Band stammt aus einem Institut, in dem Techniker und Komponisten im weißen Laborkittel an der Musik der Zukunft arbeiteten: das Labor für Akustisch-Musikalische Grenzprobleme. Ein der Zukunft zugewandtes Expertenteam, darunter der Komponist Addy Kurth und der Toningenieur Ernst Schreiber, so ergaben weitere Forschungen, experimentierte dort mit der damals kaum bekannten Halbleitertechnik, um westliche Synthesizerpioniere zu übertreffen. Wenig später erreichte Miersch ein weiterer Beweis: das Foto eines Subharchords aus einem skandinavischen Museum. Miersch fertigte daraus einen Steckbrief und hängte ihn in Tonstudios und Rundfunkanstalten auf. Gerüchten zufolge hatte ein Exemplar im DDR-Rundfunkgebäude gestanden. Nichts geschah. Fast hatte Miersch die Suche aufgegeben, da meldete sich ein Tonstudio: „Wir haben hier was.“ Wenig später öffnete Miersch die Tür einer Rumpelkammer. Unter Kabelsalat und Elektroschrott lugte ein verstaubter Kasten mit bunten Reglern hervor: das Subharchord.

Was das für ein Moment war? Miersch ist kein Mann der großen Worte. Er denkt eine Weile nach und faltet die Hände. „Es war ein erhebendes Gefühl“, sagt er dann und spürt der Erinnerung ein paar Sekunden nach. Doch damit begann erst die eigentliche Arbeit. Im Studio für Elektroakustische Musik der Akademie der Künste fand er 2003 ein weiteres Subharchord, einen Prototyp, der dort Jahre lang unerkannt herumgestanden hatte. Miersch gewann den Archivleiter für eine erste Restaurierung: Ein Spezialist beseitigte Störfrequenzen und erneuerte Kippschalter. Für den Suchenden erfüllte sich ein Traum: Er konnte das Gerät spielen.

Mittlerweile hatte er seine Erkenntnisse über das Subharchord auf einer Website dokumentiert. Im vergangenen Jahr stieß durch einen Zufall der Klangkünstler Carsten Nicolai darauf: Er hatte seinen Geburtsort Limbach/Oberfrohna gegooglet und war dabei auf Mierschs Seite gestoßen, die diesen Ort erwähnt, weil dort einst das Subharchord vermarktet werden sollte. Nicolai nahm Kontakt mit Miersch auf und stellte das Fundstück ins Zentrum einer Kunstinstallation. In der Ausstellung „Künstler.Archiv“ der Akademie kann man das Subharchord nun besichtigten, ein kleiner Katalog zeigt es in allen schönen Details. Einziger Wermutstropfen: Der eigentliche Entdecker des Gerätes wird nicht einmal erwähnt.

Für Miersch ist die Beschäftigung mit der Subharmonik noch lange nicht zu Ende. Vor wenigen Wochen fand er die Patentanmeldung. Nach dem Stand seiner Forschungen muss es noch weitere Geräte gegeben haben. Miersch sucht nun in osteuropäischen Trickfilmstudios und bei Sammlern. Auf einer soeben erschienen Schallplatte und einer CD kann man historische Tondokumente und von Miersch und anderen Musikern komponierte subharmonische Mixturen hören.

Diese Klänge sind vielleicht nicht das, was man sich landläufig unter Musik vorstellt. Es sind eher Geräusche, die mal nach zerkratzter Schallplatte und mal nach Phaserpistole klingen, zwischendurch rauscht es. Aber dann öffnen sich eigentümlichen Klanglandschaften, ungewohnt wie die schroffe Oberfläche eines fremden Planeten. Die Musikgeschichte muss nach der Entdeckung des Subharchords nicht neu geschrieben werden. Aber sie ist um ein Kapitel reicher.

Denn das Subharchord ist nicht nur seinem westlichen Pendant, dem 1988 von Professoren der West-Berliner Fachhochschule der Post fertiggestellten „Mixturtrautonium nach Oskar Sala“ auf Halbleiterbasis um 26 Jahre voraus. Es ist auch der Urahn aller heute in den Clubs gespielten Elektromusik und, wenn man so will, die Erfindung des Techno aus dem Geiste des Sozialismus.

Schallplatten: „Der Krautopia Sampler“ (CD) und die Vinyl-Single „Subharmonische Mixturen mit dem Subharchord“ erscheinen auf Krautopia Records. Installation „sub vision“ mit dem Subharchord in der Akademie der Künste, Pariser Platz 4, Di. bis So. von 11 bis 20 Uhr. Bis zum 28.8.. Infos: www.subharchord.de

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