Georg Büchners „Woyzeck“ am Maxim Gorki : Ich liebe mich, weg mit den anderen!

Schwarze Messe für die geschundene Triebnatur: Am Berliner Maxim Gorki Theater macht sich Regisseur Mirko Borscht seinen eigenen Reim auf Georg Büchners „Woyzeck“.

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„Magic Murder Mystery“. Mareike Beykirch (Marie), Till Wonka, einer der Woyzeck-Darsteller des Abends, sowie Dimitrij Schaad (rechts).
„Magic Murder Mystery“. Mareike Beykirch (Marie), Till Wonka, einer der Woyzeck-Darsteller des Abends, sowie Dimitrij Schaad...Foto: Marcus Lieberenz/bildbuehne.de

Woyzeck, dieser extrem anschlussfähige Schmerzensmann des deutschen Dramenbetriebs, hält einfach alles aus. Man kann ihn zur „Woyzickine“ machen, ihn von fünf verschiedenen Darstellern gleichzeitig verkörpern oder sich mit der Kamera in die Hose leuchten lassen. Alles schon passiert. Anything goes. Büchners Bearbeitung des historischen Mordfalls Johann Christian Woyzeck nebst psychiatrischer Begutachtung ist schließlich Fragment geblieben. Liegt also nahe, das Stück in unsere ebenfalls total fragmentierte und subjektskeptische Gegenwart zu holen. So à la „Woyzeck 3.0“ oder „Woyzeck reloaded“.

Am Gorki Theater findet Regisseur Mirko Borscht seinen ganz eigenen Kniff. „Woyzeck III – Magic Murder Mystery“ heißt die Adaption. Ein assoziativer Trip mit mindestens drei Hauptfiguren zu Beatles-Musik kündigt sich an, und diese Erwartungen werden nicht enttäuscht. Klar, dass nicht viel Originaltext vorkommt. Aber niemand soll behaupten, Borscht hätte seine Vorlage nicht genau studiert. „Warum nur löscht Gott die Sonn' nicht aus?“, lässt Büchner seine gebeutelte Kreatur fragen. Kann er haben! Am Gorki ist es schon zu Beginn zimelich finster, wenn die eingelassenen Zuschauer Grabkerzen in die Hand gedrückt bekommen, die sie auf der Bühne neben einer Frauenleiche absetzen dürfen. Und heller wird's auch kaum. Musikerin Friederike Bernhardt haut entsprechend Moll-melancholisch in die Tasten: „Happiness is a warm gun, Mama.“

Hier findet ein Woyzeck-Requiem statt, eine schwarze Messe für die geschundene Triebnatur. Falilou Seck trägt eingangs eine ziemlich blutrünstige und archaisch donnernde Sündenfallgeschichte vor, in der unter anderem ein Urmord in Gottes Namen begangen wird, „der alle Morde beenden soll“. Das war der Tag, so heißt es, „an dem die Schuld auf die Erde kam und Licht und Schatten ihr Wesen tauschten“.

Nun ist „Wyozeck III“ allerdings nicht der Abend, an dem Sinn und Unsinn ihr Wesen tauschen. Borscht und Ensemble nehmen sich einige Hauptmotive Büchners vor – Betrug, Mord, Autorität, Geworfenheit – und machen sich den eigenen Reim drauf. Gern mal mit explizitem Sadomaso-Anklang und großen Ausrufezeichen. Mareike Beykirch fordert als untreue Marie: „Ich will, dass du mich schlägst. Komm! Komm, schlag mich! Schlag mich!“ Tamer Arslan als einer der Woyzecks unter schwarzer Zottelperücke bringt das allerdings nicht fertig und setzt dem Züchtigungswunsch seiner Geliebten ein luschiges „Ich will nicht so sein wie die anderen“ entgegen. Dazu hackt Till Wonka als ebenfalls langhaariger, oberkörperfreier und großflächig tätowierter Doppel-Woyzeck auf im Kreis drapierte Frauenpuppen ein. Was aus der Vogelperspektive gefilmt und projiziert wird und aussieht wie ein Folterrad im Hieronymus-Bosch-Stil.

Es gibt allerdings eine wirklich tolle Szene. Die beschert uns ein Psychologieprofessor aus Princeton mit Namen Julian Jaynes, Autor des bahnbrechenden Werks „Ursprung des Bewusstseins durch den Zusammenbruch der bikameralen Psyche“. Dimitrij Schaad (wohl gerade kein Woyzeck) bündelt dessen Haupterkenntnisse in einem furios ausufernden Monolog als Express-Kulturgeschichte der Erkenntnisbildung. Jaynes setzt voraus, dass die Menschen noch nicht lange über ein autonomes Selbst (oder was dafür gehalten wird) verfügen. Davor waren sie komplett fremdgesteuert, hörten göttliche Stimmen und folgten deren Befehlen. Als Beispiel dient die „Ilias“. Agamemnon lässt eine Frau töten, auf die Achill ein Auge geworfen hat. Aber als der entsprechend sauer angerauscht kommt und Rache will, muss Agamemnon nur abwehren: Moment, das hat mir ein Gott befohlen. „Und Achill dann: Ach so, ok, und fertig ist die Laube.“

Schaad besitzt das entsprechend komisch-ernste Vortragstalent dafür. Heute hingegen, so lernen wir, kommen diese Götterstimmen nicht mehr von außen, „sondern wir haben sie runtergedimmt und hören sie als unsere Gedanken, unser Gewissen“. Allerdings: So richtig überirdisch geht's bei alldem nicht zu. Jaynes nimmt an, dass bei den primitiven Gesellschaften die Stimmen der Könige und sonstigen Autoritäten im Kopf weiterklangen und zu Göttern umgedeutet wurden.

Nur ein kurzer Ausriss eines bemerkenswerten (und stürmisch beklatschten) Gedankengalopps. Der außerdem einen durchaus plausiblen Bogen zum Stimmen hörenden Woyzeck schlägt.

Allerdings auch ein seltenes Licht in der Diskurs-Gruft, die Regisseur Borscht hier einrichtet. Schon das Setting sieht schwer nach Psycho-Installation aus. Ein wassertröpfelnder Triebkeller, der mit Videoprojektionen befunzelt wird (Bühne: Christian Beck). Und in dem das Ensemble entrückt raucht und redet, meist eher banal als erhellend. Immerhin, gen Ende steckt sich Wonka-Woyzeck eine an und spricht die schönen Sätze: „Ich fasel über das Übel der Welt, das ich selber bin. Ich liebe mich. Die anderen müssen weg.“

Wieder 10., 11. und 28. April

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