Georgische Malerein in Berlin : Herzblut in Öl

Zaza Tuschmalischvili kam vor 20 Jahren in die Stadt. Die Liebe bescherte dem Maler eine Muse – und seinen georgischen Landsleuten eine Galerie.

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Foto: Thilo Rückeis
„Puppentheater“. So heißt diese neue, noch unfertige Arbeit von Zaza Tuschmalischvili.

Zaza Tuschmalischvili ist ein optimistischer Mensch. Sein Glaube an eine gute Zukunft hat ihm schon in der Vergangenheit viel geholfen. 200 Dollar hatte er eingesteckt, eine Palette und 25 Bilder im Koffer, als er Berliner Boden betrat. 1991 war das. Der Eiserne Vorhang war gefallen. Nach dem Ende der Sowjetunion war Georgien in einen blutigen Bürgerkrieg getaumelt, Zaza Tuschmalischvili wollte wie viele andere Landsleute nicht bleiben. So packte er seine Leinwände auf der Straße Unter den Linden aus, gleich neben den Bücherständen an der Humboldt Universität. Das kannte er von Tiflis, auch dort gibt es einen Kunstmarkt auf der Straße. „Schon am ersten Tag habe ich drei Bilder verkauft“, erinnert sich der 54-jährige Künstler, und den Stolz darüber sieht man ihm heute noch an, jetzt, wo er auf dem Sofa seiner Wohnung sitzt, mal eben den Pinsel aus der Hand gelegt hat und sich erinnern soll, wie das damals alles so war. „Ich habe auf der Straße sehr nette Leute kennengelernt.“

Zum Beispiel Annelie Hillmer. Sie ist eine Passantin, sieht das Gemälde „Rendezvous“ und verkuckt sich in das Bild. Ein Mann überreicht einer Frau eine Blume. „Ich war tief berührt“, sagt Annelie Hillmer. Doch es war schon verkauft. Zaza Tuschmalischvili lädt die junge Frau zu sich ins Atelier ein. Dort geht Annelie Hillmer, Psychologin und Autorin, mit drei Werken heraus. Und bietet ihm an, bei ihr zu arbeiten. Platz hat sie genug, in ihrer 200-Quadratmeter-Wohnung in Wilmersdorf. Zaza Tuschmalischvili sagt zu. Und von da an wird Annelie Hillmer seine Managerin und Muse.

Hotel Tbilisi nennt Annelie Hillmer ihr Zuhause

20 Jahre ist das her. Und das feiert das ungleiche Paar – die große resolute blonde Westfälin und der zierliche, dunkle zurückhaltende Georgier – mit einem Buch, das sie zusammen herausgebracht haben. „Einsichten Georgien–Berlin“ heißt es und gibt einen Überblick über das gesamte Schaffen des georgischen Künstlers. Noch immer arbeitet Zaza in Annelies Wohnung, hat sich eine Ecke am Balkon eingerichtet, mit Staffelei und der Sammlung bunter Tuben. Durch die Wohnung zieht der beißende Geruch von Ölfarbe. Hotel Tbilisi nennt Annelie Hillmer ihr Heim. Dank Zaza Tuschmalischvili und vielen Reisen in seine Heimat hat sie viele weitere Künstler aus Georgien kennengelernt. Immer wieder beziehen Stipendiaten und Berlin-Besucher bei ihnen für einige Zeit Quartier. Das Hotel Tbilisi, diese aus der Zeit gefallene Pracht mit den vielen Zimmern, hat es in Georgien zu einer kleinen Berühmtheit gebracht.

Es ist auch der Ort, an dem die beiden jahrelang ihren Kunstsalon veranstaltet haben. Die hohen Wände der herrschaftlichen Wohnung mit Zazas Bildern vollgehängt und die Flügeltüren weit aufgerissen, damit die Kunstinteressierten hindurchschlendern konnten. Es gab Lesungen und Konzerte. Erst später, 2007, eröffnete Annelie Hillmer ihre Galerie Georgia Berlin. Sie vertritt Zaza Tuschmalischvili, zum Jubiläum hängt eine kleine Retrospektive in den Räumen an der Bleibtreustraße. „Ohne ihn wäre ich keine Galeristin geworden“, sagt Annelie Hillmer. Sie hat ihre Charlottenburger Adresse inzwischen zu einem Zentrum für georgische Kunst ausgebaut, in der sie verschiedene Künstler zeigt und Veranstaltungen organisiert.

Ein Triptychon von Tuschmalischvili hing im U-Bahnhof Alexanderplatz

Und Zaza Tuschmalischvili? Er ist ein etablierter Maler geworden, ist ein wichtiger Vertreter georgischer Kunst, seine Bilder sind auf Messen vertreten und finden Sammler, verkauft werden sie für 1400 bis 19 000 Euro. Vielen Berlinern dürfte ein Bild vertraut sein, ein fast vier Meter langes Triptychon, „Harmonie für die Liebe“. 1997 hatte der Maler eine Ausschreibung um die Gestaltung des U-Bahnhofs Alexanderplatz gewonnen. Das Bild war ein Jahr lang ausgestellt. Was, wenn er nicht auf diese Frau getroffen wäre? Solche Fragen stellt sich der Maler nicht. Das Leben ist ein Spiel, findet er. Und noch deutlicher sieht man das in seinen Bildern.

Gerade sitzt er an einem großen Format. Es lehnt auf einer Staffelei. Noch ist es nicht fertig. Aber den Titel weiß Zaza schon: „Puppentheater“. Der Künstler hat die Fläche in verschiedene geometrische Formen aufgeteilt. Köpfe sind zu erahnen. Für Tuschmalischvili ist das Motiv des Puppentheaters zentral, für ihn ist das ganze Leben ein solches. Er meint damit das Schöne, Verzauberte, Schicksalhafte. Nicht etwa, dass wir alle wie an Strippen hängend unfrei agieren.

Und so ist es fast logisch, dass er sein Herz ein bisschen ans Glücksspiel verloren hat, seit er das erste Mal ein Kasino betrat. Spieler tauchen immer wieder in seinen Bildern auf, Ass, Pik, Kreuz und kopflose Menschen. Den Schlüssel zu seiner symbolhaften, farbkräftigen Malerei zwischen Surrealismus, Kubismus und Volkskunst findet man immer bei ihm selbst. Oft in seiner Herkunft. Vielleicht hat ihn die Ferne, hat das Leben in Berlin ihn noch näher an den Kaukasus herangerückt. Die Ockerfarben, die er gerne verwendet, tauchen auch in georgischen Ikonen auf. Genauso wie das tiefblaue Lapislazuli. Seine Bilder sind flächig wie sakrale Kunst, ornamental, manchmal trägt er Blattgold auf. Und oft unterteilt er die Leinwand in Fächer, die er mit kleinen Geschichten füllt, in denen Liebespaare und Cherubine die Hauptrolle spielen. Bevor er nach Berlin kam, hat Zaza Tuschmalischvili an der Kunstakademie in Tiflis Freskenrestaurierung studiert und mittelalterliche Wandmalereien in georgischen Kirchen wiederhergestellt.

Und dann ist da noch seine Kindheit. „Schön war sie“, sagt Zaza Tuschmalischvili. Bei den Großeltern ist er aufgewachsen, auf dem Dorf, umgeben von Obstplantagen und einem Fluss, am Fuße des Kaukasus. Der Junge, der erst mit vier Jahren anfing zu sprechen, hatte Tiere, Hunde, Tauben, Kätzchen, Esel. Im Fluss hat er Fische gefangen. All das sieht man in seinen Bildern. Der Fisch ist profane Kindheitserinnerung und christliches Symbol gleichzeitig. Kreise mit Kreuzen sind bei ihm Aureolen, aber auch jene Räder, die er als Kind unter Boote schraubte. Fußballprofi wollte er werden, spielte auch gut. „Aber mir fehlten die Fürsprecher in den Sportkadern“, sagt er. Seine Eltern waren Fabrikarbeiter. Sie wünschten sich, dass der Sohn Chirurg wird. Es ist anders gekommen. Heute unterstützt Zaza Tuschmalischvili seine Familie mit dem Geld, das er mit seinen Bildern verdient. Einmal im Jahr fährt er nach Hause. Er braucht die Heimat, auch wenn er sich in Berlin sehr wohl fühlt. „Georgien ist mein Blut.“ Tragisch, dass der Maler seine Kunst dort bisher noch nicht gezeigt hat. Er und seine Galeristin fürchten die instabile Rechtsstaatlichkeit und den Zoll. Vielleicht kämen die Bilder nicht mehr zurück.

Georgia Berlin Galerie, Beibtreustraße 17, Charlottenburg, bis 30. Juli, Mo–Sa 11–19 Uhr, Katalog 49,50 Euro

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