Kultur : Gerechtes Urteil

Edgar Wolfrums Studie über Rot-Grün ist ein Meisterwerk der deutschen Zeitgeschichte.

Hans-Ulrich Wehler

In dem Vierteljahrhundert seit der großen Wende in der Welt- und Deutschlandpolitik hat die deutsche Zeitgeschichtsschreibung einen imponierenden Output zustande gebracht. An der Spitze stehen zur Zeit Andreas Wirsching mit seiner glänzenden Analyse der europäischen Politik während dieser jüngsten Epoche („Der Preis der Freiheit. Geschichte Europas in unserer Zeit“), Gerhard A. Ritter mit seinem imponierenden „Preis der deutschen Einheit“ und Hans-Peter Schwarz mit seiner mächtigen Kohl-Biografie. Zu diesem Trio von Spitzenleistungen ist nun soeben ein neues Meisterstück getreten: Edgar Wolfrums Darstellung von „Rot-Grün an der Macht“, mithin von jener Koalition, die sieben Jahre lang (1998 bis 2005) den Gang der deutschen Geschichte ganz wesentlich bestimmt hat.

Wolfrum – bisher mit Studien zur Geschichtspolitik der alten Bundesrepublik und einer überzeugenden Synthese ihres ersten halben Jahrhunderts hervorgetreten – ist dieser Vorstoß an die Spitze vor allem aus zwei Gründen gelungen. Zum einen gibt es nur außerordentlich wenige Studien zur neueren deutschen Zeitgeschichte, die mit einer derartigen empirischen Dichte über 850 Seiten hinweg ihre Thematik verfolgen. Wolfrum hat nicht nur das gesamte gedruckte historische Quellenmaterial einschließlich der umfangreichen Publizistik in jahrelanger mühseliger Arbeit erschlossen. Vielmehr hat er auch durch zahlreiche Interviews mit Figuren der damaligen Zeitgeschichte eine Fülle von neuartigen Gesichtspunkten gewonnen. Es ist imponierend, wie dieser Historiker die wichtigsten Zeitzeugen zum Sprechen gebracht hat (mit der einzigen Ausnahme von Oskar Lafontaine).

Zum anderen besticht Wolfrum durch seine überaus sorgfältige Interpretation. Gegen die jüngste Zeitgeschichte wird ja öfter geltend gemacht, sie erliege zu häufig der Übermacht ihrer politischen Gegenwart und deren Kategorien. Davon kann bei Wolfrum keine Rede sein, denn er praktiziert eine wesentliche Tugend des gestandenen Historikers: die Fähigkeit zum gerechten Urteil. Das tritt nirgendwo deutlicher zutage als in seinem Kapitel über die Agenda 2010, die bisher noch nie im historischen Diskurs so eindringlich, so überzeugend als größte sozialstaatliche Leistung des 20. Jahrhunderts gewürdigt worden ist. Es ist diese Verbindung von empirischer Quellennähe und souveräner Deutung, die Wolfrums großem Opus seinen Rang verleihen.

Das Buch zerfällt in drei große Blöcke mit 16 informationsgesättigten Kapiteln. Unter dem Titel „Aufbruch ins 21. Jahrhundert“ wird zuerst der Machtwechsel von 1998 porträtiert, ehe mit dem Kosovo-Krieg das Ende der Nachkriegszeit und das Ausscheiden Lafontaines aus Regierung und Partei als erster innenpolitischer Einschnitt geschildert wird. Zu den wichtigsten Reformen der neuen Koalition gehörte gleich zu Anfang das endlich zeitgemäß umformulierte Staatsbürgerschaftsrecht, das die längst revisionsbedürftige antiquierte Fassung von 1913 durch die Anpassung an europäische Standards ersetzte. Damit konnte die Koalition ihrer reformfreudigen Forschungsprogrammatik rundum gerecht werden. Auf dieser Linie nachgeholter Reform bewegte sich auch die überfällige Entschädigung der Zwangsarbeiter des Zweiten Weltkriegs, wobei Schröder und Lambsdorff die deutsche Industrie in die Pflicht nahmen.

Im Mittelpunkt des zweiten Teils steht der Terrorangriff vom 11. September 2001, stehen seine vielfältigen politischen und mentalen Folgen für die deutsche Verteidigungs- und Außenpolitik. Nuanciert wird Schröders Nein zum Irakkrieg dargestellt – eine fraglos populäre Entscheidung in der Bundesrepublik, die jedoch mit tölpelhaftem Politikstil gegenüber dem amerikanischen Verbündeten verbunden war. Statt des erhofften positiven Votums im Machtkampf von 2002 rettete den Kanzler wahrscheinlich nur sein effektiver Auftritt während der Hochwasserkatastrophe in jenem Sommer.

Im Hinblick auf die Dramatik und Darstellungskraft des Autors steht, Kernstück des Wirbels von Krisen und Reformerfolgen, die Agenda 2010. Hier geht es bekanntlich um ein extrem umstrittenes Politikfeld, auf dem sich Wolfrum erneut mit bewundernswerter Souveränität bewegt. Nach sorgfältiger Abwägung aller Argumente Pro und Kontra kommt er zu dem einleuchtenden Schluss, dass es sich bei der Agenda nicht nur um die mit Abstand größte innenpolitische Leistung der Koalition gehandelt hat, sondern um die imponierendste sozialstaatliche Reform eines deutschen Staates im 20. Jahrhundert. Das wird manchen Leser, der strittige Eckpunkte namentlich der Arbeitsmarktreform nicht billigt oder sich nur an einem Teilstück wie „Hartz IV“ festbeißt, nicht auf Anhieb überzeugen. Aber jeder argumentativ aufgeschlossene Zeitgenosse muss sich Wolfrums kühler Gedankenführung und Urteilsbegründung anschließen. Insofern steckt in dem Agenda-Kapitel auch die dezidierte Intervention eines politisch denkenden Historikers in eine andauernde Diskussion seiner Gegenwart.

Wolfrums Studie ist nicht nur dem Vergleich mit den besten Werken der amerikanischen, englischen und französischen Zeitgeschichte gewachsen. Vielmehr wird ihm auch ein Votum der tüchtigsten deutschen Zeithistoriker auf den vorn behaupteten Spitzenrang befördern.









– Edgar Wolfrum:
Rot-Grün an der Macht. Deutschland 1998– 2005. C. H. Beck Verlag, München 2013. 848 Seiten, 24,95 Euro.

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