Kultur : Gert Ledigs Luftkriegs-Dokument - die Gegenwart des Nichts

Stephan Reinhardt

Als der in Großbritannien lebende deutsche Germanist und Autor W. G. Sebald vor einigen Jahren darauf hinwies, dass die Bombardierung deutscher Städte während des Zweiten Weltkrieges in der deutschen Nachkriegsliteratur so gut wie kein Echo gefunden habe, übersah er ein wichtiges Zeitdokument: Gert Ledigs Roman "Vergeltung". Als das Buch 1956 im S. Fischer Verlag erschien, empörten sich die Kritiker über "gewollt makabre Schreckensmalerei" oder bemängelten ein Zuviel an Pathos. Jetzt hat Suhrkamp diesen Roman neu aufgelegt. Pathetisch ist dieser Text ebenso wenig wie gewollt makaber. Seine Darstellung des Schreckens ist von erstaunlich dichtem Realismus - und sie legitimiert sich, von vielleicht zwei, drei stilistischen Fehlgriffen abgesehen, durch ihre Form. Wie John Dos Passos in "Manhattan Transfer" bedient sich Gert Ledig einer Montage-Technik und legt dabei einen vertikalen und horizontalen Schnitt durch das Geschehen: Einen 70 Minuten dauernden Bombenangriff auf eine namentlich nicht genannte deutsche Großstadt stellt er simultan aus der Perspektive von mehr als einem Dutzend Personen dar.

Es beginnt in der Luft, durch die sich am 2. Juli 1944 in 4000 Meter Höhe ein 600 Meter breiter, 30 Kilometer langer US-Bomberstrom bewegt. Aus der Besatzung einer dieser fliegenden Festungen mit ihren tödlichen Bombenlasten wählt Ledig einen texanischen Sergeanten aus. Nachdem der im Luftkampf einen deutschen Jäger abgeschossen hat, wird sein Flugzeug durch den Zusammenstoß mit einem anderen Bomber selbst zum Absturz gebracht. Während der Sergeant am Fallschirm durch die Luft gleitet, wird er von deutschen Jägern ins Visier benommen, vom Geschosshagel der Bodenflak bedroht. Unterdessen wird am Boden auf einer der Flakbatterien, deren jugendliche Kanoniere in die Luft feuern, ein einarmiger Leutnant angewiesen, die mit dem Fallschirm abstürzenden US-Soldaten gefangen zu nehmen. In Erzählbausteinen von je zwei, drei Seiten Umfang und in kurzen, stakkato-artigen Sätzen gibt Ledig dem Entsetzlichen Gestalt. In und zwischen brennenden Häusern bewegen sich Menschen, ausgesetzt den Schrecken der Apokalypse. Ein älteres Ehepaar, dessen Söhne gefallen sind, bleibt im abbrennenden Haus zurück. Ausgehungerte russische Kriegsgefangene, denen der Schutz in einem Luftschutzkeller verweigert wird, werden in einem Splittergraben Opfer der Bomben. Aber auch im großen Hochbunker unter der Erde, in den Luftschutzkellern und Unterständen, herrscht das Grauen. In einem Luftschutzkeller zerbricht das Mauerwerk und begräbt die Insassen unter sich; in einem Weinkeller betrinken sich Soldaten. Kleine Handlungen, die sich während der Dauer des Bombardements ereignen, werden von Ledig zum Mosaik zusammengefügt: so versucht ein Mann vergeblich, durch die brennende Stadt zum Bahnhof zu gelangen, wo er Frau und Kind vermutet, vergeblich auch sucht eine Mutter nach ihrem Sohn, der als Flakhelfer bereits den Tod gefunden hat; und es gelingt auch dem amerikanischen Sergeanten nicht, das Leben zu gewinnen; ein fanatisierter deutscher Arzt, für den der Krieg der Vater aller Dinge ist und der "den Anblick eines Schlachtfeldes" "erhebend" findet, lyncht ihn - macht ihn zum Opfer einer Vergeltung.

Gert Ledig, der zuletzt vereinsamt am Ammersee lebte und am 1. Juni 1999 fast völlig vergessen gestorben ist, schrieb aus eigener Erfahrung. Krieg war für ihn zunächst Vollzug des Notwendigen, nationaler Rehabilitation und Wunschträume. 1939 drängte es den 18-jährigen Elektrotechniker deshalb als Kriegsfreiwilligen zur Wehrmacht. An der russischen Front schwer verwundet und durch eine Unterkieferverletzung beim Sprechen behindert, ließ er sich zum Schiffsbauingenieur ausbilden, besuchte danach bayerische Zuliefererbetriebe für die Kriegsmarine und geriet dabei in München im Juli 1944 in schwere Luftangriffe. Ledig enthüllt in seiner kompromisslosen Schilderung des Kriegsgrauens während eines Bombenangriffs den nationalen Wertekanon von "Vaterland, Heldentum, Tradition, Ehre" als pure Phraseologie. Er zeigt das wahre Gesicht des Krieges: Für die Betroffenen ist er die Gegenwart des Nichts und der Sinnlosigkeit. Und wenn es einen Gott gäbe, lässt Ledig immer wieder leitmotivisch anklingen, dann habe er seine Existenzberechtigung verloren, weil er dies Ungeheuerliche geschehen lasse. Es war das Fehlen "jedes positiv gerichteten metaphysischen Hintergrunds und Ausblicks" - so zitiert Volker Hage in seinem Nachwort die "Badische Zeitung" von 1956 - , das zur Ablehnung des Romans bei seinem ersten Erscheinen beigetragen hat. Zu einer Zeit, in der die Bildung der Bundeswehr begleitet war von der Publikation der Memoiren ewiggestriger Generäle, passte Ledigs Roman "Vergeltung" nicht in die Landschaft.

Eben das aber, seine radikale Kritik am sogenannten "Vaterland", das Fehlen jeder metaphysischen Absicherung, die ungeschönte Bilderfülle der Hölle auf Erden, zu der auch eine 1956 viel diskutierte Vergewaltigungsszene in einem verschütteten Keller gehört, machen "Vergeltung" zu einem Dokument. Es war der Frankfurter Kritiker Günther Rühle, der 1956 deshalb empfahl, diesen Roman in die Bibliotheken der Bundeswehr aufzunehmen, zur Pflichtlektüre zu machen.Gert Ledig: Vergeltung. Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 1999. 212 Seiten, 32 DM.

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