Kultur : Geschäft und Leidenschaft

Van Gogh und mein Vater: Walter Feilchenfeldt erinnert sich

Bernhard Schulz

Als Heinz Berggruen im Frühjahr 2001 fünf Gemälde Cézannes zur Auktion gab, um Erbangelegenheiten zu regeln, blutete manchem Berliner Kunstfreund das Herz. Cézanne ist unbestritten der Vater der modernen Malerei, und die Berggruenschen Werke sind Inkunabeln dieser Moderne. Nur ein Jahrhundert liegt zwischen diesem Ereignis und einer früheren Berliner Cézanne-Ausstellung. „Die Ausstellung eines so unbekannten und seltsamen Malers bedarf einiger orientierender Worte“, hebt der Katalog der Gruppenausstellung von Bruno und Paul Cassirer von November 1900 an: „In Deutschland ist Cézanne völlig unbekannt; die jetzige Ausstellung ist seine erste.“

Ob es ohne die Cassirers jemals Cézanne in Deutschland gegeben hätte, ist eine müßige Spekulation. Die Kunstrezeption geht verschlungene Wege, aber dass sie einen Künstler von Rang auf Dauer übersieht, ist ausgeschlossen. Das mindert das Verdienst der Cassirers indessen nicht. Der gemeinsame Kunstsalon, den die beiden Vettern Bruno und Paul 1898 in der Victoriastraße im „alten Westen“ Berlins initiierten, hatte nur kurze Zeit Bestand. 1901 zog sich Bruno auf den gleichfalls betriebenen Verlag zurück, Paul führte den Kunstsalon – und die Geschäfte der Secession weiter.

Mit dem Namen Cassirer ist die Rezeption und Durchsetzung zweier Heroen der Moderne in Deutschland untrennbar verbunden: Cézanne und Vincent van Gogh. Walter Feilchenfeldt (Jahrgang 1939), selbst einer Berliner Familie entstammend und später im Kunsthandel seines gleichnamigen Vaters das Cassirer-Erbe fortführend, hat nun eine Sammlung von Aufsätzen vorgelegt. Ihren Zusammenhang verrät der Titel des Buches: „By appointment only“, nur nach Vereinbarung. Das ist für Walter Feilchenfeldt junior nicht nur ein Geschäftsprinzip, sondern vielmehr eine Lebensform. Das Händlerische, das Wissenschaftliche, die Liebe zur Kunst gehen bei ihm eine produktive Verbindung ein. Das bisweilen Zufällige, das diese Aufsatzsammlung kennzeichnet, spiegelt genau diese Facetten eines – wie man wohl sagen darf – geglückten Lebens.

Am interessantesten sind die beiden Aufsätze zur Rezeptionsgeschichte Cézannes und van Goghs im Deutschland des Wilhelminismus und der Weimarer Republik, der großen Zeit des Berliner Kunsthandels und eben auch des Kunstsalons Bruno Cassirer. Es sind veritable Kunstkrimis, die Feilchenfeldt da ausbreitet. Insbesondere die Affäre um den vermeintlichen Kunsthändler Otto Wacker, der 1928 nicht weniger als 33 gefälschte van Goghs ausstellte. Walter Feilchenfeldt senior, damals Geschäftsführer der Firma Paul Cassirer, brachte den Stein ins Rollen – und Wacker schließlich vor Gericht, das ihn 1932 wegen Betrug und Urkundenfälschung verurteilte. Gleichwohl gibt Feilchenfeldts Schlussfolgerung, dass sich „seither die van-Gogh-Wissenschaft schwer“ tue, „über echt und falsch im Werk des Meisters zu entscheiden“, zu denken. Die Abbildungen, mit denen das Buch großzügig ausgestattet ist, lassen die Problematik der Zuschreibung erahnen. Deutschland war das Land mit den meisten van Gogh-Sammlern. Allein im Sommer 1914, dem Jahr der großen van Gogh-Ausstellung bei Cassirer in Berlin, befanden sich 120 Bilder des Malers in deutschem Besitz.

Auch Cézanne verdankt seinen frühen Ruhm deutschen Sammlern. Der französiche Staat hatte noch 1896 aus der Schenkung des Malers Caillebotte 29 der 67 Bilder rundweg abgelehnt, darunter drei von fünf Cézannes. Bei den Sammlern des vornehmen Tiergartenviertels hingegen waren Cézannes zu sehen. Natürlich spielte Nationalgalerie-Direktor Hugo von Tschudi – der infolge seiner frankophilen Ankaufspolitik 1909 zurücktreten musste – eine zentrale Rolle beim Erwerb der Impressionisten und Post-Impressionisten. Paul Cassirer blieb der Organisator im Hintergrund: So gehörte er dem Arbeitsausschuss der Kölner Sonderbundsausstellung von 1912 an, jenes Jahres, das Feilchenfeldt nicht nur national, sondern weltweit „das wichtigste für den Durchbruch der modernen Kunst“ nennt. Von 26 dort gezeigten Cézannes stammten 14 aus deutschem Privatbesitz.

So ist Feilchenfeldts Buch denn mehrererlei: ein intimer Einblick in die mit Herzblut ausgeübte Tätigkeit des Kunsthändlers, aber ebenso eine Kunst- und Rezeptionsgeschichte – vor allem aber eine beeindruckende Fallstudie über die Schwierigkeit, echte von gefälschter oder falsch zugeschriebener Kunst zu unterscheiden. Nicht ohne Hintersinn hat der Autor das Lebensmotto seiner Mutter an den Anfang gestellt: „Studieren musst du, aber über Kunst kann man nicht lernen, über Kunst weiß man.“ Das klingt ebenso entmutigend wie am Ende auch tröstlich.

Walter Feilchenfeldt: By appointment only. Schriften zu Kunst und Kunsthandel. Cézanne und van Gogh. Nimbus Verlag, Wädenswil am Zürichsee, 2005, 320 Seiten, 54 Euro.

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