Geschichte : Der vergessene Völkermord

Blinder Fleck: Noch immer marginalisiert Deutschland seine Kolonialverbrechen in Afrika.

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Schwarze Stacheldrahtrosen in der Namib. Ausbeutung sieht heute anders aus als zu Zeiten der deutschen Kolonialherrschaft. Die Landschaften Namibias werden durch den Abbau von Bodenschätzen und Müll bedroht. Die Künstlerin Imke Rust lebt in Windhoek und Berlin. Sie protestiert mit ihrer „Land Art“ – hier die Installation „SubRosa“ – gegen die Zerstörung der Natur. „Goldgräberstimmung“: Fotos und Videos von Imke Rust sind bis zum 16. Juli im Berliner Grafik Studio Galerie Neumann (Rigaer Str. 62) zu sehen. Foto: Rust
Schwarze Stacheldrahtrosen in der Namib. Ausbeutung sieht heute anders aus als zu Zeiten der deutschen Kolonialherrschaft. Die...

Im Deutschen Historischen Museum Berlin ist die Geschichte dieses Landes eine fast lineare Erzählung. Aufgeschrieben in einem sich schlängelnden Gang mit Vertiefungsräumen. Wer will, kann am Kolonialismus in einem Glaskasten vorbeilaufen. Nicht nur dort ist er ein verdrängtes Kapitel, eine wenig aufgearbeitete Geschichte. Doch bemühen sich Wissenschaftler, die koloniale Schande in den Fokus gesellschaftlicher Aufmerksamkeit zu rücken. Es ist ein zäher Kampf gegen gesellschaftliche Ressentiments und politische Widerstände. Über einen Antrag der Linken, „die deutschen Kolonialverbrechen im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika als Völkermord anzuerkennen und wiedergutmachen“, wurde vor einiger Zeit im Bundestag entschieden. Er wurde abgelehnt.

Einst galten die von Deutschland besetzten Gebiete in Übersee als nationale Schicksalsfrage. Die Geschichte begann 1884, als das Deutsche Reich sogenannte Schutzbriefe an Abenteuer suchende Händler wie Adolf Lüderitz oder Konquistadoren wie Carl Peters vergab, die den wirtschaftlichen Aufbau der Kolonien begründeten. Zu ihnen zählten Deutsch-Südwestafrika, das heutige Namibia, Deutsch-Ostafrika, das heutige Tansania, Togo und Kamerun. Die Gründe dafür waren nicht nur weltpolitischer und wirtschaftlicher Natur. Auch die von Reiseberichten geschürte Fantasien beflügelten die koloniale Idee. Christian Kracht hat das in seinem Roman „Imperium“ für die Südsee nachempfunden – den Wahnsinn deutscher Weltretter, Großmachtsidioten und Zivilisationsflüchtlinge. Als „einen Platz an der Sonne“ beschrieb 1897 der Staatssekretär im Auswärtigen Amt und spätere Reichskanzler Bernhard von Bülow die deutschen Kolonien.

Doch gestaltete sich das Erschließen der gewaltigen Gebiete problematischer als geglaubt. Zudem gab es keine klare Vorstellung darüber, ob in den Kolonien gesiedelt – oder ob sie bloß ausgebeutet werden sollten. Auch zeigte die deutsche Öffentlichkeit zunächst wenig Interesse am kolonialen Projekt. Das änderte sich erst nach einer Reihe blutiger Erhebungen und Kriege. So wehrten sich die Herero und Nama im heutigen Namibia gegen die deutsche Kolonialmacht. Die Schlacht am Waterberg unter General von Trotha 1904 glich einem Vernichtungsfeldzug. Rund 80 Prozent der 80 000 Herero und zehn Prozent der 20 000 Nama fanden den Tod. Historiker bewerten das blutige Vorgehen als ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts. Uwe Timm („Morenga“) und Gerhard Seyfried („Herero“) haben in ihren Romanen die absurd-brutale Geschichte von Deutsch-Südwest plastisch erzählt.

Wie schwierig diese Geschichte immer noch ist, zeigte sich im vergangenen Jahr bei der Rückgabe der Schädel der ermordeten Volksgruppen in Berlin. Die Charité entschuldigte sich für die Grausamkeiten kolonialer Forschung. Nicht so die Bundesregierung. Bei der Zeremonie kam es zum Eklat. Die Staatsministerin im Auswärtigen Amt, Cornelia Pieper, wurde ausgebuht. Sie verließ vorzeitig die Feier.

Ist Deutschland auf dem kolonialen Auge blind? „Es sind andere historische Ereignisse, die im deutschen Selbstverständnis und der geschichtlichen Auseinandersetzung im Vordergrund stehen“, sagt Historiker Joachim Zeller aus Berlin. Der Holocaust stelle das zentrale historische Moment im deutschen Diskurs dar. Das koloniale Kapitel werde meist als kurze Episode abgetan. Unter dem Titel „Kolonialismus im Kasten?“ führt die Historikerin Manuela Bauche auf Anfrage gemeinsam mit vier anderen Historikerinnen kritische Rundgänge durch das Deutsche Historische Museum durch. „Die Deutung und Bedeutung ist an den Taten und daran zu messen, wie stark die Bilder und Denkweisen heute noch nachwirken. Der Aufarbeitung dieser Zeit muss sich nicht nur Afrika, sondern auch Deutschland stellen“, kritisiert Bauche.

Bisher habe ein breites gesellschaftliches Interesse gefehlt, um die Bundesregierung zum Handeln zu bewegen, meint Joachim Zeller. 2004 resümierte der damalige namibische Außenminister Theo-Ben Gurirab auf der Weltkonferenz in Durban: „Deutschland hat sich für Verbrechen in Israel, Russland oder Polen entschuldigt, weil es um Weiße ging.“ So geht es in der Geschichte der ökonomischen Ausbeutung und politischen Unterdrückung Afrikas vor allem um Rassismus: „Er war die Folge, die Rechtfertigungsideologie und moralische Legitimation dafür“, sagt Zeller. Rassisch-biologische Auffassungen über schwarze und weiße Menschen begründeten beispielsweise die Definition der sogenannten „Herrenmenschen“. Dahinter: das hegelianische Motiv eines „geschichtslosen“ Afrikas, das im Vergleich zur westlichen Gesellschaft eine niedrigere Entwicklungsstufe des absoluten Geistes darstellt. „Der Kolonialismus muss als Globalisierung vor der Globalisierung verstanden werden“, sagt der Historiker Zeller. Der Kolonialismus schuf rassistische Bilder von einem Afrika als Ort des Chaos und des Paradieses, wo sich zivilisationsmüde weiße Menschen zurückziehen können, um das befreite Leben zu finden. So fand, so erfand der Westen sein Afrika. Und dieses Bild gilt vielerorts noch heute.

In der Realität endete das imperialistische Kapitel Deutschlands mit dem Verlust seiner Kolonien nach dem Ersten Weltkrieg. Doch wurden noch Anfang der vierziger Jahre Pläne für eine erneute Inbesitznahme geschmiedet. Mit der Unabhängigkeit der ersten afrikanischen Länder ab 1958 verloren die Industrieländer merklich ihr Interesse – vor allem an einer geschichtlichen Aufarbeitung. Nur noch Stadtbilder in Berlin, Hamburg oder München bergen versteckte Erinnerungen an diese Zeit. Es sind Straßennamen wie im Afrikanischen Viertel in Berlin-Wedding, das Anfang des 20. Jahrhunderts entstand – eine Selbstfeier des deutschen Kolonialgeistes.

„Wer sich der Geschichte nicht erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen“, schrieb der amerikanische Philosoph George Santayana. Demnach ist es die Verdrängung, die den heutigen Vorwurf des Neokolonialismus möglich macht. Er spiegelt sich beispielsweise im sogenannten Hilfediskurs entwicklungspolitischer Projekte wieder. Der Dokumentarfilm „White Charity“ – Weiße Barmherzigkeit oder Almosen – von Carolin Philipp und Timo Kiesel beschreibt diese Tendenz zu einer erneuten Bevormundung. Sie fragen, ob gut Gemeintes immer gleich auch gut ist.

Am Ende ist es nicht nur die Frage, was Afrika sich selbst schuldet, wie es Wole Soyinka, der erste afrikanische Literaturnobelpreisträger, formuliert hat. Es geht auch darum, was Deutschland sich selbst und Afrika schuldet – jedenfalls kein Mitleid oder schlechtes Gewissen. Soyinka spricht von einem „Torbogen der Heilung“. Er besteht aus Wahrheit, Wiedergutmachung und Versöhnung.

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