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Kultur : Geschichten vom Verlust

04.03.2002 00:00 UhrVon Amory Burchard

Friedrich Gorensteins Leben lässt sich als eine Folge von Niederlagen erzählen. Und als Chronik des Stolzes, sie überwunden zu haben. Geboren 1932 in Kiew, verlor er seinen Vater dreijährig im stalinistischen Terror. Gemeinsam mit der Mutter überlebte er den Holocaust, aber die Mutter überlebte die Entbehrungen der Nachkriegszeit nicht. Gorenstein wuchs deshalb in einem Waisenhaus auf. In diesen Jahren muss in ihm die Erkenntnis gereift sein, "Antisemitismus, das ist in Russland und in der Ukraine ein Bestandteil der Luft".

Der Waisenjunge überwand diese nicht unbeträchtlichen Startschwierigkeiten. War Hilfsarbeiter, studierte Bergbau, arbeitete als Ingenieur im Schacht - und begann früh zu schreiben: Geschichten von Verlust und schwierigen Karrieren.

Die erste Erzählung, die Gorenstein 1964 veröffentlichen konnte, handelte von einem Jungen, dessen Mutter im dritten Kriegsjahr in einem fahrenden Zug an Typhus stirbt. "Das Haus mit dem Türmchen" endet mit einem ersten Lächeln des kleinen Helden - und sollte für ein Vierteljahrhundert Gorensteins letzte sowjetische Veröffentlichung bleiben. Erst 1990 wurde Gorenstein in seiner Heimat wieder gedruckt. Als die Zensur sein literarisches Werk stoppte, begann er ein Fernstudium an der Moskauer Filmakademie. Am erfolgreichsten arbeitete Gorenstein mit dem Regisseur Andrej Tarkowskij zusammen; von ihm stammt das Drehbuch zu "Solaris" (1972). Auf Einladung des DAAD konnte Gorenstein 1979 nach West-Berlin ausreisen. Er blieb. Bis zu seinem Tod am vergangenen Sonnabend, sechzehn Tage vor seinem 70. Geburtstag. Er hinterlässt ein großes Prosawerk mit zahlreichen Erzählbänden und Romanen. Breite Anerkennung als Schriftsteller errang Friedrich Gorenstein mit dem Erscheinen seines Tauwetter-Romans "Der Platz", der 1995 im Aufbau-Verlag erschien. Der Epochenroman erzählt über 1200 Seiten das Leben eines im Stalinismus verwaisten Bauingenieurs zwischen beruflichem Scheitern und zweifelhaftem Aufstieg in einer militant antistalinistischen Gruppierung. Gorenstein schuf mit Goscha Zwibyschew einen der unsympathischsten Helden der Literaturgeschichte. Sein Autor war selbst einer der unbequemsten Helden der Geschichte des literarischen Lebens in Russland. Als jüdischer Schriftsteller hat sich Gorenstein nie verstanden, sondern als russischer. Er erklärte es so: "Heinrich Heines Gedichte sind zu deutschen Volksliedern geworden, nicht zu jüdischen." Er scheute den Vergleich nicht. Seine schwierige Biografie verband sich mit starkem Selbstbewusstsein. Er liebte es, Kollegen wie Lew Kopelew und Alexander Solschenizyn als "überschätzt" zu bezeichnen.

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