Kultur : Gesicht gewinnen

Der Dialog mit China muss auf Augenhöhe geführt werden, nicht mit Kotau / Von André Schmitz

Am 29. April sollte der chinesische Künstler und Regimekritiker Ai Weiwei in Berlin eine Ausstellung im Rahmen der Gallery Week eröffnen. Dazu wird es wohl nicht kommen. Ai Weiwei ist seit seiner Verhaftung am 3. April auf dem Pekinger Flughafen verschwunden. Niemand weiß, wo er festgehalten wird – er soll sich der „Steuerhinterziehung und der Bigamie“ schuldig gemacht haben, berichtet die „FAZ“. Zu Ai Weiweis Zukunftsplänen gehört auch die Eröffnung einer Dependance in Berlin. Die Berliner Universität der Künste hat Pläne für eine Professur. Auf dem Präsens dieser Sätze sollten wir alle beharren. Er führt die Ungeheuerlichkeit dieses Vorgangs vor Augen, es beleuchtet die Szenerie für die Debatte um die „Kunst der Aufklärung“ in Peking.

Als Berliner Vertreter in der von Außenminister Westerwelle geleiteten deutschen Delegation war ich dabei, als die Ausstellung eröffnet wurde. Ich habe mich, lange bevor es mit der Verhaftung Ai Weiweis zum endgültigen Eklat kam, in diesen Tagen in Peking einige Male sehr unwohl gefühlt. Das lag ausdrücklich nicht an unserem sonst gern und häufig kritisierten Außenminister. Im Gegenteil. Er hat in Peking sehr kluge, sehr diplomatische aber auch sehr klare und deutliche Worte gefunden. Es waren unsere drei Museumsgeneräle Michael Eissenhauer, Klaus Schrenk und Martin Roth, die sich für meinen Geschmack zu oft, zu betont und viel zu defensiv – fast devot – bei ihren chinesischen Partnern coram publico in Szene gesetzt haben. Bei allem Respekt für asiatische Höflichkeit; aber Souveränität sieht anders aus. Einen Dialog auf Augenhöhe mag man sich so nicht vorstellen.

Der Gedanke, die Kunst der europäischen Aufklärung im Herzen Pekings präsentieren zu können, hat nach wie vor etwas Faszinierendes. Zumal auf dem Tiananmen, dessen politische Ikonografie seit den blutig niedergeschlagenen Studentenprotesten von 1989 mit 3000 Toten nicht nur im Westen für das Gegenteil von Aufklärung, Individualität und Freiheit steht. Das subversive Potenzial einer solchen Ausstellung an diesem Ort lässt sich immer noch gut vorstellen. Die gute Absicht der Museumsdirektoren sei hiermit ausdrücklich verteidigt.

Aber: Wer mit dem Teufel isst, sollte nicht nur einen langen Löffel haben, sondern auch wissen, warum und für wen er sich mit ihm zu Tisch setzt. Und genau hier scheint mir das Problem zu liegen. Martin Roth hat in der „Zeit“ auf die Verhaftung Ai Weiweis mit Äußerungen reagiert, die man in einem freiheitlich-demokratischen Kontext als Kritik an der medialen Selbstdarstellung eines Künstlers vernachlässigen könnte. Wer jedoch nach der Verhaftung Ai Weiweis öffentlich fragt, warum „alle so auf ihn fixiert sind“, der besorgt damit ungewollt das Geschäft seiner Wärter. Das ist mehr als ein Fauxpas. Das hat den Geschmack von Kotau.

Mir scheint, dass die Initiatoren die Kraft der Kunst überschätzt haben; ihr zumindest so sehr vertrauen, dass sie glaubten, den Kontext vernachlässigen oder gar ganz ausblenden zu können. Und sei es nur für den ersten Moment der Eröffnung. Das wäre eine Erklärung für die in Peking zur Schau gestellte, geradezu demonstrative Harmonie mit den chinesischen Kulturfunktionären.

Die Pekinger Führung vertritt ihren diktatorischen Nomenklatur-Kapitalismus in einem sehr selbstbewussten, historisch-kulturellen Kontext, den auszublenden in der Tat sträflich wäre. Wer in China mehr will als Geschäfte machen, der wird mit Wortböllerei genauso scheitern wie mit Leisetreterei. Ersteres provoziert Gesichtsverlust und führt zum Abbruch jeglichen Dialogs. Letzteres signalisiert Schwäche, die mit Ver- oder Missachtung bestraft wird. Neo Rauch hat recht, wenn er sagt, dass aus diesem Spagat zwischen Moralität und Diplomatie leicht eine Blutgrätsche werden kann. Das ist die Gefahr jeglicher (Kultur-)Politik, die sich auf Egon Bahrs und Willy Brandts „Wandel durch Annäherung“ beruft, und die ich auch gegenüber Peking für die einzig richtige und sinnvolle halte.

Es war richtig, sich mit Diktatoren an einen Tisch zu setzen, um gemeinsame, übergeordnete Interessen auszuloten und zu verhandeln. Es war richtig, dabei auf Erleichterungen für die Menschen im Sinne unserer Freiheitsrechte hinzuwirken. Und es war falsch, die so Ermutigten nicht stärker und direkter zu unterstützen, sie bisweilen sogar zugunsten „übergeordneter Interessen“ im Regen stehen gelassen zu haben. Trotz ihres verkorksten Auftakts: Die Ausstellung muss bleiben. Oder gerade deshalb: Wir haben etwas gutzumachen. Dafür wird die Kraft der ausgestellten Kunst allein nicht reichen. Hier sind jetzt nicht in erster Linie Politiker gefragt, sondern vor allem Intellektuelle und Künstler als Gesprächs- und Dialogpartner für eine interessierte und zu interessierende chinesische Öffentlichkeit. Denn um die geht es ja wohl letztendlich.

Zum Glück hat die Ausstellung ein von der Mercator-Stiftung mit 1,5 Millionen Euro gefördertes Rahmenprogramm, das in Foren und Salons Aufklärung im besten Sinne versucht. Auch dieses Programm hat, wie der Chef der Mercator-Stiftung, Bernhard Lorentz, berichtet, Kompromisse zugestehen müssen. Aber, so Lorentz, „es gab eine klare rote Linie“. Wenn die gehalten wird, wenn es gelingt, trotz Spitzeln und Provokateuren den kritischen Geistern ein staatsfernes Podium für offenen Diskurs zu bieten, dann kann die „Kunst der Aufklärung“ auch in Peking ihren angemessenen, weil selbstbestimmten Kontext finden.

Dazu aber werden sich die Museumsgeneräle aus der Deckung wagen und deutlicher als bisher zu den Geistern bekennen müssen, die sie mit ihrer Ausstellung auf dem Tiananmen wecken wollen.

Der Autor ist Staatssekretär für Kultur in Berlin.

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