• Gespräch mit Heinz und David Bennent: "Einen Text muss man spüren bis in den kleinen Zeh"

Kultur : Gespräch mit Heinz und David Bennent: "Einen Text muss man spüren bis in den kleinen Zeh"

Heinz Bennent[vor dreißig Jahren lebten Sie]

Heinz Bennent, vor dreißig Jahren lebten Sie mit Ihrer Familie auf einer griechischen Insel und lasen Hölderlin. Warum lesen Sie ihn noch immer?

HEINZ BENNENT: Das war für mich ein Trost, damals in dem Land, von dem Hölderlin so geschwärmt hat. Dann ist er mir immer wieder begegnet. Später habe ich Fernsehtexte genauso gelernt wie Hölderlin-Texte. Und wenn es ein Derrick war. Hölderlin ist eine gute Nahrung für die Seele. Er ist ein Prophet. Er vermittelt einem Verständnis für den Wert und die Schönheit des Lebens. Je mehr man ihn liest, desto besser versteht man das.

David Bennent, Sie haben Heiner Müllers "Bildbeschreibung" zum ersten Mal 1987 auf der Bühne gesprochen. Was hat sich seitdem verändert?

DAVID BENNENT: Damals habe ich viel mit dem Text rumgesponnen. Inzwischen wird mir die Phantasie von Heiner Müller bewusst, so sehr, dass ich mich hüten würde, eine Interpretation hineinzulegen. Ich werde immer bescheidener und gehe klarer an den Text heran, damit ich den Text auch klarer vermitteln kann. So geht es mir auch, wenn ich meinem Vater auf der Bühne zuhöre. Ich verstehe immer neue Aspekte vom Hölderlin und merke, dass mein Vater vielleicht auch ...

HEINZ BENNENT: ...total unsicher ist.

DAVID BENNENT: Aber auch immer versucht, den "Hyperion" ganz einfach zu vermitteln. Wenn man eine Sache vermitteln will, dann wird man wortärmer.

Sie rezitieren die Texte. Fehlt Ihnen als Schauspieler nicht der körperliche Einsatz?

HEINZ BENNENT: Der Schauspieler spricht ja nicht nur. Wenn ich auf der Bühne sitze, dann sitze ich bewusst. Ich muss die Texte empfinden bis in den kleinen Zeh, es spricht immer der ganze Körper. Die Resonanz der Stimme ist auch in den Händen oder anderswo.

DAVID BENNENT: Es ist einfacher, wenn man eine Rolle hat, die gibt einem mehr Mut, einen Text zu sprechen. Wenn ich ganz allein, ganz nackt auf der Bühne stehe, fällt mir das schwerer. Ich habe Angst, dass ich so klein auf der Bühne bin und nicht die Kraft habe, das darzustellen.

HEINZ BENNENT: Daran darfst du nicht denken.

DAVID BENNENT: Nein, aber man ist doch mit sich ganz allein beschäftigt. Wenn man in einem Stück spielt, dann gibt es das Licht, die Musik. Hier sind es nur noch die Stimme und Gedanken.

Sie stehen als Vater und Sohn auf der Bühne. Hätte das mit Ihrem eigenen Vater ebenso funktioniert?

HEINZ BENNENT: Die Vorstellung ist in meinem Fall ganz absurd, weil mein Vater nichts mit Literatur zu tun hatte. Hätte ich selbst einen berühmten Schauspieler als Vater gehabt, hätte ich wahrscheinlich versucht, ihn zu imitieren. Ich versuche nie, David zu beeinflussen. Wenn ich ihm etwas sage, dann macht er ohnehin das Gegenteil. Das ist auch gut so.

Immer?

DAVID BENNENT: Nein, aber ich versuche einen anderen Weg zu finden, auch wenn ich weiß, dass er wahrscheinlich recht hat. Es ist gut, dass ich am Anfang meiner Karriere ohne ihn gearbeitet habe. Auch wenn er mir anfänglich mit den Texten geholfen hat, da ich keine Schauspielschule besuchte. Jetzt kann ich mit ihm wie mit einem Kollegen arbeiten.

Hölderlin und Müller fühlten sich als Außenseiter. Wie blicken Sie auf Deutschland?

HEINZ BENNENT: Hölderlin ist in Deutschland nie anerkannt worden, hat sich mit Privatstunden durchgeschlagen. Ich selbst bin 1921 geboren, als jüngstes von sechs Kinder in einem kleinen katholischen Dorf. Da hat sich auch keiner um mich kümmern können. Seit damals habe ich ein Beziehung zu Hölderlin: Es sind ganz einfache Dinge, die er über das Leben sagt. Man braucht kein Philosoph zu sein, um Hölderlin zu verstehen.

DAVID BENNENT: Ich bin sehr gespannt auf die Berliner Reaktion. Nach unserer Lesung in der Schweiz kamen einige Deutsche und haben gefragt: Wie können Sie im Ausland so über Deutschland sprechen? Obwohl ich in Paris lebe, spüre ich wieder eine engere Beziehung zu Deutschland, auch politisch. Hier sind Menschen, die mich wach kriegen. In Paris lachen sich die Leute tot über die Sache mit Joschka Fischer. Wunderbar: Endlich mal ein Mensch, der regiert.

Würden Sie gerne wieder mehr in Deutschland spielen?

DAVID BENNENT: Ja. Ich mag Berlin sehr, an der Schaubühne habe ich angefangen. Ich käme sofort, wenn man mich holen würde.

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