Kultur : Gewalt als Privatsache

Daniel Robert Kramer und Allison Stanger warnen vor der Renaissance des Söldnertums im Westen

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„Public-Private-Partnership“. In Afghanistan patrouillieren Söldner der Firma Dyncorp gemeinsam mit Bundeswehrsoldaten. Foto: ddp
„Public-Private-Partnership“. In Afghanistan patrouillieren Söldner der Firma Dyncorp gemeinsam mit Bundeswehrsoldaten. Foto: ddpFoto: ddp

Viel ist in den letzten Jahren darüber geschrieben worden, die asymmetrischen Konflikte der Gegenwart ähnelten den Kampfhandlungen des „Dreißigjährigen Krieges“. Von Warlords ist dann die Rede, von Raub, Mord und Vergewaltigung. Der auf eigene Rechnung handelnde Kriegsherr steht dabei meist im Mittelpunkt. Von einem anderen, parallelen Phänomen ist hingegen nur gelegentlich zu lesen: der Renaissance des Söldnertums in westlichen Staaten.

Welche Ausmaße der Einsatz von privaten Sicherheitsunternehmen heute erreicht hat, verdeutlicht Daniel Robert Kramer. Der in Berlin tätige Sicherheitsexperte zieht einen Vergleich zwischen dem Söldnerwesen der Handelskompanien in der europäischen Kolonialära und der gegenwärtigen Praxis von Militär- und Sicherheitsunternehmen. Bei beiden Organisationen handelt es sich um kommerzielle Unternehmungen, die die Anwendung von Gewalt durch die Indienststellung von Söldnern organisieren. Die Handelskompanien vereinten ökonomisches und militärisches Unternehmertum unter einem Dach. Auch die heutigen Sicherheitsfirmen sind sowohl wirtschaftliche als auch militärische Unternehmungen.

Im Wettlauf der europäischen Mächte um Kolonialbesitz wurden immer mehr Menschen gesucht, die das Risiko, in einer unbekannten Welt Dienst zu tun, gegen finanzielle Kompensationen oder aus materieller Not auf sich nahmen. Zugleich wurden lokale Söldnerverbände in den Überseeterritorien aufgestellt. Mit ihnen sicherten die Handelskompanien der Kolonialmächte ein weltweites Netz von Warenströmen, dessen Grundmuster im 21. Jahrhundert fortbestehen.

Wie die Handelskompanien sind auch die heutigen Militärfirmen transnationale Unternehmen: Sie sind in einem Staat registriert, zahlen dort Steuern und agieren legal auf dem internationalen Markt. Ebenso wie der heimische Staat in der Expansion der Handelskompanien ihr Partner gewesen ist, da er die benötigten Privilegien vergab, werden heute die Sicherheitsunternehmen mit „Schutzbriefen“ ausgestattet, um Aufträge in einem anderen Staat auszuführen. Hierbei geht es nun nicht mehr um die militärische Absicherung von Plantagen, sondern um den Schutz der Anlagen von Rohstoff fördernden transnationalen Unternehmen und ihres Handels mit den gewonnenen Ressourcen.

Wie die Handelskompanien in den Kolonien Söldner rekrutierten, um den Aufbau ökonomischer Strukturen militärisch abzusichern, unterstützen heute die USA und die EU lokale bewaffnete Verbände in überseeischen Territorien. Dies geschieht entweder direkt durch staatliche Sicherheitskräfte oder indirekt, indem private Militärfirmen die Ausbildung, Beratung und das Training übernehmen.

Die Interventionen in Afghanistan und im Irak stehen nach Kramers Beobachtung exemplarisch für diese wiederbelebte Form westlicher Außen- und Sicherheitspolitik: Zunächst ging es am Hindukusch und im Zweistromland darum, den militärischen Gegner zu schlagen. Im Irak wurden dann lokale Milizen mit finanziellen Mitteln, militärischem Material und durch die Weitergabe von Informationen gestärkt. Parallel übernahmen Militärunternehmen zwei zentrale Aufgaben: Zum einen sicherten sie wichtige Infrastrukturen wie Flughäfen, militärische Einrichtungen, Kommunikationszentren, strategische Straßenverbindungen und Pipelines. Zum anderen berieten und trainierten die kommerziellen Gewaltanbieter die einheimischen Sicherheitskräfte. Militär, Polizei und Werkschutz wurden in Afghanistan und im Irak unter der Mithilfe von Unternehmen wie DynCorp, ArmorGroup und Erinys neu aufgebaut.

Wie zuvor die Handelskompanien sind auch die heutigen Sicherheitsfirmen im militärischen Schutz internationaler Transportwege engagiert. So erhielt die israelische Firma Aeronautics im März 2006 von Nigeria einen Auftrag im Wert von 260 Millionen Dollar, um die 853 Kilometer lange Küste, die Hoheitsgewässer und die Bohrinseln mit bewaffneten Drohnen zu sichern. Dabei greifen die ökonomischen Interessen von transnationalen Unternehmen, Militärfirmen und ihren Heimatstaaten eng ineinander, zumal sich die Direktorate der am Markt erfolgreichen Sicherheitsunternehmen zum großen Teil aus ehemaligen Militärs, Mitarbeitern von Nachrichtendiensten, Politikern und finanzkräftigen Investoren zusammensetzen. Das Ergebnis ist eine sicherheitspolitische „Public Private Partnership“, wie es sie seit der kolonialen Ära der Handelskompanien nicht mehr gegeben hat.

Eben hier setzt die Kritik von Allison Stanger an. Die Direktorin des „Rohatyn Center for International Affairs“ am Middlebury College beklagt eine zunehmende Privatisierung der US-Außenpolitik – mit fatalen Konsequenzen: Der Einsatz von Söldnern habe unter der Bush-Administration derartige Ausmaße erreicht, dass es heute kaum möglich sei, alle in die Privatwirtschaft ausgelagerten Funktionen erneut vom Staat ausüben zu lassen. Anhand der Ausgliederung von militärischen Aufgaben führt Stanger vor Augen, dass die eigentlich erforderliche staatliche Infrastruktur, um Außenpolitik umsetzen zu können, nicht länger in den USA existiert. Dabei könne jedoch nur der Staat seine Bürger vor inneren wie äußeren Bedrohungen schützen.

Um wenigstens die schlimmsten Auswüchse der ungehemmten Privatisierung eindämmen zu können, fordert Stanger eine nationale Aufsicht, deren Mitglieder ähnlich dem Obersten Gerichtshof auf Lebenszeit ernannt werden – um die Aufträge zu überwachen, die Stanger auf das Notwendigste reduziert sehen will, verbunden mit einer Demilitarisierung der US-Außenpolitik. Ein erster Schritt wäre das Einsatzverbot von Söldnern in Konfliktgebieten, in denen die USA mit eigenen Truppen involviert sind. Denn dort, wo Krieg kein Geschäft mehr ist, endet er meist schneller. Das hat bereits die koloniale Ära der Handelskompanien gelehrt.

Daniel Robert Kramer: Das Söldnerwesen. Militärisches Unternehmertum in der Genese des internationalen Systems. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2010. 214 Seiten, 34,95 Euro.

Allison Stanger: One Nation under Contract. The Outsourcing of American Power and the Future of Foreign Policy. Yale University Press. New Haven and London 2009. 242 Seiten, 23,99 Euro.

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