Kultur : Gewalt ist die Lokomotive

Warten auf die Weltrevolution: Wolf-Dietrich Gutjahrs umfassende Biografie von Karl Radek.

Hannes Schwenger

Wenn alljährlich Anfang Januar Linkspartei und Genossen anderer Couleur auf dem Sozialistenfriedhof Friedrichsfelde Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs gedenken, fehlt es am Rande selten an Transparenten und Plakaten mit weiteren kommunistischen Klassikern: Marx, Engels, Lenin oder sogar – weniger gern gesehen und von Ordnern abgedrängt – Stalin und Mao Zedong. Natürlich ist es leicht zu verstehen, dass die beiden Märtyrer der Deutschen Revolution als deren Ikonen am hellsten strahlen, zumal sie für die dunklen Flecke auf dem Schild ihrer Partei – „Säuberungen“, Stalinisierung und Sozialfaschismushetze gegen SPD und Republik – nicht haftbar zu machen sind.

Und nur zu verständlich ist, dass weitere Mitgründer der Partei im Halbdunkel bleiben – Ernst Reuter, ihr erster Generalsekretär, und Karl Radek, den sein jüngster Biograf Wolf-Dietrich Gutjahr zum „eigentlichen Gründer der KPD“ erklärt. Denn der von Lenin hoch geschätzte Reuter, später Stalins Widersacher in Berlin, war als Renegat für die offizielle Parteigeschichte ebenso Unperson wie Radek, der Vertraute Lenins, Freund und Verräter Trotzkis, Herold von Stalins Personenkult und sein letztes Opfer unter den Altbolschewiken. Beide nahmen auf Lenins Geheiß am Gründungsparteitag der KPD teil und begleiteten ihre ersten Schritte, bis Radek im Februar 1919 als ihr „gefährlichster geistiger Führer“ verhaftet wurde und Reuter zur SPD zurückkehrte.

Doch obwohl er als Deutschlandexperte Lenins und Stalins den Kurs der deutschen Partei zeitweise mitbestimmte, hat diese ihn am nachhaltigsten verdrängt. Vermutlich, weil seine berüchtigte „Schlageter“-Rede von 1923 den nationalen Rechten Avancen machte und so spätere Übereinkünfte mit den Nazis, wie den Berliner Verkehrsstreik 1932, vorwegnahm – zwei ebenso dunkle Kapitel der Parteigeschichte wie die von Ernst Thälmann vertuschte Hamburger Korruptionsaffäre 1928. Bei ihr hatte Radek ausnahmsweise nicht die Hand im Spiel, da er zu dieser Zeit als Rechtsabweichler in Ungnade war und erst 1929 bei Stalin zu Kreuze kroch, um dann dessen treuester Vasall und Kronzeuge in den Moskauer Prozessen zu werden.

Für seinen Biografen ist er am Ende der 900 Seiten umfassenden Spurensuche – schon jetzt bei Erscheinen ein Standardwerk der Kommunismusgeschichte – „exemplarisch für den Typ des ideologisch geprägten Schreibtischtäters im totalitären 20. Jahrhundert. Er nahm die Opfer seines Wirkens zynisch und ohne schlechtes Gewissen als ,historische Notwendigkeit’ in Kauf und wurde schließlich selbst zum Opfer“.

An seinem grausamen Zynismus als Täter gibt es so wenig Zweifel wie an seinem grausamen Ende im Gefängnis, wo er im Mai 1939 auf Weisung Berijas von einem gedungenen Mörder des NKWD erschlagen wurde. Bei der Planung des Mordes versicherte Berijas Stellvertreter Kobulov, „dass Stalin von der Operation Kenntnis hätte“ und er „auf tadelloser Durchführung“ bestanden hätte. So tadellos, dass die Wahrheit erst nach Jahrzehnten bekannt wurde und Radek 1988 postum rehabilitiert wurde, obwohl er im Prozess als Kronzeuge mit Falschaussagen gegen seine früheren Genossen aufgetreten war und in den früheren Prozessen gegen die Sozialrevolutionäre zur physischen Vernichtung der Angeklagten gehetzt hatte. Das Moskauer Terrorurteil gegen ihn selbst ist zwar nachträglich aufgehoben, aber das Urteil des Historikers Gutjahr kann ihn als Terrorgehilfen Stalins dennoch nicht freisprechen. Nur Stefan Heym, der Radek einen sympathisierenden biografischen Roman gewidmet hat, hat für seinen Helden mildernde Umstände als „Idealbild eines Revolutionärs“, gar als „ein Monument des aufrechten internationalen Sozialisten“ gefunden. Das sei, wendet Gutjahr ein, „kritisch zu hinterfragen“.

Das besorgt er gewissenhaft, wenn er Radeks Laufbahn als internationaler Sozialist mit allen Windungen und Wendungen nachzeichnet: Radek wurde als Karol Sobelsohn im polnischen Galizien 1885 geboren, war in der deutschen Sozialdemokratie bis zur Parteispaltung aktiv, kehrte mit Lenin 1917 aus der Schweiz nach Russland zurück und wurde sein Emissär in Deutschland, Kominternsekretär und später Stalins außenpolitischer Berater. Auch als Publizist ist Radek für die sozialistische und kommunistische Sache von Bedeutung: in Deutschland mit seinem theoretischen Hauptwerk von 1911 „Der deutsche Imperialismus und die Arbeiterklasse“, in Russland als Parteijournalist und zuletzt Außenressortchef von Stalins „Iswestija“. Zeitweise zum Direktor der internationalen Sun-Yatsen-Universität „degradiert“, zählte er unter seine Studenten auch Ho Chi Minh und Deng Xiaoping. Mit Ironie und einigem Recht konnte er von sich sagen, er habe als Kommunist „eine Lebensstellung: Warten auf die Weltrevolution“.

Für dieses Ziel war ihm jedes Mittel recht. Gewalt, erklärte er einmal einem englischen Journalisten, sei in jeder Revolution die Lokomotive, Revolution werde nicht „mit Gänseblümchen und Schokolade“ gemacht. Hugo Haase (USPD) zitierte ihn mit der Vorhersage, im Fall eines Umsturzes „werden entweder die anderen unsere Henker und wir die Opfer oder wir die Henker und die anderen unsere Opfer werden“. Den Mord an der Zarenfamilie kommentierte er prompt: „Was wollen Sie, es ist Revolution.“ Für ihn waren die Angeklagten der Volksgerichte nur „kleine arme Wanzen des kapitalistischen Systems“.

1936, fünf Monate vor seiner eigenen Verhaftung, forderte er die Richter im Prozess gegen vermeintliche Agenten seines alten Freundes Trotzki auf: „Vernichtet dieses Geschmeiß!“ Es ist also durchaus glaubhaft, wenn er bei seiner Festnahme erbittert geäußert haben soll: „Nach all dem, was ich für Stalin getan habe!“ Tatsächlich hatte er 1934 mit seinem „Prawda“-Artikel „Der Baumeister der sozialistischen Gesellschaft“ den Startschuss und die Schablone für den Personenkult um Stalin geliefert. Als Hauptredner auf dem 1. Sowjetischen Schriftstellerkongress proklamierte er den Sozialistischen Realismus und dekretierte, „dass die Literatur eine gesellschaftliche Waffe ist und dem Klassenkampf dient“. Den deutschen Genossen und Malik-Verleger Wieland Herzfelde beschied er: „Unser Weg führt nicht über Joyce, sondern über die breite Straße des sozialistischen Realismus.“ Der polnische Jude und sowjetische Atheist wusste nicht, wohin der breite Weg nach einem christlichen Gleichnis bekanntlich führt: in die Hölle.







– Wolf-Dietrich Gutjahr:
„Revolution muss sein.“ Karl Radek – Die Biografie. Böhlau Verlag, Köln/Weimar/Wien 2012. 932 Seiten, 79,90 Euro.

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