Kultur : Glaube, Liebe, Zweifel

Islam in Deutschland: das Debüt „Shahada“

Oliver Heilwagen

Das Timing könnte nicht besser sein. Kaum hat sich die Sarrazin-Debatte um die Integration muslimischer Migranten ein bisschen ausgetobt, kommt ein Film ins Kino, der das islamische Glaubensbekenntnis in seinem Titel trägt. „Shahada“, das auf der letzten Berlinale uraufgeführte Debüt des afghanischstämmigen Burhan Qurbani, kreuzt die Wege dreier junger Muslime in Berlin und fragt: Wie lässt sich der Islam mit dem Leben in Deutschland vereinbaren?

Maryam (Maryam Zaree) treibt heimlich ab und wird von Gewissensbissen geplagt. Samir (Jeremias Acheampong) verliebt sich in seinen schwulen Arbeitskollegen Daniel (Sergej Moya) und ringt mit Gefühlen, die sein Glaube ihm verbietet. Der Polizist Ismail (Carlo Ljubek) hat versehentlich die schwangere Leyla (Marija Skaricic) angeschossen, die deshalb ihr Kind verlor. Als er ihr wiederbegegnet, überfallen ihn Schuldgefühle.

Ziemlich viele Probleme für einen 90-Minutenfilm. Also hetzen die Figuren von einer Krise in die nächste, wobei sie bald als bloße Statisten übergeordneter Konflikte erscheinen. Maryam, Tochter eines liberalen Imam, muss sich in wenigen Szenen zur eifernden Fundamentalistin wandeln. Samir schwankt zwischen heißen Küssen und wütenden Macho-Attacken auf Daniel. Ismail verlässt seine Frau, stellt Leyla nach und erfleht von ihr Absolution.

Arg schlichte Dialoge über Religion müssen als Begründung für die dramaturgisch oft abrupten Wechsel herhalten. Grundsätzliche Fragen wie die Theodizee oder das Problem des freien Willens werden nur gestreift – mit einer Moral, die Kalendersprüchen entlehnt scheint. „Shahada“ beweist immer wieder den Ehrgeiz zu handwerklicher Makellosigkeit, doch thematisch und dramaturgisch hat Burhan Qurbani sich in seinem Debüt heillos übernommen. Statt in eineinhalb Stunden möglichst viele Spielarten islamischer Glaubenspraxis unterzubringen, hätte Burhan Qurbani vielleicht besser eine statt drei Geschichten erzählt. Die aber richtig. Oliver Heilwagen

„Shahada“ läuft im Broadway, Cinemaxx, FT Friedrichshain, fsk, in der Kulturbrauerei und im Neuen Off. Am heutigen Donnerstag findet in der Kulturbrauerei im Anschluss an die 20-Uhr-Vorstellung eine Diskussion über „Sexualität und Islam“ statt. Auf dem Podium: Aiman Mazyek (Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland), Günter Piening (Senatsbeauftragter für Integration und Migration) sowie die „Shahada“-Schauspieler Maryam Zaree und Jeremias Acheampong

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