Kultur : Glück ist banal

Das Seufzen der Mittvierziger: Johannes Gelichs Hommage an Oblomow, „Wir sind die Lebenden“.

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So eine sympathische Romanfigur gab es selten. Sie heißt Nepomuk Lakoter und besitzt ein Mietshaus im burgenländischen Baden. Als Privatier und Gelegenheitsmusiker ist Nepomuk, genannt Mucki, wunschlos glücklich, wenn er auf einem ältlichen Kanapee in seinem Kabinett in einer Wiener Parterrewohnung ausruhen kann. Er ist davon überzeugt, dass am Ende immer der gewinnt, der warten kann, und dass Glück nur ein „banales Wort“ ist.

Schon als Jugendlicher befiel ihn ein Unwohlsein, ja, geradezu eine Beklemmung, wenn er allein zu Hause vor sich hinträumte und plötzlich den Schlüssel im Schloss der Eingangstür hörte: Mit welchen Zumutungen würden die Eltern oder die dynamische Schwester nun wieder an ihn herantreten? Da trifft es sich im Frühjahr 2011 gut, dass sich Lakoter den Fuß gebrochen hat – durch einen Rollstuhl und eine metallene orthopädische Greifhilfe wird seine Untätigkeit nach außen hin wirkmächtig legitimiert. Was in der Psychologie als „passive Konfliktvermeidungsstrategie“ firmiert, beherrscht er in Perfektion: „Ich gab den Tag frühzeitig auf und beschloss, mir einen Joint zu genehmigen, woraufhin ich auf dem Kanapee einen angenehmen Tag mit Meditationen und Sitarspiel verbrachte.“

Wären da nur nicht die ständigen Forderungen der Außenwelt. Zum einen beschweren sich seine Mieter, dass Lakoter das Haus verwahrlosen lasse. Zum anderen hat er für die Dauer seiner Gehbehinderung eine rumänische Haushaltshilfe engagiert, die fröhlich-lärmende Amalia. Am meisten stören ihn jedoch die Nachrichten aus dem Radio auf. Dabei steht die aufgesetzte Fröhlichkeit der Sprecher in krassem Gegensatz zur Bedrohlichkeit der Reaktorkatastrophe von Fukushima: „Wie fröhliche, lustige Kinder sollten auch noch die übelsten Nachrichten über den Äther ins Zimmer hereinspringen, als wären sämtliche Hörer senile Pensionisten, die in einem Seniorenheim oder Sterbeheim vor sich hindämmerten. Ich hatte keine Lust aufzustehen und versuchte, das Radio mit meinem gesunden Fuß auszuschalten. Unglücklicherweise erreichte ich mit meiner großen Zehe nur den Lautstärkeregler, sodass die scheppernde Stimme der Sprecherin jetzt in voller Lautstärke durchs Zimmer schallte.“

Übermächtig schwebt Iwan Gontscharows unsterblicher Gutsbesitzer „Oblomow“ über Johannes Gelichs Buch. Die Passivität der Hauptfigur, die bereits sein 2006 veröffentlichter Debütroman „Chlor“ prägte, gibt der Beobachtung und damit vor allem der Sprache Raum. Das steigert sich zu Szenen mit Slapstickqualitäten eines Buster Keaton, zum Beispiel, wenn sich der ruhende Held die neuesten Eskapaden seines sexsüchtigen Freundes Simon anhört. Doch auch Nepomuk selbst wird wie ein schwerer physikalischer Festkörper zur Bewegung gedrängt. Nicht etwa durch die Reaktorkatastrophe, gegen die man ohnehin machtlos ist, sondern als er sich widerstrebend in die Nichte seiner Haushälterin verliebt, die zunächst aber nur mit ihren türkisen Gummihandschuhen „absurde Schnalzgeräusche“ erzeugt. Wie bei Iwan Gontscharow kommt mit den Frauen Vitalität ins Spiel, beim Rumänien-Liebhaber Johannes Gelich selbstredend durch Ana aus Piatra Neamt im Osten der Karpaten. Das übergroße russische Vorbild scheint den 1969 in Salzburg geborenen Schriftsteller nicht eingeschüchtert zu haben; vielmehr sei „Oblomow“ seit Jahrzehnten eine Art Freund für ihn, wie er einmal in einem Interview erklärt hat.

Zentrum aller täglichen Verrichtungen ist für Oblomow der Mittagsschlaf. Nepomuk Lakoter wiederum fühlt sich von der „Sonne geohrfeigt“, sobald er gezwungen wird, auf Krücken sein Kabinett zu verlassen. In der eventuell schon radioaktiv kontaminierten Außenwelt nerven ihn dämliche Physiotherapeuten mit ihrem Gerede, oder es zeigt sich die moderne Servicewüste von ihrer schlimmsten Seite. Wie sein russischer Seelenverwandter ist er trotzdem ein Philanthrop, der an den Geschicken seiner Mitmenschen seufzend Anteil nimmt.

Nach der bösen bis mörderischen Jungmännerclique in dem Roman „Der afrikanische Freund“ aus dem Jahr 2008, mit dem Johannes Gelich mit seiner Heimatstadt Salzburg abrechnete, sollte es diesmal offenbar ein liebenswürdiger Held sein. Als eine Art Neo-Knigge unterzieht Nepomuk seine indolenten Zeitgenossen einer scharfsinnigen Stilkritik: „Kein Mensch verschwendete heute mehr einen Gedanken daran, dass er in der Öffentlichkeit einen Anblick bot und man ihn, ob man wollte oder nicht, ansehen musste. Die Leute nahmen sich überhaupt nicht mehr als Teil des gesellschaftlichen Lebens wahr, sondern zogen sich an und benahmen sich im öffentlichen Raum, als wären sie zu Hause. Sie telefonierten und erzählten sich die größten Banalitäten in der unverschämtesten Lautstärke, aßen stinkende Pizzen in überfüllten U-Bahnen oder sahen in Kaffeehäusern Pornofilme.“

Nepomuks Unfähigkeit, sich aufzuraffen, um in seinem Mietshaus nach dem Rechten zu sehen, hat kriminelle Folgen. Denn er schickt seinen Freund Simon, der einen der Mieter aus Versehen mit einer Steinschleuder am Kopf trifft, woraufhin dieser vom Balkon stürzt. Diese aktionistische, zuweilen sprachlich redundante Seite des Romans überzeugt weniger als dessen heiterer Gleichmut, der ansteckend wirkt. „Wer sich wiedererkennt, ist selber schuld“, warnt der Autor eingangs.

Nicht ohne Grund: Johannes Gelich, der wie die Autorinnen Linda Stift und Olga Flor zu den originellsten österreichischen Schriftstellern Mitte 40 zählt, hat mit dem Privatier Lakoter treffend seine Generation porträtiert, wenn nicht gar karikiert: Aufgewachsen in den fetten achtziger Jahren, als alles möglich schien, erkennt man eines Tages auf dem Kanapee liegend, dass es mit der Selbstverwirklichung und dem Widerstand durch Kunst doch nicht so ganz geklappt hat. Katrin Hillgruber

Johannes Gelich: Wir sind die Lebenden. Roman. Haymon-

Verlag, Innsbruck

und Wien 2013.

240 Seiten, 19,90 €.

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