"Glückssschweine" von Markus Liske : Zwischen Rock und Techno

Riecht nach dem Spirit der neunziger Jahre: Markus Liskes Roman „Glücksschweine“.

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Der Techno-Club Tresor, wie er sich auch nach 25 Jahren mit seinen Anfängen gleicht
Der Techno-Club Tresor, wie er sich auch nach 25 Jahren mit seinen Anfängen gleichtFoto: AFP

Es gibt in diesem Roman einen Dialog, der schön auf die popkulturelle Fülle der neunziger Jahre verweist. Max, der Held und Ich-Erzähler von „Glücksschweine“, erzählt seinem Freund Colin, dass er das MTV-Unplugged-Album von Nirvana geschenkt bekommen hat und wie er das findet, nämlich gar nicht so traurig. Woraufhin sich Colin entsetzt: „Wie bist du denn drauf? Kurt Cobain? Das ist doch der größte Verbrecher! Man darf dich einfach nicht aus den Augen lassen. Leg dir’n guten Techno auf, zieh’ne Line und hab’ Spaß mit deiner Nymphe.“

Hier Nirvana, Cobains Selbstmord 1994 (größter Verbrecher?), Rock, dort Drogen, Sex, Techno – in diesem Spannungsfeld bewegt sich der Berliner Autor und Musiker Markus Liske mit seinem Roman „Glücksschweine“, der explizit ein Neunziger-Jahre-Roman sein soll. Der Prolog beginnt mit dem Satz „Hier sind die Neunziger – erinnerst du dich noch?“ und liefert politische Eckdaten dieses Jahrzehnts und die Erkenntnis, dass die Zeit stets im Fluss ist und Dekaden nie eindeutig in ihren historisch-gesellschaftlichen Ausprägungen zu bestimmen sind.

Das wirkt zunächst arg didaktisch. Doch Liske, der 1967 in Bremen geboren wurde, zerstreut jede Befürchtung sofort, nun ein staksiges Thesenbuch lesen zu müssen. Er lässt „Glücksschweine“ gar nicht in Berlin beginnen, wie man denken könnte, sondern in Thailand und Kambodscha, mit Aussteigertypen, farbiger Kaputtheit und viel „The Beach“-Atmosphäre. Max verschafft sich in Südostasien Klarheit darüber, ob er seine Freundin Nina nun wirklich zugunsten seiner Geliebten Peebles verlassen soll. Nach der Rückkehr weiß er Bescheid: Peebles! Doch existenzieller ist die nächste Erfahrung für ihn: Sein bester Freund Marvin hat sich mit einem Sturz von einem Hochhausbalkon das Leben genommen.

E-Werk und Tresor hier, Christos Reichstag und Käthe Bs Wohnung dort

Liske erzählt dann, wie Max und seine Freunde diesen Selbstmord zu verarbeiten versuchen, organisatorisch wie psychisch. Dabei hat man den Eindruck, dass die Berliner neunziger Jahre, der Roman spielt 1995, noch in weiter Ferne sind. Max wohnt in Wilmersdorf, jobbt beim ZDF in Tempelhof, seine Freundinnen scheinen vor allem Grufti-Mädchen und andere ephemere Wesen zu sein. Und seine Lieblingsmusik kommt wie das von ihm bevorzugte schwarze Outfit direkt aus den achtziger Jahren oder früher: The Smiths, Cure, Joy Division, Soft Cell.

Beziehungswirrwarr, Trauerarbeit, Achtziger-Styles, Siebziger-Innerlichkeit – wo bleibt hier bloß der Geist der neunziger Jahre? Der kommt in Form eines paradoxen Entwicklungsromans, als Max beschließt, das Jammern sein zu lassen und nach vorn zu schauen. Er lässt nach der Lektüre von Klaus Theweleits „Buch der Könige II“ seine Magisterarbeit über Gottfried Benn liegen und stürzt sich ins Nachtleben: ins E-Werk, den Tresor, die GoGo-Bar, den Kit-Kat-Club, die Schönhauser 5, mit vielen neuen Drogen, dargereicht als Pillen und Pülverchen, was ihm in Hände und Schlund kommt. Obwohl jetzt noch weniger passiert und Max sich ziellos treiben lässt, nimmt Liskes seltsam zweigeteilter, manchmal etwas verlaberter, bisweilen mit mancher skurriler Geschichte aufwartender Roman plötzlich Fahrt auf. Der Titel bekommt seinen Clubkultur-konnotierten Sinn, Berlin ist im Love-Peace-und-Happiness-Rausch (schaut sich aber auch Christos verhüllten Reichstag an oder Käthe Bs Wohnung in Mitte) und wird von Max neu entdeckt, in Mitte, in Prenzlauer Berg.

Erinnert an Rainer Schmidts "Liebestänze" - und Sven Regeners "Herr Lehmann"

„Glücksschweine“ erinnert in seinem zweiten Teil an Bücher wie Rainer Schmidts „Liebestänze“, Ju Innerhofers „Die Bar“ oder Sven Regeners "Magical Mystery Tour oder Die Rückkehr des Karl Schmidt", ohne ein reiner Clubkultur-Roman zu sein. Mit seiner Egalness, seiner Drogenliebe, seinen ungeklärten Beziehungsgeschichten, seinem Desinteresse am sonstigen Zeitgeschehen erinnert Max zudem eher an Spätachtziger-Jahre-Helden wie Regeners Lehmann oder Frank Goosens Helmut. Entspannen lernen ist angesagt. Und wer sich in der Kunst der Erinnerung übt, wie Liske, wie sein Held Max, dem schlägt sowieso kein Jahrzehnt, der kennt nur Geschichten, „die einander überlagern, ein Netzwerk alternativer Realitäten bilden, das alles durchdringt“.

Markus Liske: Glücksschweine.Roman. Verbrecher Verlag,Berlin 2016. 302 Seiten, 22 €.

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