Kultur : Gnadenlos verlassen

Johannes Groschupf erkundet in einem großartigen Berlin-Roman die dunklen Seiten der Stadt.

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Ruinen, verlassene Fabriken, leer stehende Gebäude sind Teil des Berlin-Feelings, das vor allem Touristen und Kreative in die Stadt lockt, Raum für Abenteuer, Fantasie. Das Unfertige mit einer Geschichte wirkt attraktiv. „Urban Explorers“ nennen sich die Jugendlichen Chris, Moe, Kaya, Steven und Lennart, die nachts die vergessenen Häuser erkunden – „Lost Places“, so auch der Titel des aufregenden Berlin-Romans, den Johannes Groschupf jetzt für Jugendliche und Erwachsene geschrieben hat. Berlin hat den Urbex, wie sie auch genannt werden, viel zu bieten. Schon das Cover gibt mit der düsteren Fabrikhalle und dem bedrohlichen Abendhimmel den Ton vor – was selten einem Buchcover gelingt. „Take nothing but pictures, leave nothing but your footprints“ ist ihr Motto, wenn sie am Wochenende in die verlassenen Gebäude eindringen, ein Sport nicht ohne Risiko, „Kundschafter des Verfalls“ auf fremdem Gebiet, nicht ungefährlich.

Lennart erzählt die Geschichte der Urbex, der Junge aus der elften Klasse, der zum Entsetzen der Eltern sitzen geblieben ist. Jetzt sind Sommerferien, die Eltern lassen ihn zur Strafe alleine zurück, doch Lennart sucht das Abenteuer mit seiner Clique, erst in der Partyzone am Schlesischen Tor, wo die Türsteher Schiedsrichter spielen. Besonders vor dem Berghain, wo Klitschko das Regime führt. Doch Kaya, die verwöhnte reiche Tusse aus der Clique, bezirzt den tätowierten Hünen und alle kommen ganz leicht in den Club. Dann gibt es plötzlich ein Problem mit Klitschko – er bedrängt Kaya auf der Toilette und die Jungs eilen ihr zu Hilfe.

Groschupf gibt einen wunderbaren Einblick in die Szene der Partygänger und Türsteher, die nur Stress machen. Dann erkunden die Freunde mit einem Sixpack Bier lieber leer stehende Gebäude. Das ist billiger und bringt mehr Nervenkitzel. „Ich hörte die anderen atmen. Nahm den Geruch von feuchtem Zement und Moos auf, als könnte ich mich an ihm entlangtasten. Ich hörte Wasser tropfen, irgendwo weit hinten, und nahm den leichten Luftzug wahr, der von der Kellertür in den undurchdringlichen Raum vor uns wehte. Neben mir stand Moe, und ich tastete nach ihrer Hand.“

Atmosphärisch dicht schildert Groschupf die Clique, die plötzlich alle ihren Mut verlieren, bis Chris und Steven mit ihren Handys im wahrsten Sinne Licht in das Dunkel bringen. Das Abenteuer kann beginnen. „Es ist ein eigentümlicher Triumph, wenn man ein Gebäude ganz für sich allein hat“, denkt sich Lennart. Die Stimmung entspannt sich, ein Hochgefühl erfüllt die Jugendlichen, bis das Blubbern einer Harley sie vorsichtig werden lässt. Eddie, der jüngste, fiese Türsteher aus dem Berghain, kommt in die Fabrik und versteckt dort eine Plastiktüte.

Die Freunde beschließen, nach ein paar Tagen wieder in die Fabrik zu gehen, um herauszufinden, was Eddie dort verborgen hat. Dabei machen sie einen grausigen Fund – jetzt entwickelt der Roman einen faszinierenden Sog. Die Spur führt zu einer ehemaligen Fleischfabrik in Lichtenberg.

Das Abenteuer nimmt seinen Lauf. Es geht in dem Roman um Schutzgelderpressungen, Rockerbanden, Rauschgift. Aber Groschupf erzählt auch von der sich entwickelnden Beziehung zwischen Moe und Lennart, sie stehen im Mittelpunkt des Romans. Die gruselige Atmosphäre in den verlassenen Gebäuden hilft Lennart, Moe fühlt sich zu ihm hingezogen und von ihm beschützt. Groschupf hat in der Jugendszene gut recherchiert, die Sprache seiner Protagonisten ist locker und gut getroffen, die Beschreibungen der verlassenen Gebäude lassen Filme im Kopf entstehen. Die sich anbahnenden Konflikte mit den Bandidos rauben einem jede Ruhe, man muss den Roman zügig lesen, bis zum Ende, das natürlich nicht verraten werden soll. Groschupf ist es gelungen, mit diesem großartigen Berlin-Roman nicht nur das Lebensgefühl einer Generation zu zeichnen, sondern auch eine Momentaufnahme der Stadt zu liefern, zumindest einer bestimmten Szene. Ein Roman, der auch erwachsene Leser mitreißt.







Johannes Groschupf:
 Lost Places. Roman. Oetinger

Taschenbuch, Hamburg 2013. 240 Seiten. 12,99 Euro. Für Jugendliche und Erwachsene.

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