Gob Squad : Hundert Hasenküsse

Das britisch-deutsche Künstlerkollektiv Gob Squad feiert seinen 20. Geburtstag mit einem Performance-Marathon im Hebbel am Ufer. Ein Treffen.

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Gob Squad, das selbsterklärte siebenköpfige Monster.
Gob Squad, das selbsterklärte siebenköpfige Monster.Foto: Manuel Reinartz

Es gab eine Phase, wo alles auf dem Spiel stand. Wo sie fast hingeschmissen hätten. In der Titanic-Bar in der Christburger Straße kamen die Performer des britisch-deutschen Künstlerkollektivs Gob Squad kurz nach der Jahrtausendwende zusammen – und ein Untergangsgefühl beschlich sie. Es war die Zeit, als das Podewil als künstlerisches Zuhause wegbrach und sie auch privat an einem Wendepunkt standen. „Alles veränderte sich – und ich war schwanger“, erzählt Berit Stumpf beim Gespräch in Kreuzberg. Und Simon Will ergänzt: „Wir waren gerade 30 geworden. Es war nicht mehr weit bis zur Midlife-Crisis – und die Therapien begannen.“

Die Titanic-Bar existiert mittlerweile nicht mehr, Gob Squad aber feiern am kommenden Wochenende ihr 20-jähriges Bestehen mit einem Marathon im Hebbel am Ufer. Und geben die Losung aus „Be Part of Something Bigger“. Denn sie wollen nicht nur sich selbst hochleben lassen, sondern auch die Kunst des Kollektivs feiern.

Gob Squad (zu Deutsch etwa: Schnauzencombo) spielen nicht nur in Theatern und Galerien, sondern auf der Straße, in Hotelzimmern, Büros oder U-Bahn-Stationen. Über ihre Arbeiten im Grenzbereich von Theater, Kunst und Medien werden mittlerweile Doktorarbeiten geschrieben, doch sie mischen noch mit. Sie haben ihren eigenen Stil entwickelt, der auf der Durchdringung von Theatralem und Realem beruht. Dabei sind sie immer einem basisdemokratischen Ansatz treu geblieben. In den 20 Jahren hat sich nie jemand aus dem Kollektiv zum Mastermind oder Regiegenie aufgeschwungen. Alles entsteht gemeinsam: von der Stückentwicklung über das Design bis zur Aufführung. Als siebenköpfiges Monster bezeichnen sie sich selbst. Dass sie so lange durchgehalten haben und immer noch alles miteinander teilen – Kunst und Leben, Kinder und Karriere –, das ist bemerkenswert. Obendrein sind sie der Beweis dafür, dass der britische und der deutsche Humor durchaus kompatibel sind.

Die Performer brauchen blindes Vertrauen und viel Mut

Als sie sich kennenlernten, waren es gerade die Unterschiede, die sie anzogen: Die Deutschen studierten Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen, die Briten waren Kunststudenten der Nottingham Trent University. „Ich fand es wohltuend, wie ernst es den deutschen Studenten mit der Idee des Künstlers war“, erklärt Will. „Wenn ich 1994 in England gesagt hätte, ich bin Künstler, wäre ich ausgelacht worden.“ Stumpf wiederum bewundert die Briten für ihren Pragmatismus. „Da wurde nicht ständig alles hinterfragt. Die legten einfach los.“ Just do it – das ist in gewisser Weise auch das Motto von Gob Squad.

Berührungspunkte gab es natürlich: „Wir haben uns anfangs über die visuelle Ebene verständigt, weil das die gemeinsame Sprache war. Erst allmählich haben wir gelernt, in unseren Performances zu sprechen“, erzählt Stumpf. Mit literarischen Vorlagen haben sie nie gearbeitet, die Themen liefert ihnen das urbane Leben. Der Witz besteht darin, dass sie eine besondere Dramaturgie über den Alltag legen. Die kann aus einem Hollywoodfilm („Super Night Shot“) oder einem Tennisspiel („The Conversionalist“) stammen. Die Aufführungen von Gob Squad, die oft als Live-Film-Performance konzipiert sind, sind immer Versuchsanordnungen: Die Darsteller begeben sich in Situationen, die sie nicht vollständig kontrollieren können, und provozieren immer wieder die Interaktion mit den Zuschauern, die bei Gob Squad oft ihre distanzierte Beobachterposition aufgeben und schon mal zu Komplizen werden.

Das Private ist politisch, sagen Gob Squad

Was braucht es als Performer von Gob Squad außer Geistesgegenwart? „Blindes Vertrauen“, sagt Stumpf und lacht. „Sehr viel Mut“, ergänzt Will. In „Super Night Shot“, ihrer wohl berühmtesten Arbeit, wird die nächtliche Stadt zur Bühne. Vier Performer mit Videokameras schwärmen durch die Straßen und sprechen die Passanten an, immer auf der Suche nach einem romantischen Moment. Simon Will in weißem Abendanzug und Hasenmaske hat seit der Berlin-Premiere 2003 in über 100 Städten weltweit Unbekannte zu einem Kuss überredet. (Dokumentiert ist das in dem Video „100 Kisses“.)

Überraschende, peinliche oder brenzlige Momente gab es viele in der Geschichte der Gruppe. Bei „Super Night Shot“ haben sie heute noch Lampenfieber. Zwar haben sie einen Katalog mit möglichen Reaktionen entwickelt. „Aber du kannst nie auf alles gefasst sein“, seufzt Will. Und erzählt von der Begegnung mit einer irischen Gang. Die Jungs streckten erst den nackten Hintern in die Kamera und rissen sie ihm dann aus der Hand. Als er mit ihnen verhandelte, lief die Kamera immer noch: „Das war Dogma!“, so Will über den Film. Stumpf erinnert sich an so manchen Schock nach den verbalen Matches von „The Conversionalist“, wo sie dachte: „Mein Gott, warum habe ich das nur gesagt?“ Solche Fehltritte sind programmiert, denn die Performer spielen in gewisser Weise sich selbst. „Wir sind immer von uns ausgegangen“, erklärt Stumpf, „nicht in einem autobiografisch-dokumentarischen Sinn, sondern als ein Material, mit dem man spielen kann.“ Unter das Label „young, cool British art“ fallen sie nicht mehr, was sie befreiend finden. Aber dass man als Performer eigentlich nur besser werden kann im Laufe der Jahre – davon sind beide überzeugt.

Kunst und Leben sind bei Gob Squad längst nicht mehr zu trennen. Wie die Künstler privat verbandelt sind, zeigt das Stück „Are You With Us?“, das einer Gruppentherapie ähnelt. „Da waschen wir die schmutzige Wäsche in aller Öffentlichkeit“, sagt Will. Und Stumpf fügt hinzu: „Das ist der Grund, warum wir noch zusammen sind: weil wir solche Stücke machen, wo alles auf den Tisch kommt.“

Man merkt, dass sie einen besonderen Kommunikationsstil entwickelt haben. Außerdem haben sie gelernt, Ideen nicht zu zerreden. Einmal im Jahr lassen sie eine Supervision machen. Und immer wieder stellen sie sich die Frage: Wie wollen wir leben und arbeiten? „Da sind wir ganz old school: Das Private ist politisch“, sagt Will.

Gob Squad sehen sich nicht unbedingt als Vorbild, doch sie wollen den kollektiven Spirit weitertragen. So wird es im Hebbel am Ufer auch eine Diskussion über „reale und virtuelle Kollektivität“ geben. In Zeiten zunehmender Ökonomisierung sei ein Kollektiv in gewisser Weise ein Luxus, geben sie zu bedenken. Doch beide – die Deutsche und der Brite – schwärmen von dem Glück kollektiven Arbeitens: „Man kann alles teilen, die Höhen und Tiefen, den Ruhm und das Scheitern. Und auch die Falten und Erinnerungslücken.“

HAU 1 und HAU 2: Do 20. bis Sa 22.11.

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