Kultur : Göttliches Geschwafel

Hendrik Jacksons Poem über den Bauernkrieg

Tobias Lehmkuhl

Dieses Buch blubbert und brodelt, als sei es einer Hexenküche entsprungen. Wie ein Alchemist hat der 1971 geborene Berliner Dichter Hendrik Jackson aus der Ursuppe der deutschen Sprache ein Gebräu gezaubert, das an Explosivität nicht seinesgleichen hat. Grundlage seiner „brausenden bulgen“ ist die Sprache der frühen Reformationszeit, das „bibel bubel babel“ Luthers und vor allem Thomas Müntzers, die völlig ungebändigten, nebeneinander existierenden Schreib- und die noch nicht in Hoch- und Alltagssprache ausdifferenzierten Sprechweisen des Deutschen im 16. Jahrhundert.

Die „95 Thesen über die Flußwasser in der menschlichen Seele“, wie Jacksons Band im Untertitel heißt, bestehen aus vielen kurzen, sprachlich hochaufgeladenen Prosastücken, die wie Strophen eines Langgedichts wirken. Sie sind von einer beeindruckenden Klangfülle, rhythmisch fein gearbeitet, voll Sprachwitz und überaus bildkräftig. Dadurch entfalten die Stücke einen ungeheueren Sog. Seine „Thesen“ treiben an den „Rändern der Verständlichkeit“. Sinn tritt da zuweilen nur als brillanter Unsinn in Erscheinung. Und auch den Kalauer scheut Jackson nicht: „Hier z.B. der nackte Himmel über mir und das reine Geschwafel neben mir.“

Als Hintergrundfolie, auf welcher der Dichter sein Panorama sprachlicher Möglichkeiten entfaltet, dienen ihm Leben und Wirken des Reformators und Bauernführers Thomas Müntzer. Müntzer begegnet einem bei Jackson als Agitator, für den Wort und Tat eng miteinander verbunden sind: „Auf den Schwingen einer bildergesättigten Sprache hoben die Aufständischen ab vom Boden einer unerträglich gewordenen Realität, reckten ihre Köpfe in die dünne Luft einer Utopie von Gottes Reich in Brüderlichkeit und Freiheit, wie sie zuvor nicht gedacht worden war“, heißt es im Nachwort.

Die Revolution schlägt fehl, Müntzer wird gefoltert, schließlich hingerichtet. Jackson versteht das Scheitern des Aufstands auch als Scheitern des Aufrufs. „Es kann auch kein mensch nie sagen dem andern wie er zu got komet“, lautet sein Fazit. So schlägt er den Bogen von der Sprachmagie zur Sprachskepsis und gibt sich als Autor zu erkennen, den die Moderne keineswegs unberührt gelassen hat. Sein Furor aber, die Glut, an der sich sein Sprachfeuerwerk entzündet, gründet in der Tiefe der Zeit.

— Hendrik Jackson:

brausende bulgen.

95 Thesen über die Flußwasser in der menschlichen Seele. edition per procura, Wien/Lana 2004, 166 Seiten, 12 €.

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