Gregg Allman gestorben : Auf der Straße ins goldene Nirgendwo

Immer schön entspannt, auch in schlechten Zeiten: Zum Tod des US-Musikers und Southern-Rock-Helden Gregg Allman. Ein Nachruf.

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US-Rockmusiker Gregg Allman, 1949-2017 Foto: Tom Gilbert/Tulsa World/dpa
US-Rockmusiker Gregg Allman, 1949-2017Foto: Tom Gilbert/Tulsa World/dpa

Es war der 29. Oktober 1971, an dem das Leben von Gregg Allman seine vermutlich entscheidende Wendung nehmen sollte. An diesem Tag starb sein nur ein Jahr älterer Bruder Duane bei einem Motorradunfall - und mit diesem nicht nur der Bandleader der Allman Brothers Band, sondern gleichermaßen der beste Freund und die entscheidende Leitfigur für den damals 24 Jahre alten Gregg. „Wir waren wie Lewis und Clark“, sollte Allman in seinen Memoiren „My Cross To Bear“ schreiben, „wir waren musikalische Abenteurer und Entdecker. Und wir waren einer für alle und alle für einen.“ Letzteres war auch darauf zurückzuführen, dass Gregg und Duane schon früh ihren Vater verloren hatten, er wurde Opfer eines Raubüberfalls.

Mit ihrem ein paar Monate vor Duanes Tod veröffentlichten Live-Doppelalbum „At Filmore East“ waren die Allman Brothers gerade zu einer der erfolgreichsten Rockbands der USA geworden. Sie hatten damit den blues- und countryinfizierten Southern Rock zu einem der ultimativen Popmusik-Genres jener Zeit gemacht – nicht zuletzt als flankierender Sidekick zu den fortschrittlichen, psychedelischen Hippie-Sounds aus Kalifornien und von der Ostküste. Die Allman Brothers traten mit ihrem federnden Boogie- und Bluesläufen, ihren Muddy-Waters-Referenzen den Beweis an, dass selbst in den rückständigen, rassistischen Südstaaten die Aufklärung auf dem Vormarsch war; zudem hatten sie mit Jaimoe Johanson einen schwarzen Drummer. Ihr drittes Studioalbum „Eat A Peach“ war Ende 1971 in Vorbereitung, und nun stand für Gregg Allman die Frage im Raum, wie es mit den Allman Brothers weitergehen sollte. Ob gerade er, der trotz seiner warmtönenden, soulfulen Gesangsparts eher schüchtern veranlagt war, im Fall des Fortbestehens der Band ins Zentrum rücken, sein Songwriting verbessern und statt der Orgel wieder zur Gitarre greifen und sich anstelle seines Bruders hitzige Gefechte mit dem anderen Lead-Gitarristen der Band, Dickey Betts, liefern sollte.

"Ramblin' Man" und "Jessica" waren die größten Hits

Ein halbes Jahr wollten sie sich Zeit nehmen, um die Geschehnisse zu verarbeiten. Doch vier Wochen nach Duanes Tod machten die Allman Brothers weiter – und wie es sich im Fall von Rock’n’Roll-Toden häufig zuträgt: Die Band wurde noch erfolgreicher als zuvor. Allman schrieb für „Eat A Peach“ den Song „Ain’t Wastin’ Time No More“, mit dem er versuchte zu erklären, warum die Band nach dem Tod von Duane weitermachen würde, recht blumig mit Zeilen wie „With the help of God and true friends, I've come to realize, I still have two strong legs, and even wings to fly“. Oder „We'll raise our children, in the peaceful way we can, it's up to you and me brother, to try and try again“. Und mit dem ersten Werk ohne Duane, zudem ohne den nur ein Jahr nach Duane ebenfalls bei einem Motorradunfall tödlich verunglückten Bassisten Berry Oakley, dem 1975 veröffentlichten Album „Brothers and Sisters“ standen die Allman Brothers wochenlang auf Platz eins der Billboard-Charts. Darauf finden sich zwei ihrer größten Hits, das entspannt melodische, auf einem Song von Hank Williams basierende „Ramblin’ Man“ und das forsch beschwingte, mit einem Grammy ausgezeichnete Instrumentalstück „Jessica“.

Animositäten gerade zwischen Allman und Betts hatte es jedoch immer wieder gegeben. Beide hatten früh jeweils Soloalben eingespielt. Vor allem Allmans 1973 erschienenes „Laid Back“ ist eine organische, manchmal zurückgenommene, manchmal mit viel Saxofon- und Keyboard-Einlagen perlende Flower-Power-Schwitzrock-Platte. Schließlich lieferte Allman mit seiner Band und seinem Lifestyle eine der Blaupausen des klassischen Rocks bis heute. Die Allman Brothers lösten sich auf, kamen in neuer Besetzung wieder zusammen. Es gab sie, es gab sie nicht, sie gaben Konzerte, auf denen sie stundenlang spielten und improvisierten, so wie sie es in ihren goldenen siebziger Jahren gemacht hatten, inklusive des einen oder anderen Albums. Im Jahr 2000 stieg Gitarrist Dickey Betts endgültig aus – oder wurde ausgestiegen, so wie es Greg Allman in seinen Memoiren will.

Allman war fünf Jahre mit Cher verheiratet

Er selbst führte gerade zu den großen Zeiten der Allman Brothers das typisch kaputte, typisch glamouröse Rock’n’Roll-Leben. Von 1975 bis 1979 war der ewig blondmähnige Musiker mit der Kollegin und Schauspielerin Cher verheiratet, sie ist nur eine seiner sechs Ehefrauen gewesen. Er wurde alkoholkrank, nahm andere Drogen, und kam davon erst Ende der neunziger Jahre los, allerdings nicht ohne Folgeschäden in Form einer Hepatitis-C-Infektion, die 2010 eine Lebertransplantation nach sich zog.

In den späten achtziger Jahren wurde Allman einmal von einem Reporter gefragt, wie oft er sich noch an seinen Bruder erinnere und ob er dessen Tod verarbeitet habe. Er antwortete, dass er als Kind und selbst noch bei der Gründung der Allman Brothers 1969 dachte, dass Entertainer und Musiker keine schlechten Tage haben könnten. „Wie auch? Sie spielen, sie haben Spaß am Leben. Ich aber bin unterwegs und mache Musik, um den Leuten zu erzählen, dass es auch schlechte Tage gibt. Und trotzdem: Es gibt nichts, was besser ist, als abends wieder auf einer Bühne zu stehen.“ Nun ist Gregg Allman in seinem Haus in Savannah im US-Staat Georgia im Alter von 69 Jahren verstorben, wie es auf seiner Website heißt, „friedlich“. Gut möglich, dass auf seinem Grabstein eine Zeile aus „Midnight Rider“ stehen wird, einem seiner schönsten Songs: „The road goes on forever“.

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