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Gregor Hildebrandt : Tausend Meter Kassettenband

28.07.2009 00:00 UhrVon Christiane Meixner

Die im Kunstwerk konservierte Musik setzt sofort Fantasien frei. Jeder hört sein eigenes Lied: Gregor Hildebrandt in der Berlinischen Galerie.

Klangteppich, was für ein strapaziertes Wort. Man stellt sich darunter die wabernden Töne künstlerischer Klangexperimente vor, esoterische Synthesizer-Melodien oder die akustischen Übergriffe in Fahrstühlen und Kaufhäusern. Und dann kommt einer wie Gregor Hildebrandt. Mit seinem „Klangteppich“, der genau das ist, was das Wort verspricht: ein Gebilde aus Melodien, die man allerdings nicht hören kann, weil der Künstler die Tonträger – in diesem Fall tausende Meter Kassettenband – als Material für seine gestrickte Bodenarbeit verwendet.

Die Arbeit liegt in Schloss Marquardt. Als Teil der Rohkunstbau-Ausstellung ergänzt sie Hildebrandts großartige Einzelschau in der Berlinischen Galerie.

„Der Himmel im Raum“ ist das Resultat einer Auszeichnung: Der Energiekonzern Vattenfall hat Hildebrandt den Kunstpreis „Energie“ verliehen, der seit 1992 von einer übergeordneten Jury vergeben wird und mit einer Ausstellung verbunden ist.

Der Künstler hat einen Raum der Berlinischen Galerie eingerichtet. Mit einem Trennvorhang aus Fäden, die der kleinste Impuls von außen in Bewegung bringt und die sich ebenfalls als Meterware vom Kassettenband entpuppen. Mit schwarzweiß-grauen Bildern an der Wand und einem „Holzimitationsparkett“ auf dem Boden, das eine feste, glänzende Oberfläche hat. Wer sich das Fischgrätmuster genauer ansieht, entdeckt, dass das vermeintliche Holzimitat in Wahrheit ebenfalls aus Kassettenband in verschiedenen Tönungen besteht. Hildebrandt hat es mit unglaublichem Aufwand in feine Bahnen gepresst und anschließend in transparenten Kunststoff gegossen.

Keines der entrollten Bänder lässt sich je wieder hören. Und doch setzt die im Kunstwerk konservierte Musik sofort Fantasien frei: Welche Songs könnten sich dort verbergen, und welche Geschichten lassen sich mit den Mixed-Tapes verbinden, die als Kompilation individueller Vorlieben aufgenommen worden sind? Mit der Stille im Kopf ist es dann vorbei, ein jeder imaginiert nach Kräften die eigenen Favoriten.

Doch der 1974 geborene Hildebrandt verlässt sofort wieder die verbindliche Ebene übereinstimmender Empfindungen. Die Titel seiner Arbeiten spielen auf ganz konkrete Stücke von Kraftwerk, den Einstürzenden Neubauten, The Cure oder Tocotronic an. Wer sie nicht kennt, dem bleibt etwas verschlossen. Genau hier offenbart sich die komplexe Raffinesse eines Werks, das nicht nur virtuos mit alltäglichen, vertrauten Materialien umgeht. Sondern auch ein Statement zur Moderne liefert: Sie kapselt sich ab, ist assoziativ und von der kulturellen Prägung des Betrachters abhängig.

Gregor Hildebrandt gelingt diese parallele Formulierung des Gegensätzlichen immer wieder. Seine Leinwände bilden ästhetische Ornamente von großer Strenge ab. So wie „Gesundbrunnen“ von 2009, in dem er Bezug auf das „Schwarze Quadrat“ von Malewitsch zu nehmen scheint und am Ende doch eine Bodenintarsie aus einer Shopping-Mall in Wedding zitiert. Ein anderes Mal greift er das Thema vornehmer Tapisserien auf, die er hinter Glas einschließt. Erst bei näherem Hinsehen zeigt sich die wahre Herkunft des zarten Materials mit dem wiederkehrenden Prägedruck einer Feder. Es handelt sich um Klopapier. Schließlich blickt einem Hildebrandts geätztes Konterfei aus einer Granitplatte ernst entgegen, zitiert die Tradition gewichtiger Künstlerporträts – und hebt diesen Eindruck mit der übertrieben inszenierten Grimmigkeit seiner Miene wieder auf.

Spielerisch unverbindlich ist das nicht, sondern absolut seriös. Eine gelungene Synthese dessen, was die Kunst in den vergangenen Jahrzehnten mit Pop-Art und Minimalismus, Duchamp und Informel durchlebt hat. Hildebrandt ergänzt es um den Sound seiner Zeit. Einer Generation, die den zahllosen Stilen und -ismen der Moderne kaum etwas Neues hinzufügen kann. Aber sie darf innehalten und präzise hinterfragen, was sich in jüngerer Vergangenheit so alles ereignet hat.

Berlinische Galerie, bis 31. August

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