Griechischer Alltag (4): Die Sprache der Linken : Demütigung und Zorn

In den Zeiten der Krise wird der politische Ton rauer, nicht nur bei den griechischen Linken, sondern in ganz Europa. Teil 4 unserer Serie mit Alltags-Notizen der Schriftstellerin Amanda Michalopoulou.

Amanda Michalopoulou
Heikle Diskussionen: Im griechischen Parlament wird der Ton rauer.
Heikle Diskussionen: Im griechischen Parlament wird der Ton rauer.Foto: epa/Yannis Kolesidis

Ich bin in einer Zentrumsfamilie mit linker Ausrichtung groß geworden. Die Linke war für mich so etwas wie Olympiakos, die Fußballmannschaft meines Vaters (das waren die Fußballer von Piräus, vom Hafen, die Jungs aus dem Volk, auch irgendwie links). Man konnte die Linke nicht anzweifeln oder zum Objekt der Ironie machen – womit sie für mich einen Teil ihres Glanzes verlor.

Ich selbst habe nicht Syriza gewählt, aber die Parole „Zum ersten Mal die Linke“ hatte den Beigeschmack einer legendären Gerechtigkeit, eines fast existenziellen Höhenflugs – die Hoffnung auf Freiheit und Solidarität. All dies sind Worte, die die Linke schon immer gebraucht und auch missbraucht hat. Am stärksten aber verbindet man die griechische Linke jetzt mit dem Wort Überempfindlichkeit. Leiden die Linken mehr? Ich fürchte, sie reden nur mehr über ihr Leiden als andere.

Wem soll man glauben?

Nach der Unterzeichnung der jüngsten Sparvereinbarung sagte der neue Syriza-Abgeordnete Giorgos Kyritsis: „Das war der demütigendste Moment in meinem Leben, seit ich mir in der dritten Klasse der Grundschule in die Hosen gepisst habe. Das erste Wort, das ich im Parlament ausgesprochen habe, war ein Ja zu etwas, woran ich nicht glaube. Ich fühle mich krank.“ Darauf der Parlamentssprecher: „Das kleine Griechenland wurde gezwungen vorwärtszugehen, nicht zum ersten Mal werden die Katzen von Ai Nikola vergiftet – um an Seferis zu erinnern –, aber sie haben ihren Kampf weitergekämpft.“ (In dem Gedicht von Giorgios Seferis vernichten die Katzen im Kloster St. Nicholas unzählige Schlangen, „doch dann waren sie am Ende, so viel Gift konnten sie nicht vertragen“.)

Was mir bei der griechischen Linken heute am meisten gegen den Strich geht, ist deren Sprache. Diese Sentimentalität des „kleinen Griechenland“. Ihr Zwang, über alles mit Pathos zu sprechen (und insofern zu spalten). Aber auch mit „kreativer Ungenauigkeit“ (ein vieldiskutierter Ausdruck des unvergesslichen Varoufakis, der durch seine Kreativität ein ganzes System klaren Denkens in die Ungenauigkeit entließ).

Diese Sprache hat die paranoide Politik der letzten Monate erschaffen – „Jas“, die als „Nein“ betrachtet wurden und „Neins“, die man als „Ja“ interpretiert hat. Und weil die öffentliche Rede sich als Denkungsart weiter verbreitet, hat sich die Sprache der Syriza zersetzend auf die psychische Verfassung der Griechen ausgewirkt, die nicht mehr wissen, was und wem sie glauben sollen.

"Siehe, das ist das Schicksal des Menschen"

Nach den verbalen Rüpeleien von Varoufakis sind wir nun in ein Stadium von übersteigertem pessimistischem Realismus eingetreten, der von Übungen der Selbsterniedrigung begleitet wird. Und dies alles aus dem Mund derselben Menschen. „Wir haben etwas unterzeichnet, woran wir nicht glauben“, sagte der Ministerpräsident, als er von Brüssel zurückkam. Natürlich war der Satz für den innenpolitischen Gebrauch gedacht, aber er ist bezeichnend für Griechenlands zerrissene Psyche. Mit solchen Phrasen zementiert die griechische Linke das Opferdenken und fördert dabei auch noch die Verantwortungslosigkeit. Wie kann man etwas in die Tat umsetzen, an das man nicht glaubt? Kann man unter Zwang reformiert werden? Müsste den Reformen des öffentlichen Haushalts nicht eine radikale eigene Entschlossenheit zugrunde liegen?

Die griechische Schriftstellerin Amanda Michalopoulou
Die griechische Schriftstellerin Amanda MichalopoulouFoto: Wikipedia

Natürlich gilt dies für ideale Staaten, nicht für das heutige Europa, das sich in Strafende und Gedemütigte aufteilt. Aus psychoanalytischer Sicht macht man ja immer beides – man identifiziert sich unbewusst mit der Haltung, die man ablehnt. In diesem krankhaften Klima von Opfer und Täter finde ich etwas geistige Klarheit beim Lesen der Abhandlung des Philosophen Kornilios Kastoriadis über Thukydides: „Nirgends, nicht bei Hesiod, nicht bei Thukydides und auch nicht in den Tragödien werden Sie jemanden finden, der nach einer Katastrophe jammert: Daran ist Gott schuld, die Kapitalisten und so weiter. Niemals. Die Menschen handeln, sie machen Fehler, der Himmel stürzt über ihnen ein, und wenn sie wehklagen, sagen sie gleichzeitig: Siehe, das ist das Schicksal des Menschen.“ Das galt im Athen des Perikles, in einem idealen Moment der Selbstverwaltung, als die Bürger keine Steuern bezahlten (zumindest keine Einkommens- oder Vermögenssteuern) und die Reichen „Dienste“ erwiesen, das heißt, sie waren die Spender des öffentlichen Lebens.

Die Wahrheit über die Verständigung in Europa

Aber ich habe mich in den Raum der politischen Utopie verirrt. Ich wollte bei der Sprache bleiben, dabei, wie die griechische Regierung in Europa spricht, wie Deutschland darauf reagiert und beide an ihren sadomasochistischen Rollen festhalten. Wenn wir die emotionalen Karten verteilen, hat Griechenland zuletzt die Karte der Erniedrigung gezogen und Deutschland von Anfang an die Karte des Zorns. Mir gefällt es, wie der Kinderpsychologe Adam Philipps in seinem Buch „The Beast in the Nursery“ (Das wilde Tier im Kinderzimmer) über Zorn und Erniedrigung denkt. Er meint, der Zorn, den man empfindet, wenn man zum Beispiel seine Schlüssel verliert, zeige, dass man in einer Welt lebt, in der man immer die Schlüssel in der Hand hält. Er spricht von der Welt des „ununterbrochenen Könnens“ und schreibt: „Durch meinen Zorn kann ich das wiederherstellen, was ich für meine Rechte halte.“ So muss es mit der perfekten deutschen Welt sein. Dass doch nicht alles perfekt läuft, schafft die Voraussetzungen für den deutschen Zorn.

Auf der anderen Seite ist die Demütigung immer ein Spiel mit der Hoffnung, schreibt Philipps. „Sie verwandelt das Begehren in eine Art von Verfolgungswahn.“ Die Griechen fühlen sich verfolgt, und das lässt sich nicht leicht ändern, besonders nach den letzten Monaten und der nochmals verschobenen Übernahme von Verantwortung. Die Art, wie sich der neue Abgeordnete geäußert hat (wie ein Dreijähriger mit vollgepinkelter Hose) oder der Regierungssprecher (wie einer, der über verlorene Heimaten dichtet), aber auch der Rücktritt von Syriza-Abgeordneten – all das ist bezeichnend. Es besagt viel darüber, wie die Verständigung in Europa abläuft, in einem Moment, in dem wir angeblich nur über Wirtschaftsvereinbarungen sprechen.

Amanda Michalopoulou, Jahrgang 1966, lebt als Schriftstellerin in Athen und auf den Inseln. Diesen Sommer drucken wir in loser Folge ihre Berichte aus Griechenland. – Aus dem Griechischen von Birgit Hildebrand.

In diesem Sommer drucken wir in loser Folge ihre Berichte aus Griechenland.

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