Kultur : Grieg und Frieden

Welche Sprache spricht der Wind? Eindrücke von den Festspielen im norwegischen Bergen

Uwe Friedrich

Die Hubschrauberpiloten unterhalten sich auf Norwegisch über das schlechte Wetter, um die Passagiere nicht zu beunruhigen. Eigentlich dauert der Flug von Bergen nach Hardanger nur eine halbe Stunde – wenn die Berge an der günstigsten Stelle überquert werden können. Doch an diesem Morgen herrscht stürmischer Schneeregen und wir müssen einen Umweg nehmen zum Open-Air-Konzert des Jazzsaxofonisten Jan Garbarek im Garten des Hotels in Lofthus, wo schon Edvard Grieg seine Sommerfrische verbrachte. Der Flug wird zur Achterbahnfahrt. Am Hardangerfjord rauschen majestätisch die Wasserfälle, Nebel ziehen durch das weite Tal. Publikum und Musiker frieren fürchterlich, doch heldenhaft halten alle durch. Vorher kletterte der ganze Tross schon die Felsen zum ehemaligen Wasserkraftwerk Lilletopp hoch, denn am Hardangerfjord wurde auch Industriegeschichte geschrieben. Hier haben vor etwa hundert Jahren Arbeiter aus ganz Skandinavien Stollen und Höhlen in den Fels getrieben. Niemand wäre überrascht, wenn der Bergkönig aus Henrik Ibsens „Peer Gynt“ um die Ecke käme.

Das gesamte Drama um den norwegischen Identitätssucher Gynt ist bei den Bergener Festspielen zu sehen. Festivalleiter Per Boye Hansen hat in diesem Jahr die ungarische Theatertruppe Kretakör eingeladen. Im alten Konzertsaal „Logen“ bespielen sie das Parkett und die Galerie. Wenn die liebestollen Sennerinnen die Fenster aufreißen und ihre Sehnsucht nach einem Troll für die Nacht hinausrufen, sind die Passanten verwirrt und das Publikum begeistert. Eine kleine Drehscheibe, einige Treppenstufen und wenige Requisiten reichen dem Regisseur Sándor Zsótér, um uns Solvejg, Åse und Peer nahezubringen.

Noch reduzierter geht Jon Fosse die Sache an. Der meistgespielte europäische Dramatiker hat mit „Eg er vinden“ (Ich bin der Wind) als Auftragswerk der Festspiele den Erinnerungsdialog zweier Freunde geschrieben, von denen einer während eines Segeltörns bewusst den Tod im Meer sucht. Er verschmilzt mit den Wellen und dem Wind, wird schließlich selbst zum Wind und streift über die Wellen. Ein Sprachkunstwerk von kristalliner Klarheit, verstörend und geheimnisvoll, von Eirik Stubø im Bergener Jugendstiltheater als Hörspieldialog mit grandiosen Lichtwechseln inszeniert.

„Nordische Impulse“ wollen die „Festspiellene i Bergen“ geben, und so singen italienische Heavy-Metal-Fans plötzlich in der Fußgängerzone norwegische Volkslieder oder eine kleinen Band improvisiert im Schaufenster eines Kaufhauses Tanzmusik. Und die norwegischen Hanseaten der alten Handelsstadt Bergen tanzen dazu fröhlich im Nieselregen. Wer das Glück hatte, auf einer zufällig herausgerissenen Seite des Bergener Telefonbuchs zu stehen, kriegte Freikarten ins Haus, zu den Mittagskonzerten kann ohnehin jeder in die Grieghalle gehen. Um ihn, den zweifellos überragenden norwegischen Musiker, führt im Gedenkjahr ohnehin kein Weg herum. Die norwegische Sopranistin Solveig Kringelborn hat sich für ihr Heimspiel mit Griegs „Haugtussa“-Zyklus den derzeit wohl besten Begleitpianisten Malcolm Martineau gewählt. Håkonshallen, der königliche Bankettsaal, wurde bei einer Explosion während der deutschen Besatzung fast völlig zerstört. Über den umstrittenen Wiederaufbau dieses nationalen Symbols informiert eine Ausstellung im Bergener Museum – doch wenigstens ist die Akustik unumstritten gut.

Die hervorragende Akustik ist auch das stärkste Argument für den größten Konzertsaal der Stadt, die Grieghalle. Angeblich wurde sie in Form eines aufgeklappten Konzertflügels erbaut. Wenige fantasiebegabte Betrachter erkennen allenfalls eine Mischung aus Berliner FU- Rostlaube und Weltkriegsbunker. In den siebziger Jahren fand man so etwas offenbar auch in Skandinavien schick, die Saaldecke sieht aus, als wäre das Raumschiff Enterprise hier notgelandet. Statt auf Peer-Gynt-Suiten und Klavierkonzert setzte die Festspielleitung in der Grieg- Gala auf sperrige Werke wie die Cellosonate mit Truls Mørk und der zerklüfteten Ballade, die der Pianist Leif Ove Andsnes nach eigenem Bekunden erst lieben lernen musste.

Im Vorgriff auf den 100. Todestag Edvard Griegs am 4. September präsentierte auch das Museum in seinem Wohnhaus Troldhaugen eine neue Ausstellung. Hier ist nicht nur der Anzug des kleinen Komponisten zu besichtigen, sondern auch seine Maskottchen wie der Holzfrosch, den er bei Auftritten bei sich trug, und der rote Troll, dem er allabendlich eine gute Nacht wünschte. Grieg engagierte sich zeitlebens auch sozial und politisch, und so passt sogar die skandinavische Erstaufführung von Brechts „Maßnahme“ mit der Musik von Hanns Eisler zum Festjahr.Eberhard Kloke lässt die blechgepanzert-selbstsichere Musik Eislers ganz ungebrochen losdonnern, und wenn der Betrachter es nur schaffen könnte, für einen Augenblick das Gehirn auszuschalten, würde man fast glauben, die kommunistische Partei habe immer recht. Weil die Nachfahren der Wikinger aber helle sind, nehmen sie die Impulse der Künstler gerne auf und diskutieren noch lange in der hellen Sommernacht.

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