Großes Kino aus Korea: "Right Now, Wrong Then" : Die verdoppelte Geschichte

Ein Mann, eine Frau, ein Tag zu zweit: In "Right Now, Wrong Then" erzählt Filmregisseur Hong Sang-soo eine zarte Begegnung in zwei Variationen.

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Wiedersehen im Kino. Der Regisseur Ham Chun-su (Jung Jae-young) und die Malerin Hee-jung (Kim Min-hee).
Wiedersehen im Kino. Der Regisseur Ham Chun-su (Jung Jae-young) und die Malerin Hee-jung (Kim Min-hee).Foto: grandfilm

Er hat ja recht, im Kleinen und Ganzen, der Liederschreiber und Alltagsphilosoph PeterLicht, mit seinem entschiedenen „Lob der Realität“, womit er es neuerdings sogar zum überregionalen Kolumnen-Label gebracht hat. Zum ersten Mal ließ er es programmatisch vor zehn Jahren in seinem Song „Kopf zwischen Sterne“ erklingen: „Was du nicht kannst/ Ist mehrere, mehrere Leben führen/ Und das schenkt uns die treue Realität/ Und der Rest, und der Rest ist“ – jetzt muss es raus, das schlimme Wort – „Hobby“.

Hobby? Oder vielleicht doch: Fantasie? Oder gar: Kunst? Die Literatur, das Theater, das Kino, sie alle leben davon, dass ihre Liebhaber via Identifikation, via Mitreisen in erfundene Paralleluniversen „mehrere Leben führen“. Und wenn sie sich der Kunst als der besten aller möglichen Welten ernstlich anvertrauen, dann ist es nicht mehr weit bis zur zauberischen Frage: Sollte auch die Realität, die sogenannte, nichts weiter sein als eine bloße Möglichkeitsform?

Mit dem 17. Film erstmal im Kino in Deutschland

Der auf den großen Festivals von Cannes bis Berlin gefeierte 55-jährige Südkoreaner Hong Sang-soo, der es mit seinem nunmehr 17. Spielfilm „Right Now, Wrong Then“ – Tusch! – erstmals regulär ins deutsche Kino schafft, ist ein Großmeister im Spiel mit dem Virtuellen. Er erfindet nicht nur das übliche cineastische Zweistunden-Anderswo, sondern multipliziert seine alltagsnahen Ausgangssituationen derart durch Perspektivwechsel und narrative Varianten, dass sich jegliche Verbindlichkeit realistischen Geschehens ganz von selber lustvoll dekonstruiert.

Dabei arbeitet er zugleich sparsamer und durchdringender als etwa Alain Resnais in „Smoking / No Smoking“ (1993) oder Peter Howitt in „Sliding Doors“, (1998), die ihre legendären „Was wäre, wenn?“-Experimente dazu nutzten, von einem dramaturgischen Scheideweg in hübsch unübersichtliche erzählerische Labyrinthe aufzubrechen. Es geht in dem 2015 in Locarno mit dem Goldenen Leoparden ausgezeichneten „Right Now, Wrong Then“ nicht um äußere Zufälle wie eine angezündete oder nicht angezündete Zigarette oder eine verpasste oder nicht verpasste Metro; Hong Sang-soo genügen, in formal asketischem und wie stets figurenarmem Setting, scheinbar geringfügige Dialogvariationen, um seine Versuchsanordnung behutsam in immer neue Richtungen zu treiben.

Sushi essen, Soju trinken

Einen Tag zu früh ist der Regisseur Chun-su (Jung Jae-young) in der Stadt Suwon nicht fern der Hauptstadt Seoul angekommen, wo der Mittvierziger eine Werkschau seiner Filme mit seiner Anwesenheit adeln soll. Er vertreibt sich die Zeit in einer historischen Palastanlage und spricht dort eine junge Frau an, die Malerin Hee-jung (Kim Min-hee). Sie unterhalten sich in einem Café, er begleitet sie in ihr Atelier, sie gehen Sushi essen und den Reisschnaps Soju trinken, und am Abend besuchen sie gemeinsam die Dinner-Party einer Bekannten von Hee-jung. Der letzte der sechs Hauptschauplätze ist das Kino, rund 24 Stunden sind seit dem ersten Blick zwischen den beiden, dem ersten Wortwechsel vergangen.

So spartanisch kann aufregendes Kino gehen: Auch die Kamera bewegt sich manchmal zehn Minuten lang nicht, um dann, nach zügigem Zoom, sogleich wieder in einem neuen sinnstiftenden Rahmen zu verharren. Alles dient hier der von allem Überflüssigen entkleideten Konzentration auf eine Begegnung: zwei Menschen, ihr Reden miteinander, ihr Einander-Anschauen, ihr VoneinanderWegschauen, ihre wunderbar wechselnd oszillierende Nähe.

Als sei das nicht genug für einen Film, macht Hong Sang-soo keck einfach zwei daraus. Selber Zeitraum, nahezu selbe Ortswechsel: Nur dass in „Right Then, Wrong Now“ – so der Untertitel der ersten Episode – kleine Misshelligkeiten, Denkfaulheitsfiguren und Heucheleien den Zauber des Kennenlernens allmählich auflösen, während es in „Right Now, Wrong Then“ vor lauter Lust auf Wahrhaftigkeit mitunter zu durchaus fremdschamtauglichen Offenbarungen kommt. Nicht zwei erste Dates werden hier erzählt, sondern eines verdoppelt, mit einer zweiten Chance: Nichts erhellender, als mitzuerleben, wie hier feinste kommunikative Variablen unversehens gegensätzliche Stimmungen herstellen.

Das Vergleichen: Hier ist es ein Genuss

In diesem Spiel einer Annäherung, das geläufigen Plotpoints sanft und immer wieder überraschend aus dem Wege geht, agieren der berühmte „Herr Regisseur“ und die unbekannte Malerin einander von Anfang an ebenbürtig. Das erhöht den Genuss des Vergleichs – zwischen den Figuren ebenso wie zwischen den Episoden. Zumal die Botschaften, die sich aus dem mal behutsam vorantastenden, mal voranstürzenden Geschehen in die „treue Realität“ des Zuschauers mitnehmen lassen, höchst unaufdringlich formuliert sind. Eine könnte lauten: Wer seine herausgehobene Rolle nutzt, kann erst recht in ihr gefangen sein. Eine andere: Lächerlich ist nichts, komische Tränen am allerwenigsten. Oder: Zitierte Weisheit ist halbe Weisheit. Oder auch: Es war noch nie verkehrt, nachts einen spontanen Ausflug ans Japanische Meer vorzuschlagen, vor allem, wenn man gerade vor einem Zebrastreifen am anderen Ende des Landes steht.

Die schönste Szene zwischen den zweimal 60 Minuten einander umtänzelnden Chun-su und Hee-jung spielt übrigens im Kino, wo sonst. Sie ist kurz, und der Film selber wirft bloß seine Helligkeit auf zwei glücksentzündete Gesichter. PeterLicht würde dazu wohl die zarte Zeile „Letztes, letztes Leuchtfeuer“ singen: Sie geht seiner Hymne auf die Wirklichkeit voran.

In Berlin in den Kinos Sputnik und fsk (jeweils OmU)

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