Großes rumänisches Autorenkino : Viorel lebt hier nicht mehr

Stiller Thriller: Der Rumäne Cristi Puiu erzählt in „Aurora“ von 48 Stunden im Leben eines Mannes, dem die familiären und gesellschaftlichen Beziehungen abhanden kommen. Bis ein Mord geschieht.

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In der südöstlichen Peripherie Europas, die derzeit so viele schlechte Nachrichten bereithält, geschehen noch Zeichen und Wunder. Filmwunder sind es, an die sich der Bildersüchtige hält – neuerdings an das griechische, zuvor und weiterhin an das rumänische. Diese Arbeiten bestechen durch abenteuerlich erdachte minimalistische Plots, dargeboten in bis zum ästhetischen Extremismus gehender formaler Strenge. Und zugleich leuchten sie – den Widerspruch lösen sie beiläufig auf – in ausgesucht düsteren Farben.

Cristi Puiu ist einer der Rumänen, die die Nouvelle Vague ihres Heimatlandes mitbegründet haben. 2005 machte er in Cannes mit „Der Tod des Herrn Lazarescu“ international auf sich aufmerksam. Und gewann mit der stocknüchtern erzählten nächtlichen Odyssee eines alten Trinkers durch die Bukarester Kliniken sogleich den Preis der Nebenreihe „Un certain regard“ – zwei Jahre, bevor Cristian Mungiu mit dem Abtreibungsdrama „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“ die Goldene Palme holte.

Nun also „Aurora“: Ein Witz von Morgenröte ist es, die da im Titel beschworen wird. Drei Kinostunden reisen wir durch die innere Nachtwelt eines Mittvierzigers namens Viorel (gespielt von Cristi Puiu selbst), und seinen Namen erfahren wir so zufällig wie seine familiären Zusammenhänge, wenn denn in diesem zerfetzten Leben von Zusammenhängen noch die Rede sein kann. Er wolle nicht Filme drehen, hat Puiu gesagt, sondern „visuelle Produkte erschaffen, die der Realität gleichen“. Und wie ist diese Realität? Grotesk, dumpf, ein Leerlauf, böse – und sperrig gegen Geschichten.

Allenfalls rückwirkend lässt sich Viorels Drama erschließen, ins Ungefähre. Zwei kleine Töchter hat er, in Scheidung lebt er, oder ist er schon geschieden, kuriose Schwiegereltern hat er, bei denen er ein und aus geht, oder ist es die Mutter mit neuem Partner, eine Wohnung renoviert er, aber ist er schon oder noch zu Hause darin? Längst streunt Viorel zwischen den Welten, Tagen und Nächten, ein Gestrandeter zwischen Stadtbehausungen und urbaner Randbrache – und eine doppelläufige Flinte besorgt sich so ein Heimatloser eines Tages auch.

Was aus all dem Wenigen folgt, ist ein Thriller der rumänischen Art. 48 Stunden im Leben Viorels in gefühlter Realzeit. Plansequenzen mit gelassen nachführender Kamera. Blicke wie von fern durch Türeinfassungen in Flure, vermüllte Zimmer, Küchenzeilen: atemnehmende Ansichten jener Käfigwelt, durch die wir seltsamen Säugetiere in Gehäusen oder unter freiem Himmel gehen. Bis ein Handeln oder auch nur ein Kettenreagieren, das man Mord nennen muss, reift in einem Kopf. Eines, wofür es den Begriff Beziehungstat gibt. Wenn das Wort nicht so hässlich unvollkommen die völlige Losgelöstheit dieses Menschen von den Menschen widerspiegeln würde.

Erst schweigt Viorel. Nach einer Weile lässt er sich hin und wieder zum Reden nötigen. Aber die Wörter, so kontrolliert er die Sätze auch herauspresst, wollen immer weniger zueinander passen, je mehr es ihn ins Tun hineintreibt. Und dann verschont dieser Mensch, der sich selbst nicht verschont, doch noch jemanden. Wer daraus Hoffnung schöpfen mag, sei herzlos dazu eingeladen.

„Aurora“: Welch weiter Weg vom sarkastischen Blick auf das Krankenhauswesen im „Tod des Herrn Lazarescu“ bis zu diesem Mondgesteinsbrocken von Film, und mit welcher Kraft treibt es ihn in seine finale Implosion. Als vollende sich das wirklichkeitswütige, alltagsrohe rumänische Kinowunder erst in dieser grandios peinigenden Seherfahrung. Keinerlei Funken mehr, aber welche Glut.

Im fsk am Oranienplatz