Kultur : Gudrun Gut: Campino war mein Kabelträger

Heiko Hoffmann

Manche Wünsche erfüllen sich spät. "In die Hitparade würden wir trotzdem gerne!", verkündete 1980 das Berliner Underground-Trio Mania D in einem Interview mit der Musikzeitschrift Spex. Kurze Zeit später wurde aus Mania D die Band Malaria!, und auch wenn die ZDF-Hitparade heute nicht mehr existiert: In ihrem zeitgemäßen Aquivalent Top Of The Pops wurde gerade erst der Malaria!-Hit "Kaltes Klares Wasser" groß gefeiert. In die Charts gelangte das Stück mit rund zwanzigjähriger Verspätung. Dass alte Stücke in neuem Remix-Kleid wiederentdeckt werden, gehört mittlerweile zum Pop-Alltag. Dass sie dann erfolgreicher sind als die Original-Version, passiert eher selten und fast immer haben die Original-Künstler dann wenig damit zu tun.

Bei dem Erfolg von "Kaltes Klares Wasser" war das anders. Die Malaria!-Gründerin Gudrun Gut wollte fürs neue Jahrtausend neue Remixe ihrer alten Songs und beauftragte damit das Trio Chicks On Speed. "Die Chicks sind Frauen, die das machen, wozu sie Lust haben. Sie sind fordernd und modern. So wie Malaria! es waren." Das Resultat schlug besser ein als erwartet: "Kaltes Klares Wasser" wurde zu einem Hit in den Clubs, dann auch im Radio und im Musikfernsehen.

Demokratie funktioniert nur zu zweit

Gudrun Gut hatte bereits als Teenager in Celle, ihrer Heimatstadt, in einigen Bands gespielt. Ende der siebziger Jahre zog sie nach Berlin, um an der HdK das neu eingerichtete Fach Visuelle Kommunikation zu studieren. Nebenbei arbeitete sie im Schöneberger Plattenladen Zensor und gründete zusammen mit Bettina Köster und Beate Bartels die Gruppe Mania D. Zwei Jahre später verließ Bartels die Band, und Gut und Köster gründeten 1981 Malaria!, als Verstärkung holten sie Christine Hahn, Manon Duursma und Susanne Kuhnke dazu. "Wir waren keine besonders demokratische Gruppe", erinnert sich Gudrun Gut, die Schlagzeug und Gitarre spielte. "Bettina und ich haben Malaria! gegründet und auch die Entscheidungen getroffen. Das war zu zweit schon schwierig genug. Zu fünft wäre es unmöglich gewesen."

Malaria! wurden als intensiv und unnahbar, als androgyn und kalt beschrieben. Ihre düstere, repetitive Musik erfreute sich aber schon schnell einer wachsenden Beliebtheit, nicht nur in Deutschland: Ihre Platten wurden von belgischen, englischen, amerikanischen und japanischen Firmen lizenziert. Der einflussreiche DJ John Peel von der BBC lud die Frauen zu einer Radiosession ein, Malaria! spielten mit Gruppen wie Siouxsie and the Banshees, New Order und Nick Cave, die Toten Hosen waren eine zeitlang ihre Roadies. Zu den Höhepunkten zählte ein Auftritt mit Nina Hagen in der New Yorker Disco Studio 54. "Der Laden hatte seine besten Jahre zwar schon hinter sich, zu unserem Auftritt kamen aber trotzdem 2000 Leute", erzählt Gut. "Es war ein ziemlich wildes Konzert."

Zwischen Studio 54 und SO 36 nahmen Malaria! das Album "Emotion" auf. 1984 trennte sich die Band, Bettina Köster ging nach New York, Gudrun Gut blieb in Berlin. Ende der 80er hatte auch Gut genug von der Stadt. "In Berlin war es unheimlich eng geworden. Alles war sehr festgetreten. Ich wollte weg! Doch dann kam die Maueröffnung und ich blieb." Gudrun Gut knüpfte Kontakte zur entstehenden Techno-Szene. Produzenten und DJs wie Dr. Motte, Westbam und Moritz von Oswald bearbeiteten erstmals die Malaria!-Originale. Und Mark Reeder, der ehemalige Manager der Band, veröffentlichte sie auf seinem Label MFS. Gudrun Gut selbst arbeitete an Spoken-Word-Platten und Aufnahmen mit Blixa Bargeld und Anita Lane.

1995 erscheint ihr Album "Members Of The Ocean Club" und stellt sich als folgenreich heraus. "Ich hatte keine Lust mehr, in einer Band zu spielen", sagt Gut, "wollte aber auf der anderen Seite auch keine Solo-Platte machen. Also habe ich mich für dieses Projekt mit befreundeten Musikern wie Katharina Franck und Inga Humpe zusammengetan." Aus der Platte wird eine Clubveranstaltung (zunächst im Tresor, mittlerweile im WMF) und schließlich eine wöchentliche Radiosendung auf Radio 1. Gemeinsam mit dem Produzenten Thomas Fehlmann und weiteren Künstlern und DJs bietet der Ocean Club seitdem eine ebenso unterhaltsame wie spannende Mischung aus Hörspielen und elektronischer Musik abseits der ausgetretenen Pfade.

Das große Strand-Gefühl

Erweitert werden die Ocean Club-Aktivitäten seit 1997 durch die Projekte von Monika, Gudrun Guts eigenem Label, auf dem sie Platten von Künstlern der Berliner Wohnzimmer-Szene wie den Quarks und Barbara Morgenstern veröffentlicht. Demnächst erscheint dort auch Alexandras Schlagerhit "Mein Freund der Baum" - in der neuen Version des Produzenten Pole und der Sängerin Manuela Krause. "Ich habe das Label gegründet, weil ich gerne meine eigenen Erfahrungen als Musikerin weitergeben und tolle Platten herausbringen wollte. Vor 20 Jahren habe ich das schon mal mit dem Malaria!-Label Moabit gemacht. Jetzt möchte ich das auch mit anderen Künstlern", sagt Gudrun Gut. Trotz verbesserter Infrastruktur, meint Gut, haben es junge Musiker heute schwerer. "Bands werden zunehmend stärker über Marketing und Promotion gemacht. Ohne ein großes Budget dauert es also verdammt lange, wahrgenommen zu werden. Damals ging das viel schneller. Das Publikum, das sich etwa Barbara Morgenstern über eine lange Zeit aufgebaut hat, hatten wir damals schon in einem Jahr."

Mit ihren vielseitigen Aktivitäten gehört Gudrun Gut zu den wenigen Berliner Musikern der alten Szene. Gruppen wie die Einstürzenden Neubauten, Fehlfarben oder DAF sind noch immer aktiv und können sich nach wie vor für neue Einflüsse begeistern. "Viele Leute aus der Zeit sind mit dem Rahmen glücklich, den sie sich selbst einmal gesteckt haben", sagt Gut. "Meine Sache ist das nicht."

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