Gudrun Okras : Die Glaubhafte

Die pflegeleichte Oma war ihre Sache nicht. Gudrun Okras zeigte in ihren Altersrollen, was Erfahrung kostet: dass Alter nicht nur weise macht, sondern auch ungerecht, knurrig, gar hinterhältig. Glaubhaft war Okras in jeder Rolle. Zum Tod der Schauspielerin.

Christoph Funke
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Gudrun Okras. -Foto: dpa

In den Rollenbereich der „Großen Mütterlichen“ vorzustoßen, ist für ältere Schauspielerinnen ehrenhaft – und gefährlich. Das war auch bei Gudrun Okras so. Und doch hat sie sich an die Gütigen, Lebenserfahrenen, auch Verschrobenen nicht widerstandslos hingegeben. Sie bestand auf Listigkeit und Humor, auf Widerspenstigkeit. Die pflegeleichte Oma war ihre Sache nicht. Sie zeigte in ihren Altersrollen, was Erfahrung kostet: dass gelebte Jahrzehnte nicht nur weise machen, sondern auch ungerecht, knurrig, gar hinterhältig. Sich selbst gegenüber blieb Gudrun Okras kritisch, und diese Haltung gab sie an ihre Rollen weiter.

Als Theaterschauspielerin hat die gebürtige Berlinerin an vielen Bühnen gearbeitet: von 1952 bis 1959 an der Berliner Vaganten Bühne, danach vor allem in Dessau, Leipzig, Stralsund und Dresden. 1984 übernahm sie in Ralf Kirstens Defa-Film „Wo andere schweigen“ die Rolle der Clara Zetkin. Das war der Beginn einer Filmkarriere, die ihr immer neue und doch ähnliche Aufgaben bescherte: die Großmütter, Wirtinnen, Hauswirtschafterinnen, Stadtstreicherinnen. Glaubhaft war Gudrun Okras, füllig von Gestalt, mit dunkler Stimme, in jeder Rolle.

Die zur Zeit der Filmhandlung 75-jährige, fast erblindete Clara Zetkin spielte Gudrun Okras mit 54 Jahren. Sie gab der aus dem Moskauer Exil zurückgekehrten Revolutionärin einen grimmigen Trotz, aber auch kluge politische Einsicht. Der russische Dramatiker Michail Schatrow hatte das Drehbuch des mit Unterstützung des Moskauer Gorki Studios produzierten, von Klischees nicht freien Films geschrieben. Aber der Mut, Clara Zetkin in den Mittelpunkt zu stellen, zahlte sich aus. Denn Gudrun Okras spielte nicht nur die Tapfere, die das Recht der Eröffnungsrede als älteste Abgeordnete des Reichstages unter Lebensgefahr wahrnimmt, sondern eine nachdenkliche ältere Frau, die das kommende Unheil ahnt.

Die Schauspielerin zeigte die tragische Nähe von persönlichem Schicksal und politischem Geschehen in der Figur der Frauenrechtlerin. Sie spielte eine vom Leben gebeutelte Mütterliche, die dennoch stark bleibt. Ihre Leistung gab dem Film das Gepräge. Dabei war es zu seiner Entstehungszeit nicht leicht, dem Abziehbild einer proletarischen Kämpferin zu widerstehen. Gudrun Okras meisterte die Aufgabe und bahnte sich den Weg für viele interessante Rollen in der Zeit nach 1989, auch in populären Fernsehserien wie „Dr. Sommerfeld – Neues vom Bülowbogen“. Ihre zupackende Klugheit, ihr Vertrautsein mit den Ängsten und dem Glück des Lebens blieben gefragt. Am Donnerstag ist Gudrun Okras im Alter von 79 Jahren gestorben.

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