Günter Grass und Martin Walser : Über die narzisstische Gekränktheit alter Männer

Ihre Handlungen sind selbstdestruktiv: Sie widersprechen ihren bewussten politischen Zielen, beschädigen ihr öffentliches Ansehen und lassen Zweifel an ihrer moralischen Integrität aufkommen.

Hans-Jürgen Wirth
Tagelang schwieg Grass zum gegen ihn verhängten Einreiseverbot, dann meldet er sich zu Wort und legt gleich neues Feuer nach. Er spricht von DDR-Methoden, Zwangsmaßnahmen und vergleicht die israelische Regierung mit der Stasi.Weitere Bilder anzeigen
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11.04.2012 19:53Tagelang schwieg Grass zum gegen ihn verhängten Einreiseverbot, dann meldet er sich zu Wort und legt gleich neues Feuer nach. Er...

„Wer in seiner Jugend nicht Sozialist war, hat kein Herz, wer es im Alter noch immer ist, hat keinen Verstand!“ Die Volksweisheit formuliert die Erfahrung, dass man die Dinge im Alter oft gelassener sieht. Günter Grass widerspricht diesem Muster ebenso offensichtlich, wie es sein Schriftstellerkollege Martin Walser mit der Friedenspreisrede 1998 getan hat. Welcher Hafer hat sie gestochen, dass sie den Popanz einer „fast gleichgeschalteten“ Medienmacht aufbauen müssen, um sich dieser Übermacht dann heroisch entgegenzustemmen?

Beide, Grass und Walser, genießen Weltruhm. Sie wurden für ihr literarisches Werk vielfach ausgezeichnet, bewundert und als moralische Autoritäten geachtet, denn ihr gesellschaftspolitisches Engagement und ihre kritische Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands wurde ihnen hoch angerechnet. Im Alter kam es dann bei beiden zu Skandalen, die jeweils zwei Höhepunkte hatten. Im ersten Anlauf entfachte Walser mit seiner provokanten Dankesrede auf die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels die Walser-Bubis-Debatte, in der er sich uneinsichtig zeigte. 2002 setzte er mit seinem Schlüsselroman „Tod eines Kritikers“ noch eins drauf, indem er Marcel Reich-Ranicki in der kaum verhüllten Figur eines jüdischen Literaturkritikers zum Opfer eines Mordanschlags machte. Reich-Ranicki sagte dazu noch im Mai 2010: „Ich halte ihn nicht für einen Antisemiten. Aber es ist ihm wichtig, darauf hinzuweisen, dass der Kritiker, der ihn angeblich am meisten gequält hat, auch noch Jude ist ... Sehen Sie, es hat von Grass nie eine antisemitische Zeile oder Bemerkung gegeben, keine einzige. Und über dessen Bücher habe ich gewiss nicht nur positiv geschrieben.“

In Bezug auf Grass sollte sich Reich-Ranicki getäuscht haben. 2006 löste Grass mit dem späten Bekenntnis, als 17-Jähriger zur Waffen-SS gehört zu haben, eine Debatte über seine Rolle als moralische Instanz in der Bundesrepublik aus. Sechs Jahre später nun sein Gedicht, in dem er vor Israel als einer Gefahr für den Weltfrieden warnt. Beide Schriftsteller handeln in der Überzeugung, nicht nur im Recht zu sein, sondern zur Wahrung ihrer Identität gar nicht anders handeln zu können, nach dem Motto: „Hier stehe ich und kann nicht anders.“ Beide sind unbelehrbar, halsstarrig, selbstverliebt. Die Tragik besteht in der trotzig zur Schau gestellten Uneinsichtigkeit, der Weigerung zur Reue und der Selbstinszenierung als Opfer.

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Walser und Grass agieren in hohem Maße politisch destruktiv. Ihre Verwendung antisemitischer Stereotypen könnte in Deutschland latent vorhandene Ressentiments nähren, findet bei den Ultrarechten offenen Beifall und spielt in Israel den Scharfmachern in die Hände. Allerdings entsprechen diese Auswirkungen nicht den öffentlich vertretenen Auffassungen der beiden. Sie sind keine ausgewiesenen Antisemiten. Insofern sind ihre Handlungen in hohem Maße selbstdestruktiv: Sie widersprechen ihren bewussten politischen Zielen, beschädigen ihr öffentliches Ansehen und lassen Zweifel an ihrer moralischen Integrität aufkommen.

Dass beide in einem zweiten Anlauf die erste Entgleisung noch überbieten, lässt auf einen unbewussten Wiederholungszwang schließen. Sie stehen im Bann eines inneren Konflikts, den sie ausagieren müssen, koste es, was es wolle. Grass artikuliert diesen inneren Zwang im Titel seines Gedichts: „Was gesagt werden muss“.

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