Hanns Zischler über 50 Jahre Peter Szondi-Institut : Lesen lernen in Dahlem

Über den Wassern der Zeit: Der Schriftsteller Hanns Zischler erinnert sich an das Peter Szondi-Institut.

Hanns Zischler
Hanns Zischler.
Hanns Zischler.Foto: Mike Wolff, Tsp

Hören. Zuhören. Ein murmelnder Bach, unaufhörlich sprudelt es aus ihm hervor, sanft, bestimmt, von einem kaum wahrnehmbaren Atem getragen, für unsere jungen Ohren ungewohnt die Prosodie des Französischen; wer ihn vernehmen und verstehen will, muss sich höchster Aufmerksamkeit befleißigen, den Blick nicht abwenden, wie die Taubstummen es untereinander tun, Lippenlesen.

Derrida spricht über Mallarmé. Double séance. („Crayonné au théâtre“? Eine sehr alte Fotokopie fällt mir in die Hand: „Es ist spielt man mit dem Feuer] eine Kunst, die einzige oder reine, die auszudrücken Aufführen bedeutet: Es schreit seine Traktate durch die Stimmröhre der Ausübung“). Es nachlesen und entziffern und darüber verzweifeln wird man später, für den Augenblick tänzeln die Wörter als kleine Bojen der Erinnerung auf dem Wasser der Zeit.

Der diskrete, fast scheue Gerhard Goebel wartet mit einer Übersetzung von Mallarmés Gedichten auf; Henriette Beese kann, was sie, mit dem absoluten Gehör der Übersetzerin betraut, leistet und herstellt, auch noch gestisch und stimmlich unterfüttern – und mit einem Lachen aus sich herausschütteln: Renaissancegedichte; 1980 übersetzt sie mit überwachem Ohr für den Alpheus Verlag, den Brigitta Restorff und ich gegründet hatten, „Das Buch der Fragen“ von Edmond Jabès (einer Anregung von Derrida folgend). Kiebitzweg, der Name allein hat eine exotische Färbung, a distinctive feature, wie der Vogel und die Gegend selbst, am Rand der Großstadt. Der gehaubte Sänger, ein accent grave als Kopfputz. Eine freie, wahrhaftig Freie Universität, die sich in schmale Wege verläuft und dort überwintert.

Szondis Stimme, auch sie zurückhaltend, fast nachdenklich, nachfragend, weiches Timbre, als würde sie von einer anderen, dunkleren, unhörbaren Stimme eingehüllt. Ernst und skeptisch blickt er mich an, fast ungläubig, als Sam Weber ihm im Ton seines euphorisch genuschelten, newyorkerischen Deutsch eröffnet, ich würde zusammen mit Hans-Jörg Rheinberger Derridas „Grammatologie“ übersetzen, als hätte er einen Coup gelandet. Wie wir denn dazu kämen?!

Dunkle Erinnerung, ein düsterer Augenblick, als Szondi nach der Vorstellung von „Tasso“, den die aus dem Westen hereingestürmte Truppe in der Schaubühne am Halleschen Ufer gibt, verstört und fast empört über den hier entfalteten Manierismus den Kopf schüttelt und den einhelligen Applaus nicht teilen will. Dass ich schon zwei Jahre später an diesem Haus für gut zwei Jahre arbeiten sollte, undenkbar. Werner Hamacher beschenkt mich, als ich Anfang der 80er Jahre einen Filmessay über Kafkas „Amerika“ für den WDR drehe, mit einem virtuosen, einem einzigartigen Auftritt: „Ich soll Delamarche sein“, wo er auf dem Balkon der Grunewaldstraße stehend, in Anlehnung an die Balkonszene des Romans, zwischen Robinson, Delamarche und Karl Rossmann, so etwas wie Literaturwissenschaft live aufführt – er liest vor, Celans „Frankfurt. September“, in dem Kafkas „Zum letzten-/mal Psycho-/logie“ zitiert wird und am Ende von jenem K die Rede ist, womit sowohl Karl Rossmann als auch Josef K vom Autor ausgestattet werden, dem „Kehlkopfverschlusslaut“, schließlich das von Kafka beschriebene Ausgestoßensein, als er nächtens auf die Pawlatsche gesperrt wird, das sich fortsetzt in jenem „Negro“ des Schlusskapitels, das von einem „nec ego“, einem „Nicht-Ich“ in eine Nekrose übergeht: „Schreiben als die Illuminierung eines Leichnams“ (FK); Hamacher trägt das in seinem fast sängerisch entschiedenen Ton vor. Stephan Broser, ein verschwiegener, unendlich skrupulöser Leser, der Jahre später Freud lesen wird – „Flugsand um die Sphinx“, von Maria Torok nachdrücklich empfohlen –, als wäre es ein Buch voller Wasserzeichen, deren Gestalt und eingeprägter Sinn erst im Gegenlicht der Lektüre zutage treten.

Lektüren und die Lust, lesen zu lernen: Marlies Janz’ „Vom Engagement absoluter Poesie – Zur Lyrik und Ästhetik Paul Celans“, 1974, öffnet die Augen, nachdem Szondis posthum erschienene Celan-Studien zwei Jahre zuvor eine Lichtung geschaffen hatten durch das verwirrende Gerede von der vermeintlichen Esoterik des Dichters. Szondis Lektüre von „Eden“ wird man immer wieder lesen müssen. Wolfgang Fietkaus Schwanengesang auf 1848, worin Karl Marx als ein Baudelaire gleichrangiger Schriftsteller zu Ehren kommt. Nur meinen Namen mit einem point d’exclamation hat Derrida hinter das erste Buch – „ENVOIS“ – in mein Exemplar von „La Carte Postale“ geschrieben, als ich ihn besuchte, gerade zu der Zeit, 1980, als der unermüdlich suchende und unermüdlich findige Peter Krumme mich zur gemeinsamen Übersetzung des Essays „Scribble. Schreiben/Macht“ animiert hatte.

Peter, mit Feuereifer, mit juchzender und jubelnder Begeisterung über die aufragenden Stimmen aus den Chören der Literatur, die er „heraushörte“, uns hörbar machte, das Handwerk des Übersetzens (griechische Tragödien, Französisches, Englisches) wie ein Meister beherrschte, uneinholbar generös, sich verschwendend und seine Fundstücke ausbreitend wie ein Wünschelrutengänger, am Frauenplan und im Orkus dieses Hauses ein- und ausgehend wie nur wenige. Später montieren wir aus der „Italienischen Reise“ ein Hörbild, verhandeln sogar in Rom – erfolglos – über eine Lesung, in der Stadt der Kultur-Zyniker, er ist ein Philologe des Zweifels, mit seiner wunderbar beredten Schreibhemmung begabt, ist er die leibhaftige Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft. Ich vermisse ihn sehr. Lektion, die bleibt, vor dem Schreiben, nach dem Schreiben: Lesen, Hören, Zuhören.

Dieser Text ist dem Jubiläumsband „Nach Szondi“ zum 50. Geburtstag des Peter Szondi-Instituts für Allgemeine und Vergleichende Literaturwisssenschaften entnommen (Kadmos Verlag, 544 S., 29,80 €).

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