Hans-Joachim Roedelius live : Kosmischer Kauz

Werkschau: Hans-Joachim Roedelius spielte im Berliner Haus der Kulturen der Welt mit Kollegen wie Arnold Kasar, Stefan Schneider und Christopher Chaplin.

Volker Lüke
Hans-Joachim Roedelius im Haus der Kulturen der Welt.
Hans-Joachim Roedelius im Haus der Kulturen der Welt.Foto: Stephanie Pilick

Krautrock, Ambient, Experimental, New Age, Neoklassik, Pop, Elektro, Pschedelic, Trance, Kosmische Musik, Kluster, Cluster, Qluster, Harmonia. Puh, geht's noch? Bei Hans-Joachim Roedelius purzeln die Musikstile, Bandnamen und Geräusche so munter durcheinander, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll, um dem Mann gerecht zu werden, der 1934 in Berlin geboren wurde und über die Musik hinaus auf ein bewegtes Leben zurückblicken kann, als ehemaliger Kinderdarsteller in Ufa-Filmen und späterer Republikflüchtling, der in West-Berlin als Physiotherapeut auch den Kabarettisten Wolfgang Neuss massierte und 1968 mit dem Konzeptkünstler Conrad Schnitzler den legendären Untergrund-Club "Zodiac Free Arts Lab" gründete.

Berühmt geworden ist er aber als Pionier der elektronischen Musik, der gemeinsam mit dem kürzlich verstorbenen Dieter Moebius jahrzehntelang das wegweisende Experimental-Duo Cluster betrieb und sich dabei vom kratzigem Geräusch zum sanften Pianotupfer druchgearbeitet hat. Mit fast 200 Tonträgern hat der 80-Jährige ein komplexes Werk geschaffen, das nicht mal seine größten Fans erfassen.

Brian Eno hat im HKW einen Raum für Roedelius gestaltet

Im Haus der Kulturen der Welt, das sich mit der Festivalreihe "LifeLines" dem Lebenswerk herausragender Künstlerpersönlichkeiten widmet, wird Roedelius nun vier Tage lang mit Filmen, Installationen, DJ-Sets und Konzerten gefeiert. Gegenwärtige Klangästheten wie Mouse On Mars greifen noch immer gerne auf den Cluster-Sound zurück, der früh mit elektronischen Studioeffekten und diversen Rauschzuständen experimentierte.

„Ihre Musik erscheint wie Einblendungen in kosmische Fahrten“, schrieb 1972 die Zeitschrift "Sounds", „man durchquert Atmosphären, fängt Impulse auf, die in Jahrhunderte dauernder Monotonie durch den Weltraum jagen". Maßgeblich beeinflusst hat ihr bekiffter Space-Sound auch Brian Eno, der im HKW einen dunklen Meditationsraum mit elektrisch flackernden Teelichtern aufgebaut hat ("Für Achim"). Der Brite hatte zeitweise mit Cluster in einer Kommune gewohnt, wo er mit den Musikern einige Platten aufnahm, die sich so gut verkauften, dass sie das Projekt über Jahrzehnte finanzierten. Dazwischen erweiterte sich das Gespann mit dem früheren Kraftwerk-Gitarristen Michael Rother zu Harmonia, über deren Debüt der englische Musiker Julian Cope in seinem Standardwerk „Krautrock Sampler“ schwärmt: "Wie eine himmlische Musik, die nur vorübergehend in der wirklichen Welt erklingt".

Passend dazu singt der Chor der Kulturen der Welt unter der Leitung von Barbara Morgenstern zum Auftakt eine tolle Version der Kantate "Mein teurer Heiland" von Kantor Johann Christian Roedelius, einem Vorfahren von Roedelius, der als Zeitgenosse Bachs Kirchenmusik komponiert hat. Dann setzt sich der Nachkomme ans Klavier und drückt einige bedächtige Akkorde aus den Tasten, so traumverloren wie ein Barpianist, dem niemand gesagt hat, dass der Laden längst geschlossen ist. Roedelius trägt ein Gedicht vor und lehnt sich locker an den Flügel, um in Begleitung des Pianisten Arnold Kasar einige Lieder zu singen, von denen er eines Tucholsky widmet, bevor er mit dem Keyboarder Tim Story und dem Cellisten Lukas Lauermann einen hermetischen Raum zum Wegdriften aufklappt: Ein Knistern und Klimpern mit wohlig entspannter Grundstimmung vor dem Hintergrund einer unsäglichen Videoprojektion, die uns mit kahlen Bäumen und braunen Blättern daran erinnert, dass der Sommer bald vorbei ist. Eine fast scheu inszenierte Musik zum Wegdösen, die aus dem Geist der Improvisation entsteht und sich zärtlich in den Kopf setzt.

In sich gekehrt forscht er den Tönen nach

Auch beim Auftritt von Roedelius mit Christopher Chaplin, dem jüngsten Sohn von Charlie Chaplin, schnurren die Klänge wie zufriedene Katzen, aber immer mit genügend Eigensinn, die Klippen des oberflächlichen Wohlklang-Kitsches zu umschiffen. Eine Qualität, die sich im Dialog mit Stefan Schneider fortsetzt, der die mit leichtfüßiger Energie gespielten Pianowellen von Roedelius mit dem mühsamen Keuchen einer Herz-Lungen-Maschine konterkariert, sanft hinweggetragen von einer pulsierenden Brumm-Motorik, die wie eine Dampfwalze auf Raumflug durch den Saal schwirrt. Dabei kommt zum Tragen, was dieses Konzert so besonders macht: Die Gnade, diesen Jahrhundertmusiker noch einmal erleben zu dürfen. Wie er in sich gekehrt den Tönen nachforscht und der inneren Musik den Weg nach außen öffnet, gleichgültig gegenüber allen Flurschäden, die er bei einer Million Chill-Out-Elektro-Fricklern angerichtet hat. Da steht er mit seinem melancholischen, kahl rasierten Cäsarenhaupt: Die graue Eminenz der deutschen Ambient-Elektronik, der letzte kosmische Kauz, der nimmermüde durch den Weltraum segelt und niemals landen will. Seine Weggefährten sind jung - jung geblieben und jung an Jahren. Ist das nicht schön?

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