Kultur : Hans Poelzig: Revolution in Schlesien

Bernhard Schulz

Der kulturelle Austausch zwischen Polen und Deutschland normalisiert sich nach den traumatischen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts erst allmählich. Die polnischen Kulturwochen in Berlin, die am heutigen Montag eröffnet werden, müssen noch immer als Pinonierarbeit gelten. Gerade die Beschäftigung mit Kunst und Künstlern in den ehemals deutschen, heute polnischen Gebieten fiel jahrzehntelangem Tabu anheim. Der Architekt Hans Poelzig etwa, als Professor und alsbald Direktor der Kunst- und Kunstgewerbeschule in Breslau zwischen 1900 und 1916 eine der herausragenden Figuren, wurde bislang meist mit seinen späteren Arbeiten - wie dem Berliner "Haus des Rundfunks" an der Masurenallee - wahrgenommen. Das umfangreiche Frühwerk hingegen fand mangels Ortskenntnis nur kursorisch Erwähnung.

Umso beeindruckender fällt die Forschungsleistung aus, die jetzt ein deutsch-polnisches Team um Jerzy Ilkosz und Beate Störtekuhl in Gestalt einer Wanderausstellung und einem wuchtigen, 600 Seiten starken Katalog zur Breslauer Tätigkeit Poelzigs vorlegt. Zwar hatte bereits das Auftauchen eines gewichtigen Zeichnungskonvoluts aus dem Nachlass 1988 die Kenntnis von Poelzigs Frühwerk merklich vertieft. Aber erst die jetzige Ausstellung stellt den Architekten im Vergleich von Entwurf, Ausführung und heutigem Zustand angemessen vor. Bedauerlicherweise kommt sie nicht nach Berlin - wo doch der Nachlass in der Plansammlung der hiesigen TU betreut wird. Sie ist statt dessen, nach ihrer Premiere in Breslau, in Dresden zu sehen, für Poelzig als Stadtbaurat der Elbestadt zwischen 1916 und 1920 nur eine Zwischenstation auf dem Weg ins heimatliche Berlin. Im Japanischen Palais, dem Sitz des Landesmuseums für Vorgeschichte am jenseitigen Elbufer, wird die übersichtliche Ausstellung kaum ihren verdienten Zuspruch finden.

Sie zeigt nur auf den ersten Blick allein das Werk des Architekten. Zugleich skizziert sie nämlich ein Panorama des Kunstlebens in der schlesischen Metropole, das durch die Zeitläufte weitgehend im Dunkel der Geschichte versunken schien. Poelzigs Mitarbeit an der Gestaltung der "Jahrhundertausstellung" von 1913 - zum Jubiläum der von Breslau aus eingeleiteten Befreiungskriege -, die bislang hinter der dominierenden Rolle des Breslauer Stadtbaurats Max Berg zurückgestanden hatte, kommt ausführlich zur Darstellung. Mit dem Architekten und Mitbegründer des "Künstlerbundes Schlesien" kommt Max Reinhardt ins Bild, der wiederum das Festspiel des in Schreiberhau ansässigen Gerhart Hauptmann in der Jahrhunderthalle Max Bergs inszenierte.

Neben der industriellen Konstruktion dieser Festhalle nehmen sich die Entwürfe Poelzigs für die weitläufigen Pavillonanlage der Historischen Ausstellung seltsam klassizistisch aus. Genau das wurde ihm von einer jüngeren Generation auch vorgehalten - die freilich den kühnen Einsatz von Sichtbeton übersah. Poelzigs Werk lässt sich nicht auf einen Nenner bringen. Begonnen hat er mit denkmalpflegerischen Arbeiten wie der Erweiterung des Rathauses von Löwenberg, ab 1906 folgen dann Industriebauten, die ihn als "revolutionären Modernisten" - so sein Biograf Theodor Heuss - ausweisen. Erst nach dem Krieg folgte die bekannte expressionistische Phase mit dem Großen Schauspielhaus in Berlin, und Ende der zwanziger Jahre zählte Poelzig zur Neuen Sachlichkeit.

Freilich war und blieb er ein Meister von Raumschöpfung und Materialbehandlung, und die jetzige Ausstellung macht deutlich, wie vielfältig er beides einzusetzen wusste. Singuläre Leistungen wie die - weitgehend erhaltene - Chemiefabrik in Luban oder der Ausstellungsturm in Posen (beide 1911) werden künftig deutlicher vor Augen stehen. Eine Entdeckung ist das Geschäftshaus in der Breslauer Junkernstraße, das die gekurvten Fassaden und waagerechten Fensterbänder des gebürtigen Oberschlesiers Erich Mendelsohn um 15 Jahre vorweg nimmt. Zur Wiederentdeckung Schlesiens als Schauplatz der künstlerischen Moderne ist die Poelzig-Ausstellung jedenfalls ein kraftvoller Schritt.

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