"Happy End": Neuer Roman von Joachim Lottmann : Lottmann über Lottmann

Böse, komisch, inkorrekt: Joachim Lottmann plaudert in „Happy End“ aus seinem Privat- und Schreiberleben - und lästert über seine Schriftstellerkollegin Anna-Katharina Hahn.

von
Herr Lottmann, noch in etwas jüngeren Jahren. Aufnahme von 2004
Herr Lottmann, noch in etwas jüngeren Jahren. Aufnahme von 2004Foto: imago

Joachim Lottmann ist ein lustiger Zausel. Kaum war sein neuer Roman „Happy End“ veröffentlicht und hie und da sogar vorab gewürdigt worden, musste er all das gleich in seinem Blog „Auf der Borderline nachts um halb eins“ kommentieren. Das tat er, indem er zwei Interviews mit sich selbst führte und sich fragte, ob er nun glücklich sei nach der ersten wohlwollenden Resonanz. Und er antwortete: „Eher überrascht. Ich habe ja schon bessere Bücher geschrieben.“ Oder Lottmann fragte Lottmann: „Sind sie böse?“–„Das bin ich schon oft gefragt worden.“– „Und sind Sie es?“– „Nein.“

Allerdings liest „Happy End“ sich stellenweise so, als wolle der 1954 oder 1956 geborene Lottmann, der selbst ernannte, ewig ungekrönte Erfinder der Popliteratur, der selbst ernannte Diederichsen-und-Biller-Student, nun endlich seinem vergangene Woche mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichneten Kollegen Rainald Goetz recht geben. Der hatte schon in seinem 1998 geführten Internettagebuch „Abfall für alle“ eingeräumt, nach einer treffenden Analyse von Lottmanns Wirklichkeits- und Gegenwartsbegriff, „Angst“ vor Lottmann zu haben. Eine solche Angst, wie Goetz schrieb, „dass ich mir irgendwann dachte: Dieser Mensch ist wirklich böse“.

Warum vergab Lottmann den Koeppen-Preis 2012 an Anna-Katharina Hahn?

Und tatsächlich: So lustig, schön quatschig und selbsterklärend Lottmanns fiktive Lottmann-Interviews sind, so gemein und böse ist sein neuer Roman. Auf der vergnüglich verplauderten Oberfläche von „Happy End“ merkt man das zunächst gar nicht. Lottmann erzählt – das macht er gerne, seit seinem Debütroman „Mai, Juni, Juli“ aus den achtziger Jahren – notdürftig fiktionalisierte Geschichten aus seinem Privat- und Schriftstellerleben.

In diesem Leben hat es in den vergangenen Jahren zwei einschneidende Ereignisse gegeben: Er hat eine Frau kennengelernt, mit der er in Wien zusammenlebt. Elisabeth heißt sie in „Happy End“, hier meist nur „Sissi“ genannt. Und Joachim Lottmann hat 2010 endlich einmal einen Literaturpreis bekommen, den Wolfgang-Koeppen-Preis, der alle zwei Jahre verliehen wird und dessen einziger Juror stets der aktuelle Preisträger ist.

Sibylle Berg, Koeppen-Preisträgerin 2008, hatte sich kühnerweise für Lottmann als Nachfolger entschieden. Und der wiederum sorgte dafür, dass 2012 der Preis an die Stuttgarter Schriftstellerin Anna-Katharina Hahn ging. Warum aber? Das weiß Joachim Lottmann selbst nicht mehr so genau.

Von diesem Preis handelt nun auch „Happy End“, und in diesen Passagen zeigt Lottmann sich in Bestform. Er hat da ein echtes Thema, von der Wahl eines Nachfolgers oder einer Nachfolgerin bis hin zu seiner Preisrede. Vor allem seine Elisabeth ist es, „man muss sie sich als die hübschere Version der mittleren Susan Sonntag vorstellen“, die ihn auf die Spur von Hahn bringt, die in „Happy End“ bezeichnenderweise Sara-Rebecka Werkmüller heißt. Er selbst kann sich nämlich vor lauter Kandidaten von Tex Rubinowitz bis Thomas Meinecke kaum entscheiden: „Ich wusste nur noch, dass Elisabeth eine Autorin namens Sara-Rebecka Werkmüller oder so, ein Doppelname, ganz besonders gut gefallen hatte.“

Es folgen diverse, mitunter sehr komische, mitunter fiese Auslassungen über die zukünftige Koeppen-Preisträgerin und ihren Roman „Lebensschwärze“, aus dem Lottmann genüsslich zitiert – oder besser natürlich sein Ich-Erzähler Johannes Lohmer. Der Fiktion soll ja Genüge getan werden, ein bisschen davon muss immer her, ist doch ein Roman! Nur soll man, das ist die Lottmann-Literatur-Präambel, bei der Lektüre die ganze Zeit Lottmann selbst vor Augen haben, die Lottmann-Wirklichkeit, die von ihm solcherart verdreht und verfälscht wird, dass sie wieder auf sich selbst zurückfällt.

Lottmann gibt Berlin ein paar mit, aber auch seinem "Zweisamkeitsparadies"

Weshalb die Werkmüller-Passagen gezielt an Hahn und ihren real existierenden Roman „Am schwarzen Berg“ erinnern. Und so wissen Lohmer/Lottmann: „Die Person war genauso ungenießbar wie die sogenannte Prosa, die sie schrieb.“ Oder: „Die Sätze sind meistens nur formal richtig bei der Werkmüller, nicht aber vom natürlichen Empfinden her. Es sind Sätze, die entstehen, wenn man sie zehnmal umschreibt und die intuitive Verbindung zu ihnen verliert. (...) „Es sind Kopfgeburten, die noch nicht einmal wissen, dass sie das sind.“

Diese Boshaftigkeit ist durchaus unterhaltend – wann zieht ein Autor schon einmal so über jemand anders aus der eigenen Branche her? Zumal nicht zuletzt Sibylle Berg als Sibylle Berg einiges abbekommt und am Ende auch die ach so geliebte, aber enorm eifersüchtige „Sissi“ an des Schriftstellers Seite. Starke Frauen braucht das Land nun, das Lottmann-Land sowieso.

Ansonsten hat „Happy End“ wenig zu erzählen. Wie ein Schriftsteller das Nichts mit nichtigen Worten ausmalt, das ist die Metaebene dieses Romans. Das ausgefüllte Liebesleben inklusive einer Italienreise hat Lohmer der Notwendigkeit des Schreibens beraubt. Was unter anderem dazu führt, dass Lottmann sich in Textzweitverwertung übt, mit kursiv gesetzten Zeitungstexten und -kolumnen. Ein Buch will gefüllt werden. 405 Seiten, so stellt er es sich vor – und schafft 350. Mit zunehmend lockereren Plaudereien: Lottmann teilt hier aus (Berlin, na klar, Lieblingsthema) und dort (die Medien, die Krise, das gefährliche „Zweisamkeitsparadies“), oder er macht sich Gedanken über Alter und Jugend (Wien versus Berlin!).

Manches macht Spaß, manches ist gähnend langweilig, manches öde inkorrekt. Und so lässt sich konstatieren: Selbst in Lottmanns inzwischen aus neun veröffentlichten Romanen bestehendem Werk (Ja, der Mann ist ein wahrer Herr Werkmeier!) gibt es Höhen und Tiefen. Bisweilen sagt eben selbst Joachim Lottmann die Wahrheit, überholt sogar ihn die Wirklichkeit: Er hat schon bessere Bücher geschrieben. „Happy End“ reicht, bei aller Perfidie, aller das Lottmann-Schreiber-Nichts schon umspielenden Verschwatztheit, nicht an seinen Drogen- und Comebackroman „Endlich Kokain“ aus dem vergangenen Jahr heran.

Joachim Lottmann: Happy End. Roman. Verlag Haffmans-Tolkemitt, Berlin 2015. 350 Seiten, 19,95 €

0 Kommentare

Neuester Kommentar