Harry Houdini : Der Mann, der die Krise wegzauberte

Sturzflug und Börsencrash: Erinnerung an den Entfesselungskünstler Harry Houdini.

Steffen Kopetzky
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Kopfüber in die Unsterblichkeit. Houdini bei einem Auftritt 1916 in Amerika. Gerade eben hat er sich aus einer Zwangsjacke...Foto: Ullstein

Etwa so viel, wie der sogenannte Rettungsschirm für unsere Banken beträgt, eine halbe Billion, zahlte der in Berlin-Steglitz lebende Franz Kafka im Herbst 1923 für eine Kinokarte. Kafka verfügte zwar über eine in harten tschechischen Kronen ausbezahlte Rente, doch die Teuerung zernagte auch diese mit solcher Vehemenz, dass der wegen seiner kranken Lunge frühpensionierte Versicherungsangestellte seiner größten Leidenschaft, dem Kino, nur noch selten nachgehen konnte. Nur wenn seine Eltern aus Prag frische Kronen geschickt hatten, die er im Großstadtgedränge der Friedrichstraße in die galoppierenden Milliarden des hoffnungslos überschuldeten Deutschen Reichs umtauschte, konnte er es sich leisten, eins der geliebten Lichtspielhäuser am Zoo aufzusuchen.

Inmitten der schwersten wirtschaftlichen Krise seit Ende des Ersten Weltkriegs feierte dort aber nicht nur der Tramp Charlie Triumphe, Chaplins herzrührende Figur, sondern auch ein Mann, der sich seinen Ruhm auf den Brettern des Vaudeville, über den Dächern der Hochhäuser und im Sturzflug von den gewaltigsten Brücken Europas und Amerikas verdient hatte und der sich in seinen Filmen Howard Hillary oder Heath Haldane nannte: Harry Houdini.

Nach seiner ersten Station auf dem europäischen Kontinent, dem Dresdner Central-Theater, ging es nach Berlin, wo vorab ausverkaufte Auftritte im Wintergarten angesetzt waren und 300 Beamte der Preußischen Polizei ihn nicht daran hindern konnten, sich seiner Fesseln zu entledigen. Noch berühmter wurde Houdini 1902 durch einen Prozess in Köln. Man beschuldigte ihn, sein Publikum zu betrügen. Wie zur Karikatur der Anklage bestand er darauf, den Gerichtssaal in Polizeihandschellen zu betreten. Selbstverständlich entledigte er sich dieser binnen weniger Augenblicke und überzeugte Richter, Anwälte und Prozessbeobachter, dass für seine Entfesselungskünste nichts anderes als schließtechnisches Wissen, höchste Geschicklichkeit und Fitness und vor allem ein brillanter Verstand verantwortlich waren. Houdinis Lebensmotto: „My brain is the key that sets me free“ – „Mein Verstand ist der Schlüssel, mit dem ich mich befreie“.

Von Köln aus fuhr er nach Münster, wo Alexander Heimberger lebte, mit 84 Jahren der älteste lebende Zauberer. Der Autor des Standardwerks „Der Moderne Zauberer“ glich mit seinem mächtigen weißen Bart einem biblischen Patriarchen. Er war so schwerhörig, dass Houdini sich kaum mit ihm verständigen konnte. Doch Heimbergers Briefe, Programmhefte und Skizzenbücher faszinierten ihn: „Es war“, schrieb er später, „als läge die Geschichte der Zauberei offen vor mir und meinen scharfen Augen ausgerollt.“

Zurück nach Köln und weiter nach Dresden, zu einem anderen alten Meister der Zaubererzunft, Wiljalba Frikell, der hochbetagt in seiner Villa in Kötzschenbroda lebte. Frikell ließ sich zunächst verleugnen – aus Sorge, es könne sich bei dem jungen Mann um einen unehelichen Sohn handeln. Frikell war der erste Zauberkünstler, der seine Tricks ohne Apparate, allein durch Fingerfertigkeit und die Manipulation der Publikumsaufmerksamkeit vollbrachte. Der schließlich doch vereinbarte Besuch wurde für Houdini zu einer unheimlichen und seltsamen Begegnung: Als er die Villa am Ledenweg betrat, war zwar alles für ihn vorbereitet, Requisiten, Fotos und Erinnerungsstücke lagen ausgebreitet. Doch der Altmeister war kurz zuvor einer Herzattacke erlegen und ruhte tot auf dem Bett, mit seinem alten Bühnenanzug bekleidet, den er zu Ehren des jungen Entfesselungsgenies ein letztes Mal angelegt hatte.

Obwohl er sich zeitlebens gegen den Verdacht übernatürlicher Kräfte wehrte und in seinen letzten zwei Lebensjahrzehnten zu einem verbissenen Kämpfer gegen jede Art von Spiritismus wurde, blieb Houdini für immer der Sphäre des Übersinnlich-Übermenschlichen verhaftet. Seine Freundschaft mit Sir Arthur Conan Doyle – einem fanatischen Spiritisten – gab er der Wahrheit zuliebe auf. Dennoch glaubten ihm nur die wenigsten, bei ihm ginge alles mit rechten Dingen zu.

Die zwischen Faszination und Grausen schwankende Wirkung, die von einem bis zur vollkommenen Bewegungsunmöglichkeit gefesselten Menschen ausgeht, stammt wohl aus Menschheitskindertagen. Da ist einerseits der gefesselte Unhold, dem es gelingt, mitten unten denen auszubrechen, die ihn gebannt sehen wollten. Und andererseits der gefesselte Prometheus, vom grausamen Schicksal unschuldig in Fesseln geschlagen, der nicht aufgibt, bis er sich befreien kann.

Dass Houdini stets handelsübliche Schlösser benutzte und sich regelmäßig Wettbewerbe mit diensteifrigen Polizisten und ehrgeizigen Schlossmachern lieferte, ließ kaum einen seiner Zeitgenossen kalt. Es rief aber auch Widersacher auf den Plan, deren neiderfüllter Ehrgeiz, Houdini zu fesseln, zuweilen bedrohliche Ausmaße annahm.

So kam es während seines Gastspiels im Essener Colosseum zu einer Konfrontation mit einem Herausforderer, der den Eskapisten mit ungemeiner Brutalität fesselte. Houdini, der es mit seiner in Essen erstmalig gezeigten Flucht aus einer vernagelten Versandkiste oder der spielerischen Öffnung eines originalen Reichsbank-Schlosses zum Publikumsliebling gebracht hatte, wurde von einem Finsterling namens Kinsky mit Tauen verschnürt, als wäre er ein Stück Vieh. Als er sich dennoch siebzehn Minuten später befreit hatte, schenkte ihm das begeisterte Publikum sechs Vorhänge. Seine von Striemen gezeichneten und geschwollenen Gelenke musste er nach diesem Auftritt tagelang mit Eis kühlen.

Wegen jener bis aufs Blut gehenden Dramatik wurden die Varieté-Bühnen diesseits und jenseits des Atlantiks bald zu klein für Houdini. In Zwangsjacken verschnürt, mit Ketten umschlungen, angetan mit Fußfesseln, mit auf dem Rücken mit Handschellen gefesselten Armen baumelte er schließlich von Hochhäusern und stürzte sich in tiefe Gewässer. Aus einem der ältesten Berufe der Welt, dem gaukelnden Zauberer, machte Houdini die größte Attraktion Amerikas und Europas.

Nicht nur die kleinen Angestellten und Arbeiter, auch der damalige amerikanische Präsident Woodrow Wilson war ein bekennender Bewunderer. Freimütig gestand Wilson ein, dass er sich aus mancher verzwickten Notlage gern ebenso behände befreit hätte wie Houdini.

Wilson war einer der ersten hochrangigen Politiker, der den Weltkrieg als einen im Kern ökonomischen Konflikt begriff. In der Zeit nach dieser Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, als die Krise nicht mehr weichen wollte, stieg der Zauberer der Befreiung nicht nur zum bekanntesten Menschen seiner Zeit auf, sondern durfte als Erster miterleben, wie sein eigener Name noch zu Lebzeiten zu einem Synonym für Entfesselung und einer regulären Vokabel im Sprachgebrauch wurde. Das für seine populär-kulturelle Kompetenz berühmte Wörterbuch Funk & Wagnall führte in der Ausgabe von 1920 zum ersten Mal das Verb „to houdinize“: sich aus Fesseln befreien, sich aus einer bedrückenden Zwangslage herauswinden.

So blieb Houdinis Ehrgeiz die einzige Barriere, die er nicht überwinden konnte. Keiner technischen Herausforderung konnte er aus dem Weg gehen, unermüdlich trainierte und arbeitete er an sich und glich auf diese Weise ganz genau jenem „Trapezkünstler“, von dem Franz Kafka 1924, in seiner letzten Veröffentlichung zu Lebzeiten, schrieb: „Ein Trapezkünstler (...) hatte sein Leben derart eingerichtet, dass er (...) Tag und Nacht auf dem Trapez blieb. Auch sah man natürlich ein, dass er nicht aus Mutwillen so lebte, und eigentlich nur so sich in dauernder Übung erhalten, nur so seine Kunst in ihrer Vollkommenheit bewahren konnte.“

Während der unbekannte Kafka, von der Inflation aus Berlin vertrieben und von der Tuberkulose schwer angegriffen, 1924 starb, lebte Houdini, auf der Höhe seines Ruhms, noch zwei Jahre, bis ein Schlag in den Magen, den er aus PR-Gründen über sich ergehen ließ, seinen Blinddarm zerfetzte. Da er sich weigerte, seine Auftritte trotz schrecklicher Schmerzen abzusagen, starb er eine Woche später, am 31. Oktober 1926, ausgerechnet an Halloween. Es vergingen kaum zwei Jahre, mitten in der Weltwirtschaftskrise, da tauchten erste Gerüchte auf, Houdini wäre aus seinem Grab verschwunden. Nicht wenige glaubten daran. Wie hätte es auch anders sein können.

Steffen Kopetzky lebt als Schriftsteller in Pfaffenhofen. Bei Luchterhand erschien zuletzt sein Roman „Der letzte Dieb“.

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