Hasan Cemal über den Völkermord an den Armeniern : Tote und Tabu

Gegen die Kraft der Lüge: Der türkische Journalist Hasan Cemal und sein mutiges Buch über den Völkermord an den Armeniern.

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Todesmarsch.
Todesmarsch.Foto: AP/AP/dapd

Hasan Cemal hat das Ende eines langen, schmerzlichen Weges erreicht, als er im März 2011 in Los Angeles am Rednerpult steht. Im Saal sitzen viele Vertreter der armenischen Diaspora. Cemal, einer der prominentesten Journalisten der Türkei, ringt mit sich. Soll er jetzt „Völkermord“ sagen, ein Wort, das von der offiziellen Türkei bis heute strikt abgelehnt wird?

Lange, viel zu lange hat Cemal selbst die offizielle Linie seines Landes befolgt. Nun geht er sein Manuskript durch und fragt sich: „Warum ist meine Zunge so schwer? Habe ich immer noch Tabus, an die ich nicht rühren kann? Bin ich immer noch nicht frei? Ist das nicht eine Schande, Hasan Cemal?“ Deshalb beginnt er seine Rede vor den Armeniern so: „Ich kenne und verstehe Ihren Schmerz, ich bin hier, um den Schmerz des Völkermordes mit Ihnen zu teilen.“

Das ist die Schlüsselszene von Cemals kürzlich in der Türkei erschienenem Buch „1915: Armenischer Völkermord“, in dem er sehr persönlich mit dem türkischen Umgang mit der Vergangenheit abrechnet. Der 68-jährige Kolumnist der Tageszeitung „Milliyet“ ist der Enkel von Cemal Pascha, einem Mitglied jener osmanischen Regierung, die 1915 den Völkermord anordnete. Cemal Pascha wurde 1922 von Armeniern ermordet, auch einer der engsten Freunde des jungen Cemal, der türkische Diplomat Bahadir Demir, wurde 1973 von armenischen Extremisten erschossen.

Umso schwerer ist es für ihn, dem „Leben mit der Lüge“ zu entfliehen. Er wächst in einer Familie auf, in der die Rolle des Großvaters bei den Massakern und der Völkermord so beschrieben werden, wie die Türkei es bis heute tut. Die Armenier hätten sich im Ersten Weltkrieg mit den Russen zusammengetan und gegen das Osmanische Reich gekämpft, deshalb hätten sie deportiert werden müssen. Dass dabei viele Menschen starben, sei betrüblich, aber allein den Kriegsbedingungen zuzuschreiben.

Selbst Mustafa Kemal Atatürk, der bis heute verehrte Vater der modernen Türkei, steht für diese Lesart. Aber Cemal berichtet von einer schier unglaublichen Manipulation. In einer Rede vor dem ersten nach-osmanischen Parlament im April 1920 habe Atatürk den Massenmord an den Armeniern als „schändliche Tat“ bezeichnet, als „eine Niedertracht“. Dieser Satz sei später aus den Parlamentsprotokollen gestrichen worden: „Sie zensieren sogar Atatürk!“, schreibt Cemal.

Die Lüge war mächtig. Erst in den 80er Jahren wurde Cemal bewusst, dass mit der offiziellen Darstellung der Ereignisse von 1915 etwas nicht stimmt. In den Neunzigern liest er die Bücher von Taner Akcam, einem nach Amerika emigrierten türkischen Völkermordexperten, der für türkische Nationalisten zur Hassfigur wurde. Doch obwohl dessen Thesen ihn aufrütteln, erwähnt er die Bücher in seinen Zeitungskolumnen nicht, wie er schreibt. Möglicherweise hatte er „immer noch das Tabu von 1915 im Kopf“.

Cemal begegnet dem armenischstämmigen Journalisten Hrant Dink. Dink wird 2007 ermordet, ein Wendepunkt, auch für Cemal. Ein Jahr nach dessen Tod besucht er das Völkermord-Mahnmal in der armenischen Hauptstadt Eriwan. Langsam distanziert er sich von der Geschichtslüge – und stößt auf weitere: Nicht nur die Massaker an den Armeniern werden beschönigt oder verschwiegen, auch Pogrome gegen Kurden, Griechen, Alewiten und Juden werden von der Geschichtsschreibung unter den Teppich gekehrt. Die Türkei hat Angst, schreibt Cemal. „In unserem Staat regiert die Angst vor der Geschichte.“ Aus Archiven werden Dokumente über die dunklen Seiten der Vergangenheit entfernt, Schulbücher präsentieren eine „saubere“ Nation. Wer dem widerspricht, der wird als Vaterlandsverräter beschimpft wie der Historiker Akcam, vor Gericht gestellt wie Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk – oder ermordet wie Hrant Dink.

Die Lügen verhindern eine demokratische Befreiung der türkischen Gesellschaft, ist Cemal überzeugt. Die Staatsideologen wüssten, „dass die Wahrheit die Menschen befreit“ und wollten deshalb an den Tabus festhalten. Auch heute noch rühmen Regierungspolitiker die Vertreibung der Griechen aus Kleinasien in den 1920er Jahren, und das Bildungssystem nährt nach wie vor einen „blinden Nationalismus und Rassismus“.

Doch ganz so düster, wie Cemal es beschreibt, ist die Lage vielleicht doch nicht. Noch vor wenigen Jahren hätte ein Buchladen mit Cemals Titel in den Regalen einen Angriff militanter Nationalisten riskiert, und Cemal wäre wegen „Beleidigung des Türkentums“ angezeigt worden. Außer einigen wütenden Beiträgen in Internetforen ist bisher jedoch nichts geschehen. Cemals mutiges Buch taucht sogar in der Bestsellerliste einer großen Buchladenkette auf. Vielleicht lässt die Kraft der Lüge ja tatsächlich nach.Thomas Seibert

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