Haus der Brandenburgischen Geschichte : Die vergessene Dynastie

Mitteleuropas einst mächtigstes Königshaus: Eine Potsdamer Ausstellung erinnert an die Jagiellonen.

Elke Linda Buchholz
Ehepolitik. Wie die Habsburger vergrößerten auch die Jagiellonen ihren Einflussbereich durch geschicktes Heiraten. Im Bild: der Hohenzoller Markgraf Friedrich d. Ä. von Brandenburg-Ansbach mit seiner Braut, Sophia Jagiellonka. Glasfenster, um 1500. Foto: Markus Hilbich
Ehepolitik. Wie die Habsburger vergrößerten auch die Jagiellonen ihren Einflussbereich durch geschicktes Heiraten. Im Bild: der...

Behutsam taucht der Heilige Christophorus seinen Fuß ins Wasser. Der niedliche Knirps auf seiner Schulter darf sich sicher fühlen. Mit leichter Hand hält der Christusknabe die goldene Weltkugel wie einen Spielball. Ein sanft aufblendendes Spotlight belebt die Gesichter, lässt die Faltenwürfe noch expressiver hervortreten. Als fulminanter Auftakt der Ausstellung „Europa Jagellonica“ ist das Schnitzwerk aus der Werkstatt des Veit Stoß in Szene gesetzt. Der Nürnberger Bildschnitzer gehörte zu den zahlreichen Künstlern, die sich im 15. Jahrhundert nach Osten aufmachten: an die blühenden Fürstenhöfe der Jagiellonen. Fast zwanzig Jahre hat Veit Stoß in Krakau gearbeitet. Ebenso meisterhaft, aber von einem unbekannten Künstler geschnitzt ist eine große Taufszene aus der Krakauer Marienkirche. Ihre raumgreifend lebendig agierenden Engelsfiguren erinnern an Nikolaus Gerhaert van Leyden, einen der führenden niederländischen Bildhauer seiner Zeit.

Allein diese beiden Prachtstücke machen klar: Hier geht es nicht um abgelegene provinzielle Regionen, sondern um eine Hochkultur, die international auf der Höhe ihrer Zeit war. Das Potsdamer Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte hat sich in eine Schatzkammer der Spätgotik und Frührenaissance verwandelt, um eine hierzulande fast unbekannte Fürstendynastie vorzustellen. Die Jagiellonen waren um 1500 das mächtigste Königshaus in Mitteleuropa und herrschten vom Ostseestrand bis zum Schwarzen Meer. Und als kluge Machtstrategen wussten sie: Nur wer die besten Künstler für sich arbeiten lässt, sichert sich bei den Zeitgenossen Ansehen und einen dauerhaften Platz im Gedächtnis der Nachwelt.

Der erste Abschnitt der Ausstellung, die aus einem länderübergreifenden Forschungsprojekt entstanden ist, umreißt das geografische Terrain, auf dem die Jagiellonen regierten. Aus Danzig kommt ein großartig düsteres Gemälde einer Kreuzabnahme von dramatischer Eindringlichkeit, aber auch – Kontrastprogramm – die bezaubernd anmutige Statuette einer Heiligen Barbara aus Gold, Silber und Edelsteinen, als Reliquiar gearbeitet. Über Posen geht die Reise nach Prag. Dort blieb von einem großen Altarretabel Lucas Cranachs nach den Hussitenstürmen nur die Halbfigur einer Heiligen Christina übrig. Sie trägt denselben grünen Goldbrokatsamt, wie er daneben als originales Textilfragment ausgestellt ist. Solche Luxusimportware aus Italien trugen also die Damen am Jagiellonen-Hof. Dass auch die Lausitz zeitweise zum Jagiellonen-Land gehörte, zeigt ein zierliches Silberreliquiar des Heiligen Bartholomäus aus Bautzen. Das Franziskanerkloster von Kamenz war eine jagiellonische Stiftung.

Wer waren die Jagiellonen eigentlich? Im zweiten Teil kann man ihre verwickelten Stammbäume studieren und ihre effiziente Heiratspolitik verfolgen. Alles begann, als der Großfürst von Litauen, Jogaila (polnisch Jagiello) 1386 die polnische Königstochter Hedwig heiratete. Geschickt schweißte er damit die Großreiche Litauen und Polen zusammen. Als König Wladislaw II. Jagiello besiegte er in der legendären Schlacht von Tannenberg die deutschen Ordensritter. Seine 13 Enkelkinder wurden an Fürstenhöfe in halb Europa verheiratet, was Terraingewinn und Einfluss sicherte. Die dynastische Erfolgsstory gipfelte in einer von Kaiser Maximilian I. geheim ausgehandelten Doppelhochzeit zwischen Habsburgern und Jagiellonen. Auch mit den Hohenzollern verkuppelte man sich, wie ein Glasfenster-Doppelporträt Friedrichs von Brandenburg-Ansbach mit seiner Jagiellonenbraut zeigt.

Was die treibenden wirtschaftlichen und weltanschaulichen Kräfte der Jagiellonen-Ära waren, kommt im letzten Abschnitt der Ausstellung leider viel zu knapp zur Sprache. Motor des ökonomischen Aufstiegs war der Bergbau. Auf einem großen Altargemälde der Anna Selbdritt sieht man kleine Bergleute fleißig schuften. Sie karren Erz aus dem Berg, kurbeln einen hölzernen Förderkorb in den Schacht hinab und feuern die Schmelzöfen an. Vor allem die Silberminen im oberungarischen Kuttenberg (Kutná Hora) füllten die königlichen Kassen. Auch dabei holten sich die Herrscher professionelle Kräfte aus dem Ausland. Der Chef der Kuttenberger Münzverwaltung kam aus Nürnberg, der Stadt Albrecht Dürers. Seine in der Ausstellung gezeigte Goldwaage nahm er später wieder mit zurück in die Heimat. Interessante Aspekte wie die religiöse Toleranz der Jagiellonen oder die Wissenschaftsförderung an der heutigen Jagiellonen-Universität in Krakau werden nur knapp angerissen.

Das Dachgeschoss des Potsdamer Kutschstalls ist einfach zu klein, um die ganze Epoche zu fassen. An der ersten Station im tschechischen Kutná Hora waren noch dreimal so viele Exponate zu bestaunen, es war die erfolgreichste Ausstellung des Jahres in Tschechien. Potsdam konnte sich als einzige deutsche Station 90 Spitzenstücke sichern. Das letzte Objekt ist ein geschnitzter Sensenmann, ein eindringlich realistisches Gerippe, das den Besucher mit einem sarkastischem Grinsen in die Gegenwart entlässt.

Haus der Brandenburgischen Geschichte, bis 16. Juni, Di–Do 10-17, Fr-So 10-18 Uhr, Katalog 14,80 €. Auch Museen in Luckau, Bautzen, Görlitz, Kamenz und Zittau machen auf jagiellonische Spuren aufmerksam.

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