HBO-Serie Big Little Lies : Unter Helikoptermüttern

In der HBO-Serie „Big Little Lies“ greifen verzweifelte Hausfrauen durch. Eine Mischung aus Tragödie und Satire mit den Hollywood-Stars Nicole Kidman und Reese Witherspoon.

von
Shailene Woodley, Reese Witherspoon und Nicole Kidman (v. li.) nehmen eine Auszeit von ihren Männern.
Shailene Woodley, Reese Witherspoon und Nicole Kidman (v. li.) nehmen eine Auszeit von ihren Männern.Foto: HBO

Weit aufgerissene Kinderaugen blicken in die Kamera. Etwas hat die Welt der Kleinen erschüttert, aber die tektonischen Schwingungen des Zwischenfalls ziehen unaufhaltsam ihre Kreise bis in die Komfortzonen der Erwachsenen. Ein Mädchen wurde von einem Klassenkameraden gewürgt, ausgerechnet am Tag der Einschulung. Nun sind alle vor dem Schulgebäude versammelt, wo ein Streifenpolizist den steten Fluss von SUVs und protzigen Sportwagen regelt: verstörte Kinder, aufgebrachte Eltern, hilflose Lehrkräfte.

Dieses Tableau gleich in der ersten Folge der siebenteiligen HBO-Miniserie „Big Little Lies“ ist Gold wert. Nicht als Sozialstudie, sondern wegen seines präzise instruierten Komödienaufbaus. Die in doppelter Hinsicht „weiße“ Pädagogik aus Empathie und Verhaltensoptimierung – die einzige Afroamerikanerin in der malerischen nordkalifornischen Kleinstadt mit Pazifiklage ist die Yogalehrerin – macht das Kontrollregime dieser ökonomisch sanktionierten Filterblase sichtbar.

Hauch von „Desperate Housewives“

In der Sache sind sich alle einig. Das Täterkind muss gefunden und bestraft werden. Spontan wird auf Drängen der betroffenen Mutter vor den Augen aller Eltern ein Tribunal einberufen. Und so hebt sich auf die bohrenden Fragen der Lehrerin die Hand des eingeschüchterten Mädchens unweigerlich in Richtung des Neuen. Der sechsjährige Ziggy ist mit seiner Mutter gerade nach Monterrey gezogen. Sie muss den aufgeweckten Jungen allein erziehen und ist offenbar auch die Einzige, die nicht in einem Haus mit Meerblick lebt. Kaum angekommen, greifen die sozialen Mechanismen schon. Die junge Mutter und ihr Sohn bekommen ihren Platz in der Gemeinschaft zugewiesen.

Ein Hauch von „Desperate Housewives“ umgibt das neue Hochglanzprodukt des Bezahlsenders HBO, der nach dem Ende von „Game of Thrones“ händeringend auf der Suche nach einem neuen Hit ist. Doch statt des Miefs der amerikanischen Suburbia durchweht „Big Little Lies“ eine ozeanische Brise. Die Gischt des Pazifiks ist auch das szenische Leitmotiv der Fernsehadaption von Liane Moriartys Bestseller um ein paar hochmotivierte Helikoptermütter.

Aber Fernsehen, Kino – was heißt das heutzutage schon, in der Ära der sogenannten Qualitätsserie? Die Besetzung von „Big Little Lies“ jedenfalls schreit regelrecht Hollywood: In den Hauptrollen spielen Reese Witherspoon, die auch produziert hat, Nicole Kidman und Shailene Woodley, die Nebenrollen sind mit Laura Dern, Adam Scott, Alexander Skarsgård und Zoë Kravitz ebenfalls hochklassig besetzt. Regie führt Jean-Marc Vallée („Dallas Buyers Club“).

Milieustudie mit Starpower

Exquisit ist auch das Setting der Gesellschaftssatire, der ein mysteriöser Mordfall eine überraschende Dynamik verleiht. Showrunner David E. Kelley hatte sich im gefühlten Paläozän des goldenen Fernsehzeitalters schon mit der Anwaltsserie „Ally McBeal“ einen Namen gemacht. Das ist auch eine okaye Referenz für „Big Little Lies“. Die Serie legt es mit ihrer Mischung aus klug dosierter Starpower und bissiger Milieupsychologie gar nicht darauf an, zum nächsten großen Wurf erklärt zu werden. Die Qualitäten liegen eher in der Drehbuchkonstruktion, zum Beispiel der Vielzahl hochgradig unzuverlässiger Erzähler, mit deren Hilfe die Miniserie zwei gänzlich unterschiedlich zu gewichtende Taten – ein Schulhofmobbing und einen Mord – hintersinnig zusammenerzählt. Bis zur letzten Folge ist nicht einmal klar, wer eigentlich umgebracht wurde. Täter- und Opfersuche steuern parallel einem bitterbösen Showdown entgegen.

Das Genre der „Murder Mystery“ ist aber nicht mehr als ein Vorwand, um die gesellschaftlichen Konstellationen mit scharfer Klinge zu sezieren. Maddy, gespielt von Witherspoon, ist die treibende Kraft: eine zwanghaft optimistische Supermama, die sich aus Solidarität der zugezogenen Jane (Shailene Woodley) annimmt. Maddys beste Freundin (Nicole Kidman) verbirgt die Blessuren einer gewalttätigen Ehe hinter der makellosen Fassade ihrer Vorzeigefamilie.

Die Abgründe reichen tief

So wechselt „Big Little Lies“ ständig die Register zwischen Tragödie und Satire. Einige Kritiker attestierten der gebrochenen Melodramatik sogar eine gewisse Seifenopernhaftigkeit. Doch dafür inszeniert Regisseur Vallée seine Geschichte zu umsichtig. Wie bei allen besseren Suburbia-Dramen verbergen die schönen Oberflächen nur die Abgründe dahinter. Und die reichen in „Big Little Lies“ tief. Die melancholischen Songs – unter anderem von Michael Kiwanuka (der das Titellied singt), Fleetwood Mac, Neil Young und Sufjan Stevens – fungieren als eine Art Chorus, ein sanfter Hinweis auf die Vergeblichkeit bürgerlichen Glücks.

Für Witherspoon bedeutet die Serie auch einen gewaltigen Karriereschritt. Sie fühle sich an Filmsets zuletzt immer wie Schlumpfine, erzählte sie kürzlich einem US-Branchenblatt. Die einzige Frau in Hollywoods Boysclub. Als Produzentin hat sie jetzt ein paar exzellente Darstellerinnen um sich versammelt – und ihre männlichen Kollegen in die zweite Reihe delegiert.

ab dem 6. April, jeden Donnerstag um 21 Uhr auf Sky Atlantic (Deutsch/Englisch)

0 Kommentare

Neuester Kommentar