Heiner Müller : Das Orakel spricht

Heute wäre Heiner Müller 80 geworden. Eine Wiederbegegnung mit dem großen Dramatiker und Katastrophenliebhaber.

Peter Laudenbach
Heiner_Mueller
Welttheatermann. Heiner Müller. -Foto: dpa

Vielleicht sieht so das Ende aus. Der Dichter zieht Bilanz: „Ich habe einen Traum vom Theater in Deutschland geträumt und öffentlich über Dinge nachgedacht, die mich nicht interessieren.“ Das ist nun vorbei. Was ihn jetzt beschäftigt, ist das Theater seines eigenen Todes. Er beobachtet es so kalt und genau, wie er seine Dramenfiguren seziert hat: „Gestern habe ich auf meiner Haut einen toten Flecken gesehen, ein Stück Wüste: das Sterben beginnt. Beziehungsweise: es wird schneller.“ Der große Dramatiker kann sich nicht mehr an seinen Text erinnern. „Ich bin ein Sieb“, sagt er, „immer mehr Worte fallen hindurch.“ Er kann nicht mehr schreiben. Sein Gesicht ist zur Maske eines berühmten Mannes geworden. Am Ende wird er unter seiner eigenen Klassiker-Büste begraben, aus der nur noch ein dumpfer Schrei nach außen dringt.

So hat Heiner Müller vor gut drei Jahrzehnten das Ende von Gotthold Ephraim Lessing in Ich-Form beschrieben. Als Müller nach der Wiedervereinigung dann selbst zur öffentlichen Figur mit hoher Medienpräsenz wurde, aber keine Stücke mehr schrieb, als der Speiseröhrenkrebs dafür sorgte, dass sein eigenes Sterben „schneller“ ging, las sich die Lessing-Sequenz auf einmal wie ein gespenstisches Selbstporträt. Der Klassiker zu Lebzeiten, ein Mann, der sich hinter der Müller Maske aus Zigarre, Whisky-Glas und apodiktischen Sätzen unangreifbar macht.

Wie heute die Ruhmesbüsten aussehen, mit denen ein großer Dichter zu seinem 80. Geburtstag postmortal gefeiert und entsorgt wird, kann man möglicherweise in der Akademie der Künste beobachten, wo an diesem Freitag so bedeutende Müller-Forscher wie der Unternehmer Heinz Dürr, die Politikerin Alice Ströver, die arbeitslose TV-Moderatorin Elke Heidenreich und der Sozialrevolutionär Heiner Geißler ihren eigenen Ruhm mehren, indem sie Müller-Texte zum Vortrag bringen. Jeder darf mal. „Unter stummer Wiederholung allseitiger Umarmungen fällt der Vorhang“, lautet Lessings berühmte Regieanweisung zu solchen Harmoniefeiern, mit denen sich so ziemlich alle Differenzen weglächeln lassen. Das wäre dann tatsächlich das Ende.

Man könnte es sich leicht machen und vermuten, das Event-Gedenken mit der B-Prominenz des Eitelkeitsbetriebs sei ein Endpunkt der Müller-Rezeption, dazu angetan, Müllers Diktum, Erfolg sei das Gegenteil von Wirkung, überdeutlich zu belegen. Komplizierter wird es, wenn man die knapp 3000 Seiten mit den gesammelten Interviews liest, die jetzt in drei Bänden die Müller-Werkausgabe des Suhrkamp Verlags abschließen. Es ist eine ambivalente Erfahrung, Heiner Müller dreizehn Jahre nach seinem Krebstod in seinen unzähligen Interview äußerungen wiederzubegegnen. Einerseits ist vieles vertraut: Müllers alte Lakonie, seine ewige Auseinandersetzung mit Brecht und Shakespeare, der Hohn, den er für die leer laufenden Routinen des Kulturbetriebs übrig hat: „Die Theater sind eben da, wie ein leeres Loch, das gefüllt werden muss. Man hat Angst, dass das Loch sichtbar wird. Nur aus diesem Horror vacui laufen die Spielpläne weiter.“ Wer wollte da widersprechen.

Müller zog seine künstlerische Energie oft gerade daraus, die Autismen einer Kunst, die sich am liebsten mit sich selbst beschäftigt, in die Luft zu jagen. Einmal berichtet er im Gespräch mit Alexander Kluge von einer Ausstellung der Klassischen Moderne im Pariser Centre Pompidou: „Es ist so langweilig, so tot, diese ganze Moderne, Matisse, Tapetenmuster. Picasso war der letzte Künstler, der noch Hunger hatte. Danach hatte jeder nur seinen speziellen Appetit. Und je schwerer es wird, die Weltbevölkerung zu ernähren, desto mehr nimmt der Hunger in der Kunst ab.“ Knapper lässt sich der Ekel am Ennui eines Großteils moderner Bildproduktion kaum formulieren. Es sind diese Formeln, hart, kalt, endgültig, die Müller-Interviews zu einer sehr haltbaren Textgattung machen.

Gleichzeitig wirkt vieles von heute aus unendlich fremd, wie Nachrichten aus einer versunkenen Epoche. Diese Fremdheit macht die Lektüre faszinierend, auch irritierend. Das beginnt ganz banal bei Müllers gelegentlich schrägen politischen Fehleinschätzungen, etwa wenn er das Gehaltsniveau in Westdeutschland mit der Systemkonkurrenz und dem „Sozialismus als Feindbild“ erklärt. Natürlich sorgte nicht Honecker, sondern die hohe Produktivität der westdeutschen Volkswirtschaft für gute Einkommen. Verwundert liest man, wie die in ihrem ideologischen Paralleluniversum etwas weltfremd wirkenden marxistischen Intellektuellen Anfang der achtziger Jahre, in einer von heute aus beneidenswert idyllischen und gemütlichen Zeit, andauernd über „Revolution“ parlieren.

Der spöttische, über Müllers ideologische Manöver verwunderte Blick weicht bei der Lektüre jedoch schnell der Empfindung, einem enormen Gehirn bei der Arbeit zusehen zu dürfen – auch wenn man die Welt komplett anders sieht als Müller. Die Neubewertung aus zeitlichem Abstand funktioniert auch in die andere Richtung: Plötzlich wirken die Orakel-Sätze des „Katastrophenliebhabers“ (Müller über Müller), die früher dunkel und rätselhaft klangen, klar und ungemein hellsichtig.

„Man muss sich um die antikapitalistischen Alternativen keine Sorgen machen, weil der Kapitalismus keine Alternativen mehr hat, keine Feinde außer sich selbst“, sagt Müller 1991. Damals muss das bizarr geklungen haben, heute ist es ein nüchterner Kommentar zur Weltwirtschaftskrise. Müller: „Das verspricht eine interessante Entwicklung. Im Zusammenhang mit Armut und Elend in vielen Teilen der Welt, mit der Bevölkerungsexplosion, mit den ökologischen Katastrophen. Da braucht man sich um Utopien keine Sorgen zu machen, höchstens um Apokalypsen.“ Das war exakt zehn Jahre vor dem 11. September 2001.

Eine andere, für die eigene Gegenwart eher beschämende Fremdheitserfahrung, die die Interviews für den Leser parat halten, ist die der stoischen Ernsthaftigkeit, mit der sich Müller über Jahrzehnte an seinen Lebensthemen abarbeitet: Geschichte, politische Gewalt, Stalinismus, Faschismus, ein Denken in utopischen Alternativen.

Ebenso fremd wirkt in einem Kultur- und Theaterbetrieb der schnellen Reize, der beliebig austauschbaren Themen und stündlich wechselnden Moden die Entschlossenheit, mit der Müller das Theater als den Ort einer anderen Welt- und Wirklichkeitsbehauptung versteht – und zwar in einer radikalen Konsequenz, die ihn im derzeitigen Theaterbetrieb zu einer inkommensurablen Figur machen würde. 1987 meinte Müller im Gespräch mit Ruth Berghaus: „Heute geht entweder die absolute Stille oder der Schrei.“ Diese Härte und ästhetische Unbedingheit findet spätestens seit dem Tod von Einar Schleef im Theater der Gegenwart nicht mehr statt. Deshalb ist es auch oft so langweilig.

Heiner Müller war ein auskunftsfreudiger Mensch, zumindest scheinbar. Von Schülerzeitungen ließ er sich genauso gleichmütig interviewen wie von braven Germanisten, die feststellen mussten, dass er sich ihren Ordnungsversuchen elegant entzog. Frage: „Ihre neuen Stücke sehen ganz anders aus als Ihre älteren.“ Antwort Müller: „Ich sehe auch jeden Tag anders aus.“

Müller war kein Schweiger wie Beckett, auch wenn Beckett wahrscheinlich der einzige Zeitgenosse war, den er heimlich bewundert hat – oder beneidet, was unter Autoren auf das Gleiche hinausläuft. Aber seine Interviews sind alles andere als ungeschützte Selbstauskünfte. All die Pointen, Zitate, Anekdoten, Aphorismen und Zynismen decken immer auch etwas zu. Man könnte sagen, Müller beherrscht die Kunst, zu schweigen, indem er spricht.

Wahrscheinlich muss man ein spätes Gedicht von Heiner Müller als Subtext der Interviews mitlesen, um diese Strategie zu verstehen. „WIEDERSEHN MIT DER BÖSEN COUSINE / Die mein Spielzeug zerbrach hinter dem Rücken / ZEIG HER und ich zeigte es ihr und sie nahm es / Und ich hörte es knacken zwischen den Wurstfingern / sah ihr nicht zu vergessendes Lächeln Heute noch / Das Knacken im Ohr vor Augen das nicht zu vergessende Lächeln / Rede ich schlecht über das was ich liebe aus Vorsicht / Jetzt sitzt sie vor mir und weiß von nichts / Der Schrecken ist kalt geworden Fleisch und Fett / Alltag Kindergeschrei Der Müll der Gattung.“

Ein typisch abgründiger Müller-Kurzschluss: Ekel vor der Gegenwart, Erinnerung an traumatische Verletzungen – und ein Sprechen in Masken, das den Zuhörer nie mehr als unbedingt nötig ins Vertrauen zieht. Genau so funktionieren seine Gespräche. Wie in der Tragödie jede Wahrheit ihre gefährliche Rückseite hat, so hat Müller in seinen Interviews keine Antworten anzubieten. Lieber eröffnet er mit jedem Satz neue Konfliktfelder.

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