Heiner Müller, die Mauer und der 4.11. 1989 : „Der Teufel ist plötzlich überall“

Schutzwall, Kunstwerk, Mausoleum: Was Heiner Müller zur Mauer zu sagen hatte - und wie er den feiernden Deutschen die Stimmung verdarb.

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Heiner Müller am 4.11. 1989 auf dem Alexanderplatz.
Heiner Müller am 4.11. 1989 auf dem Alexanderplatz.Foto: picture-alliance / dpa

Heiner Müller verdarb feiernden Deutschen ganz gerne die Stimmung. Zum Beispiel, als kurz vor dem Mauerfall 1989 Hunderttausende DDR-Bürger am 4. November auf dem Alexanderplatz für eine wirklich demokratische Republik in ihrem Land demonstrierten. „Ich hatte das ungute Gefühl, dass da ein Theater inszeniert wird, das von der Wirklichkeit schon überholt ist, das Theater der Befreiung von einem Staat, der nicht mehr existiert“, sagte Müller später über diesen Tag. Der Dramatiker hatte bei der Demonstration einen seiner düsteren Orakel-Auftritte, als er, leicht angetrunken, nach vielen kämpferischen Optimisten an der Reihe war.

Während andere sich auf die neue Freiheit freuten, ahnte Müller, dass die Zukunft nicht nur nett werden wird. Er war nicht besonders überrascht, dass er ausgepfiffen wurde. „Als mir am Fuß der improvisierten Tribüne eine Welle von Hass entgegenschlug, wusste ich, dass ich an Blaubarts verbotene Tür geklopft hatte, die Tür zu dem Zimmer, in dem er seine Opfer aufbewahrt“, kommentierte Müller die wütende Reaktion auf seinen Beitrag zur friedlichen Revolution. Der Dramatiker hatte keinen eigenen Text, sondern einen Aufruf zur Gründung freier Gewerkschaften vorgelesen, den ihm drei junge Leute in die Hand gedrückt hatten. „Die nächsten Jahre werden für uns kein Zuckerschlecken“, heißt es in dem Aufruf. „Die Preise werden steigen, die Löhne kaum. Wenn Subventionen wegfallen, trifft das vor allem uns. Der Staat fordert Leistung, bald wird er mit Entlassung drohen. Wir sollen die Karre aus dem Dreck ziehen.“

Unter anderem nannte Müller die Mauer „Stalins Denkmal für Rosa Luxemburg“.

Fünf Tage vor dem Mauerfall zu sagen, dass die Befreiung von der Diktatur und der Planwirtschaft auch Wende- und Modernisierungsverlierer produzieren wird, war ein Stimmungskiller in der Euphorie der Wendetage. Ganz falsch war es offenkundig nicht. Müller neigte nicht dazu, die Zustände zu romantisieren, weder in der DDR noch im Westen. Sein Verhältnis zur Mauer war kompliziert. In der Spätphase der DDR und nach ihrem Ende fand er bittere Metaphern für dieses deutsche Bauwerk. Das „Mausoleum des deutschen Sozialismus“ nannte er sie in den achtziger Jahren, ein großes Grab der linken Utopien. Als bekennender Zyniker hatte Müller auch nichts dagegen, die Mauer als Kunstwerk zu sehen, sozusagen realpolitische Land Art. Seine griffige Formel dafür: „Stalins Denkmal für Rosa Luxemburg“.

Die Metapher schillert, sie lässt sich als Erklärung der Mauer in großen historischen Horizonten lesen, eine Endmoräne der deutschen Geschichte. Die Ermordung Luxemburgs durch rechtsradikale Militärs ist für Müller ein Vorzeichen des Nationalsozialismus, die Mauer eine Folge des Zweiten Weltkriegs. So gesehen, wird die Mauer zum Racheakt der Kommunisten für die ermordete Rosa Luxemburg. Müllers coole Konstruktion hat nur den kleinen Schönheitsfehler, dass die Rache am falschen Objekt geübt wird, an 16 Millionen DDR-Bürgern. Die Metaphern und ideologischen Großkonstruktionen sind auch Bilder, die den Blick auf simplere Beobachtungen trüben – zum Beispiel auf die einfache Wahrheit, dass eine Regierung, die die Bevölkerung nur durch Zwangsmaßnahmen davon abhalten kann, auszuwandern, moralisch, politisch und ökonomisch bankrott ist.

Aber natürlich war die Mauer jenseits der geschichtsphilosophischen Metaphern auch eine sehr konkrete Tatsache in Müllers Werk und erst recht in seiner Biografie. „Gratulation zum Schutzwall“, sagt Mitte der sechziger Jahre in Müllers Stück „Der Bau“ der Arbeiter Barka zu Parteifunktionären. „Ihr habt gewonnen eine Runde, aber Tiefschlag. Hätt ich gewusst, dass ich mein eignes Gefängnis bau hier, jede Wand hätt ich mit Dynamit geladen.“ Die Uraufführung des Stücks war 1965 am Deutschen Theater geplant. Noch während Benno Besson mit den Schauspielern probte, wurde die Inszenierung verboten.

Dabei war Heiner Müller von prinzipieller Ablehnung der SED-Diktatur weit entfernt, im Gegenteil, er hatte sein Stück als Beitrag zur Entwicklung des Sozialismus verstanden. Aber es war im Blick auf die Verhältnisse in der DDR zu illusionslos und realistisch, um von den Funktionären durchgewunken zu werden. Vielleicht waren die Funktionäre klüger als Müller: Sie wussten, dass der illusionslose Blick auf die Verhältnisse nicht unbedingt dazu einlud, an die DDR zu glauben. In der DDR konnte das Stück erst 1980 an der Volksbühne aufgeführt werden. „Auf Barkas Satz reagierte das Publikum mit absolutem Schweigen. Und das war die Rettung“, berichtete Müller in seiner Autobiografie. „Wenn es da eine Reaktion gegeben hätte, hätten sie es verboten.“

1994 sah Müller voraus, dass in Europa bald neue Mauern gebaut werden - und sollte Recht haben

Mit Verboten hatte Müller Erfahrung. 1961, unmittelbar nach dem Bau der Mauer, wurde die Uraufführung seines Stücks „Die Umsiedlerin“ verboten. Müller flog aus dem Schriftstellerverband, für die nächsten zwölf Jahre kam keines seiner Stücke in der DDR auf die Bühne. Der junge Dramatiker bekam zu spüren, dass die Spielräume nach dem Mauerbau kleiner wurden, die Diktatur musste keine Rücksichten mehr nehmen. Müller, auch im Blick auf eigene Illusionen und Fehler gnadenlos analytisch, erzählte später, wie naiv er und seine Freunde als überzeugte Kommunisten 1961 den Bau der Mauer begrüßt hatten: „Wir waren erleichtert, und wir fanden das richtig und notwendig: Die Mauer als Schutz gegen das Ausbluten, und nun konnte man im Land kritisch und realistisch mit allem umgehen.“ Das war ein Irrtum, die Folgen bekam Müller zu spüren. Aber es war ein Irrtum, aus dem Müller gelernt hat, der Macht und ihren wechselnden ideologischen Masken zu misstrauen.

Auch nach dem Mauerfall verdarb Müller feiernden Deutschen gerne die Stimmung. Bei einer Diskussion 1994 mit dem Theaterkritiker Henning Rischbieter, einem aufrechten Sozialdemokraten, formuliert er wieder düstere Orakel-Sätze. Für ihn ist klar, dass demnächst in Europa neue Mauern gebaut werden. Weil er historische Analogien liebt, verwendet er den Limes des antiken Rom als Metapher.

„Es gab keinen Feind mehr. Wenn das Reich des Bösen weg ist, ist der Teufel plötzlich überall. Die Barbaren sind etwas Diffuses, Jugoslawien, Armenien, Georgien, überall gibt es diese kleinen Barbarenstämme. Es gibt das Problem, wie hält man die davon ab, in die Wohnstube zu kommen, in der man sich einigermaßen eingerichtet hat. Man braucht Mauern. Es dauert immer eine Zeit, bis man merkt, was nötig ist. Man kann nicht sofort wieder eine Mauer bauen. Man weiß nur, und erfährt jede Woche neu: Man braucht sie. Aber man kann sie in der Form nicht wieder bauen. Man muss sich Zeit lassen und andere Architekturformen entwickeln. Es darf nicht mehr so einfach aussehen, aber eigentlich braucht man es schon.“

Zehn Jahre nach diesen merkwürdigen Müller-Sätzen gründete die EU die Agentur Frontex zur militärischen Sicherung der EU-Außengrenzen gegen illegale Einwanderer.

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