Kultur : Heinrich Handke

Warum dem Dichter Peter Handke der Heine-Preis nicht zusteht / Von Bora Cosic

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In unseren Gegenden, unseren mitteleuropäischen, sind fahrende Magier, Jahrmarktshypnotiseure, Bauchredner sehr populär. Sie sind seltsam gekleidet, tragen meist ausländische Namen, kommunizieren in einer besonderen Sprache, einer scheinbar kosmopolitischen, später stellt sich heraus, dass es doch Leute von uns sind, sie tun nur so, als wären sie Ausländer. In meiner Kindheit war ich bezaubert von solchen Personen, aber nach ihnen sind nicht nur Kinder verrückt, sondern auch naive Erwachsene. Eine Dame in meiner Nachbarschaft liebte es, auf eine aus Brettern gebastelte Bühne hinter einem Markt zu klettern, nur um sich dort vom größten serbischen Illusionisten Roko Cirkovic einschläfern, sich alle Kleider ausziehen zu lassen und ihm in dieser karnevalesken Trance ihre verborgensten Geheimnisse zu gestehen.

Den letzten Krieg verbrachte der größere Teil meines Volkes in einer Trance. Und jeder in der Kunst der Magie Bewanderte war imstande, ihnen eine andere Wirklichkeit als die existierende vorzugaukeln. Dabei hatte der Dichter Handke gewaltigen Erfolg, dem es gelang, viele Serben davon zu überzeugen, dass ihre Landsleute keine Verbrecher seien, sondern Opfer einer wohlüberlegten Weltverschwörung. Dieser Dichter steht heute allerdings wegen falscher Darstellung vor dem Gericht der europäischen Öffentlichkeit. Weil sich herausgestellt hat, dass den Heine-Preis für Völkerverständigung ein Lügner bekommen würde. Hier gerieten auch diejenigen in Bedrängnis, die diese Entscheidung gefällt hatten. Weil endlich jemand seinen Fuß auf das Gewand gestellt hat, in dem sich dieser Dichter unter uns ein ganzes Jahrzehnt lang bewegt hat, als befände er sich auf dem Karneval in Venedig.

Schon die alten Griechen problematisierten die Frage der Wahrheit, indem sie an der wahren Farbe der Natur zweifelten, die das menschliche Auge auf jeweils eigene Weise wahrnimmt. Alles um uns herum ist fragwürdig, die reale Welt steckt voller Täuschungen, nicht nur die Eidechsen wechseln ihre Maske, wenn sie in Gefahr geraten. Trotzdem wird die Wahrheit da und dort greifbar, leider dann erst, wenn es Tote gibt. Der Dichter Miloš Crnjanski erwähnt den Brauch des italienischen Publikums zur Zeit der Renaissance, nach der Vorstellung eines Wandertheaters die Schauspieler herbeizurufen, die während des Stückes umgebracht wurden oder starben. I morti! I morti!, rufen diese Handwerker und Bauern, und die Toten kommen auf die Bühne und verneigen sich brav. Aber wer kann die Toten von Srebrenica auferstehen lassen, damit sie heute, nach dieser blutigen Komödie, aufs Neue erscheinen?

Der große Bauernfänger Milosevic hatte sich selbst im Netz des Todes verfangen, als er sich weigerte, Medikamente einzunehmen, in der Meinung, so eine Behandlung in Russland erzwingen zu können. Genauso wurde der Dichter Handke bei der Wilderei ertappt, obwohl er selbst schon ein ganzes Jahrzehnt lang Fangeisen in den Wäldern und Bergen unserer Geschichte aufstellt.

Jemandes Werk aus ideologisch-politischen Gründen zu zensieren, es vom Spielplan zu nehmen, jemandem einen Preis wegzunehmen, ist für mich ein unzulässiger Akt. Selbst wenn es Peter Handke ist, ein Mann mit völlig falschen Anschauungen von der aktuellen Politik, außerdem ein großer Dichter seiner Sprache, besonders in früheren Jahren. Der Preis, den sie ihm jetzt zu verleihen versuchen, verkompliziert das Problem aber. Es ist, als amnestiere man damit das ganze Grauen der Gewaltherrschaft in Serbien in den letzten Jahrzehnten. Dieser große Manipulator mit seiner Sicht auf den Krieg ist selbst manipuliert, weil er zu einem Gewicht auf der Waage von Interessen wird, die sehr wenig mit der Sache der Literatur zu tun haben.

Wenn jemand Gerechtigkeit für Handke fordert, muss er zuerst Gerechtigkeit für Serbien fordern, um es vor falschen Anwälten zu schützen. Denn wie er dieses Land vertritt, ist beleidigend. Serbien ist kein bedürftiges Gebiet voll armer, dumpfer und rückständiger Leute, sondern eine Gegend, die der Welt in den letzten hundert Jahren ihre Dichter, ihre avantgardistische Kunst und ihre geistvollen Persönlichkeiten geschenkt hat. Es gibt dort viele offene Gegner des Regimes, es ist genau das Land, auf das sich auch die junge Autorin Biljana Srbljanovic beruft. Dieses andere Serbien müsste vor dem heutigen Ehrengericht, vor dem Peter Handke steht, in den Zeugenstand treten.

Der Autor, 1932 in Zagreb geboren, lebt als Schriftsteller in Rovinj und Berlin. Zuletzt erschien bei Suhrkamp „Das Land Null“. – Aus dem Serbischen von Katharina Wolf-Grießhaber

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