Herbert Blomstedt und die Berliner Philharmoniker : Marmor, Stein und Feuerschein

Bald 90 und trotzdme mit jugendlichem Elan: Herbert Blomstedt dirigiert Brahms bei den Berliner Philharmonikern, András Schiff spielt Bartók.

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Herbert Blomstedt (r.) und András Schiff im Kammermusiksaal.
Herbert Blomstedt (r.) und András Schiff im Kammermusiksaal.Foto: Peter Adamik

Man möchte ihn auf der Stelle zum IchIdeal erklären, diesen Maestro, der mit seinen 89 Jahren so hellwach, kerzengerade, mit natürlicher Autorität und jugendlichem Elan ausgestattet am Pult der Philharmonie steht. Bis zu seinem 90. Geburtstag am 11. Juli wird Herbert Blomstedt zahlreiche Konzerte absolvieren, darunter in Amsterdam, München, Oslo, in der Elbphilharmonie und natürlich bei der Dresdner Staatskapelle, deren Chef der in den USA geborene Schwede zehn Jahre lang war. Die Berliner Philharmoniker leitete Blomstedt, einer der dienstältesten Dirigenten der Welt, am Donnerstagabend nun auch schon zum 31. Mal. Apropos Elbphilharmonie: In Block A, Reihe 10, sitzt ihr Akustiker, Yasuhisa Toyota, und plaudert nach der Pause mit András Schiff; Toyota weilt wohl für das Feintuning des Boulez-Saals in der Stadt. Und nach seinem Auftritt mit Bartóks 3. Klavierkonzert samt Zugabe – ein die Schlichtheit des Stücks raffiniert überhöhender „Schweinehirtentanz“ aus Bartóks Klavierstücken für Kinder – hört sich der Pianist gleich auch noch Blomstedts Interpretation von Brahms’ 1. Sinfonie an.

Blomstedt legt die Architektur des Heroischen frei

Die Erste wird an diesem Abend zur Marmorskulptur. Blomstedt geht wie ein Bildhauer zu Werke, meißelt Konturen, modelliert Profile, gestaltet den Bläserchoral im Finalsatz derart plastisch, dass man sich wegduckt. Auch wenn die wuchtige Lautstärke manchmal auf Kosten der Oboe von Albrecht Mayer oder der Klarinette von Andreas Ottensamer geht: Einen derart glühenden, funkensprühenden Brahms hört man selten, und die Philharmoniker geben ihr Allerbestes. Sie lieben diesen Mann am Pult, es ist deutlich zu hören. Blomstedt dirigiert freihändig, die Rechte hoch erhoben, die Linke weit nach hinten ausgreifend. Immer wieder rundet er dabei die Hände zur Schale, eine Geste der Behutsamkeit. Bei aller Monumentalität sorgt er sich eben auch um jedes Detail. Am Ende dann aber volle Kraft voraus bei gemäßigtem Tempo: Blomstedt stülpt das Innerste nach außen, legt die Architektur des Heroischen frei. Und doch wird seine bezwingende Art nie unterkühlt, abstrakt oder berechnend, er bewahrt das menschliche Maß. Nichts klingt vordergründig, alles ist wesentlich.

„Die Kunst sucht das Absolute, auch wenn wir wissen, dass es das nicht gibt“, sagte der gläubige Adventist Blomstedt einmal. So geht er auch bei Bartóks Schwanengesang zu Werke, gemeinsam mit András Schiff. Der wählt eine deutlich härtere Diktion als bei früheren Interpretationen des 3. Klavierkonzerts, das der Ungar vor seinem Tod 1945 in New York nicht mehr ganz hatte fertigstellen können, eine glasklare, höchst präzise Diktion, besonders in den vertrackten synkopischen Passagen. Ein impressionistisches Werk? Schiff und Blomstedt nehmen es expressionistisch, zunehmend scharfkantig, ein tönerner Kandinsky. Und wieder hört man betörende Details, etwa die Einmütigkeit im kurzen, Terzen-trunkenen Zwiegespräch zwischen Klarinette und Klavier am Ende des Adagio religioso.

Ovationen für Blomstedt, der sich bei den Holzbläsern einzeln bedankt, mit Handschlag. So viel Freundlichkeit, so viel Charisma.

Nochmals diesen Samstag, ausverkauft

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