Herbert Fritsch inszeniert "der die mann" an der Volksbühne : Des Dichters Trichter

Herbert Fritsch inszeniert „der die mann“ nach Konrad Bayer - und triumphiert an der Volksbühne. Fritsch schenkt Bayers dunklen Texten Helligkeit und Licht – auf einer Showbühne mit Drehwurm. Die Schauspieler kommen in knallbunten, eleganten Gummiklamotten und in Beatles-Banduniformen daher; Fetischtypen, Raumfahrer, Zombies

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Das Mikrofon macht die Musik. Farbenfroh präsentiert sich das Fritsch-Ensemble. Der Schrecken lauert auf der Treppe.
Das Mikrofon macht die Musik. Farbenfroh präsentiert sich das Fritsch-Ensemble. Der Schrecken lauert auf der Treppe.Foto: Eventpress Hoensch

Im Theater gewesen. Laut gelacht. Wann ist das zuletzt passiert? Also nicht dieses amüsierte Hüsteln oder glucksende Schmunzeln, nein: Lachen aus vollem Hals. Vor ein paar Jahren muss es gewesen sein, als Herbert Fritsch an der Volksbühne „Die (s)panische Fliege“ inszenierte und bald darauf die Ein-Wort-Oper „Murmel, Murmel“. Man kam aus dem Lachen und Staunen nicht heraus.

Herbert Fritsch hat im deutschsprachigen Theater ein schweres Amt, um nicht zu sagen: Hochamt. In der Kirche der Ernsthaftigkeit und der Diskurse muss er ganz allein Witz und Humor vertreten. Er ist der einsame Rufer unter all den Alleskönner-Regisseuren, die eines eben nicht können: Komik.

Als der Wiener Dichter Konrad Bayer einmal bei der Gruppe 47 vorlas, bemerkte Ernst Bloch: „Der Witz und das Grauen hängen sehr eng zusammen.“ Bayers Texte sind witzig, ja. Und voller Horror und Verzweiflung. Konrad Bayer nahm sich 1964 das Leben, da war er 32 Jahre jung. Es heißt, er habe es getan, weil ihm alles sinnlos erschien. Und weil er bei Schriftstellern nicht ankam, die im Besitz von Sinn und Moral waren, wie in der Gruppe 47. Zu Lebzeiten erschien von ihm nur ein schmaler Band, „der stein der weisen“. (Er praktizierte konsequente Kleinschreibung.) Sein Freund Gerhard Rühm gab nachher Bayers Gesamtwerk heraus, 450 mit kleiner Schrift bedruckte Seiten. Sie hauen den Leser auch heute noch um.

Herbert Fritsch schenkt Konrad Bayer

Das will laut gelesen sein, mindestens. Konrad Bayers Texte schreien nach der Performance. Dies nun ist Herbert Fritschs Geschenk: an Konrad Bayer posthum, an die Zuschauer, an das Theater. Das endlich wieder eine große, komische, brillante Aufführung hat. Fritsch setzt an der Volksbühne eine Auswahl von Bayers Wortschöpfungen und -erschöpfungen in Szene: „der die mann“. Das dauert gut anderthalb Stunden und ist derart abendfüllend, dass man noch am nächsten Tag beglückt ist davon und Bayer im Kopf hat. Was einmal Wiener Nachkriegsavantgarde war, ist heute Entertainment. Das vollbringt Fritsch mit seinen sieben Akteuren und „der die mann“: Unterhaltung über dem Abgrund. Grandios!

Als Schauspieler hat sich Fritsch intensiv mit Bayers Welt beschäftigt. Das geht nicht ohne Risiko, schnell hat man sich in diesen Textlabyrinthen verlaufen, die mit offener Tür locken und unversehens abbiegen in die verschlungensten Hirnwindungen, dabei stets eine saubere Logik vortäuschend. Hier machen sich Florian Anderer, Jan Bluthardt, Werner Eng, Annika Meier, Ruth Rosenfeld, Axel Wandtke und Hubert Wild als Stoß- und Sturmtrupp auf den Weg. Jeder in bestechender Form, ein Ensemble, das zusammenhält, das, wie beim Fußball oder Jazz, im entscheidenden Moment Platz schafft für ein Solo.

"da erscheint karl mit karl auf dem karl und wirft karl auf karl ..."

Mit Bayers Texten umzugehen, ist mörderisch schwer. Wie kann man sich das merken, wie es da in Tautologie mäandert und in Wiederholungen sich wälzt? „der verzweifelte karl greift zum karl. aber schon hat karl karl genommen. da erscheint karl mit karl auf dem karl und wirft karl auf karl in den karl ...“ Das wird ein Glanzstück des Abends, „karl ein karl“. Bitte nicht nach Inhalt oder Erklärung fragen! Konrad Bayer war der Wilde, der Haltlose der Wiener Gruppe um H. C. Artmann und Gerhard Rühm. Ernst Jandl stand am Rand, sie mochten ihn nicht – und auch er litt lange am Literaturbetrieb und wurde erst spät mit Erfolg belohnt. Jandls „lechts und rinks“ und der „mops“ sind in die Alltagskultur eingegangen. So vieles, was man da jetzt in Fritschs jüngster Kreation an der Volksbühne hört, klingt nach Jandl. Ist aber Bayer. Und älter. Bayer wurde nie berühmt. Er ist für Eingeweihte.

Er war es. Jetzt erleben seine Dichtungen – allesamt ausgekostete Kommunikationskatastrophen – einen Berliner Frühling. „man muss sich umbringen um die hoffnung zu begraben.“ Auch solche Sätze hat Bayer geschrieben. Fritsch folgt ihm nicht in die Depression. Er schenkt ihm Helligkeit und Licht – auf einer Showbühne mit Drehwurm, die beherrscht wird von einer roten Treppe und einem gelben Grammofontrichter. Fritsch ist wie immer sein eigener Designer. Die Objekte haben ihre spezielle Poesie. Aber nie ohne Funktionalität, so wie in anderen Produktionen das Riesensofa oder der Teppich. Die gelbe Zaubertreppe lässt gern einmal den einen oder anderen Akteur verschwinden. Oder gleich alle. Die drei Mikrofone, ebenfalls in Rot, Gelb und Blau gehalten, führen ein zuschnappendes, wegklappendes Eigenleben. Slapstick mit Ständer, das hat sich eigentlich erledigt. Hier ist es umwerfend komisch.

Erinnert an Peter Handke, von Claus Peymann inszeniert

Zu Beginn kommen die glorreichen Sieben in knallbunten, eleganten Gummiklamotten daher; Fetischtypen, Raumfahrer, Zombies. Nachher tragen sie Einheitsanzug und -frisur, Pilzköpfe der Sechzigerjahre (Kostüme: Victoria Behr). Der ganze Aufzug erinnert an die frühen Stücke von Peter Handke, die in Claus Peymanns an den Beatles und den Rolling Stones geschulter Regie wie Rockkonzerte über die Rampe kamen; der Schauspieler als Interpret und Instrument.

In Fritschs Choreografie des Chaos hat alles Form und Ordnung, ist jeder an seinem Platz, wird mit höchster Disziplin gearbeitet, konzentriert grimassiert. Und immer frisch und fröhlich! Links und rechts des Portals arbeitet unter Leitung von Ingo Günther die Band. Vier Musiker mit Tasten und Schlagwerk. Sie treiben an, geben den singenden Sprechern Halt, spielen mit. „der die mann“ legt einen unwiderstehlichen Rhythmus vor. Auch die Beleuchtung erzählt Geschichten. Plötzlich liegen die Bayer-Boys und -Girls am Boden, über ihnen tut sich ein weiter Himmel auf, sie spiegeln sich doppelt im Scheinwerferlicht, wie Insekten, die auf dem Rücken um ihr Leben zappeln.

Im Theater gewesen. Und gedacht: Das ist der beste Herbert Fritsch bisher.

Wieder am 22. und 26. Februar sowie am 15. und 25. März und am 3. April.

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